Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Juli 3, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der perfekte Dreiklang entsteht mit Wodkagläsern

„Schicksal“, schreibt Julian Barnes. „Das ist nur ein großes Wort für etwas, was man nicht ändern konnte. Wenn das Leben ,Also‘ sagte, dann nickte man und nannte es Schicksal.“

Es ist das Jahr 1937, Leningrad. Allabendlich steht ein Mann vor seiner Wohnung neben dem Fahrstuhl und wartet darauf, dass die Geheimpolizei ihn auf Nimmerwiedersehen abholt. Dies will er in Anzug und Krawatte erledigt wissen, nicht im Nachtgewand – und vor allem nicht unter Wehklagen seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Der Mann, der da steht, ist der weltberühmte Komponist Dmitri Schostakowitsch. Sein Vergehen: Genosse Stalin verließ vorzeitig eine Repertoirevorstellung seiner „Lady Macbeth von Mzensk“. Samt Molotow, Mikojan und Schdanow.

Man weiß bis heute nicht, was am 26. Jänner 1936 im Bolschoi Theater geschah. Das Orchester jedenfalls hypernervös. Und am nächsten Tag eine vernichtende Kritik in der Prawda – über eine Oper „ohne Sittsamkeit und Bescheidenheit“. Vernichtend, das war zu Zeiten des Großen Führers der Sowjetunion im Wortsinn zu nehmen. Die Rezension, sagt die mangelnde Orthografie, soll Stalin selbst geschrieben haben …

Entlang dieser für ein Menschenleben alles entscheidenden Begebenheit führt Barnes seinen Roman „Der Lärm der Zeit“. Es ist ein dicht komponierter Text, von meisterhafter Knappheit und spartanisch in der Wortwahl, der hier Auskunft über Kunst in Zeiten der Repression gibt. Er ist, viel mehr als eine Künstlerbiografie, die Analyse eines Regimes, in dem Arroganz, Heuchelei und Ignoranz gegen alles, das irgend „anders“/entartet ist, gebündelt werden. Er ist sowohl das Psychogramm eines Menschen als auch eines politischen Systems. Er entlarvt den Irrwitz des Apparats wie der Apparatschiks.

Es ist der Stoff, der Tragödien im Rückblick zu Farcen macht. Schostakowitsch, der sich von diesem Schlag nie wieder erholen wird, sieht sein Leben fortan nicht mehr als große Dichtung, sondern als Gogol’sche Satire, die Realität erscheint ihm schrecklicher als sein Gedankenchaos. Er legt ein Album an, in dem er Schmähartikel sammelt, er geht regelmäßig zu den Verhören ins Große Haus am Liteiny-Prospekt, bis sein dortiger Peiniger selbst verhaftet wird und verschwindet. Schostakowitsch, man weiß es, wurde nicht ermordet, und dennoch zum Opfer des Stalinismus. Er starb 1975 am dritten Herzinfarkt. Nach sehr viel Wodka, die der vorherige Abstinenzler ab 1937 seine Kehle hinunter laufen ließ.

Bild: pixabay.com

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Dazwischen liegen Jahrzehnte des Dauerzitterns, drei Ehen, zwei Kinder. Stalin in seiner Paranoia des Heute-Freund-morgen-Feind verheert die Sowejtunion. Seine Macht lässt sich nie in die Karten schauen, das Nichtvorhersehbare ist ihr Prinzip. Vom Volkshelden zu dessen Verräter ist es nur ein kleiner Schritt. Und Schostakowitsch galt in diesem Konstrukt als „parteiloser Bolschewik“.

Im Zwölf-Jahres-Rhythmus, so will es ihm erscheinen, wird gegen ihn vorgegangen. Seine Fünfte Symphonie nennt die Zensur eine „optimistische Tragödie“ – und erkennt nicht, dass er sich längst in die musikalische Satire gerettet hat: „Sie merkten nichts von der gellenden Ironie des letzten Satzes, diesem Hohn auf den Triumph. Sie hörten nur den Triumph selbst, ein Treuebekenntnis zur sowjetischen Musik, zum Leben unter der Sonne der Stalin’schen Verfassung. Er hatte die Symphonie fortissimo und in Dur ausklingen lassen. Und wenn er sie pianissimo und in Moll hätte ausklingen lassen? Von so etwas konnte ein Leben abhängen.“

Schostakowitsch wird überschwemmt von Selbstekel. Der Komponist ist zum Helden nicht gemacht, er ist mehr Ducker und Anpasser – und Barnes stellt dies dar, ohne jemals den Zeigefinger eines Nachgeborenen zu heben. „Der Lärm der Zeit“ liest sich auch als Parabel über die Unfreiheit der Kunst aufgrund ihrer Vereinnahmung durch Gönner, hieße heute: Sponsoren. Stalins verqueres Verhältnis zu seinen Künstlern ist bekannt – siehe etwa Michail Bulgakow, den er nicht publizieren, aber per wöchentlichem Fresspaket auch nicht verhungern ließ. Auch über Schostakowitsch Überleben gibt es ein Ondit: „Stalin sagt, man soll ihn nicht anfassen.“

Schostakowitsch wird er erst zu einer desaströsen „Friedens“-Konferenz in den USA drängen, wo er – ganz Parteilinie – seinem Idol Strawinsky abschwören muss, dies der Sündenfall, den er sich lebenslang nicht verzeihen wird, später Chruschtschow ihn in die Position des Vorsitzenden des Komponistenverbandes zwingen. Der zweite Frevel. Noch mehr Grauen, noch mehr Alkohol. „Früher hatten sie ausgelotet, wie weit sein Mut reichte. Jetzt loteten sie aus, wie weit seine Feigheit reichte.“ Barnes zoomt sich in die Befindlichkeiten seines Protagonisten, er dreht an dessen geistigem Lautstärkenregler, wenn’s im Hirn gellt: Selbstverrat! „Nun ja, er lügt wie ein Augenzeuge, wie das Sprichwort sagt“, notiert der Autor über den Seelenslalom seiner Hauptfigur. Diese Innen-im-Er-Perspektive ist reizvoll, man muss sie als Leser aber auch aushalten, und wo Barnes Daten und Fakten einfügen muss, hatscht sie ein wenig.

„Insgesamt hatte er den Stalinpreis sechs Mal bekommen, auch den Leninorden erhielt er in regelmäßigen Zehnjahresabständen: 1946, 1956 und 1966. Er schwamm in Ehrungen wie eine Garnele in Garnelen-Cocktailsoße. Und bis 1976 hoffte er, tot zu sein.“ Barnes mag das Garnelen-Cocktailsoßen-Zitat. Er verwendet es mehrmals. Auch Anekdoten und Witze recycelt er bis zum Formalismus. Wie das Gleichnis von der Katze, die den Papagei am Schwanz hinter sich herzieht. Sein Kopf knallt gegen jede Stufe, aber der Papagei sagt … Flaubert lässt grüßen. Barnes zeichnet jenseits des Musikalischen einen Mann, der solche Witze mochte, der Fußballfan war und sich zum Volleyballschiedsrichter ausbilden ließ, der Kandelaber liebte und große Standuhren.

Bild: pixabay.com

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Der Komponist wird zum System-Schulbub. Ihm wird ein Tutor zur Seite gestellt, er muss Zusammenfassungen über Stalins schwülstige Weisheiten verfassen. 1959 entsteht sein 8. Streichquartett; mit der Widmung „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“ meint Schostakowitsch sich selbst. 1. Wegen Stalin. 2. Wegen Hitler. Bei der Belagerung durch reichsdeutsche Truppen war Schostakowitsch von einem Schrapnell im Kopf getroffen worden, das nie entfernt werden konnte. Er, der Sohn aus gutbürgerlichem Hause, verabscheut beider Seiten „Rassenwahn“: Den kommunistischen, dem die proletarische Reinheit ebenso wichtig ist, wie dem nationalsozialistischem die arische Reinheit.

„Der Lärm der Zeit“, das sind die Abtransporte während der stalinistischen Säuberungswellen, das ist politisches Krakeelen, die gehobelten Späne des Sowjetsozialismus, und das sind seine Opfer in ihrem letzten Aufseufzen. Schostakowitsch wäre lieber von ihm verschont geblieben. Im Gegenzug – „Kunst“, schreibt Julian Barnes, „ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“ Es ist nur konsequent, dass diese Kunst, die Musik, nicht aber ihre Überlebenskraft, die große unbesprochene Leerstelle des Romans bleibt. Nur an einer Stelle analysiert Schostakowitsch sein Metier: einen perfekten Dreiklang. Da geht’s um einen Bahnsteig, einen weltkriegsversehrten, beinamputierten Bettler und drei Wodkagläser beim endgültigen Anstoßen. Welch ein Abschlussbild für dieses abgründige, tiefgründige Buch.

Über den Autor:
Julian Barnes, geboren 1946 in Leicester, England, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen britischen Autoren. Er wuchs in London und Northwood auf. Bis 1968 studierte er am Magdalen College in Oxford Moderne Sprachen und schloss das Studium mit Auszeichnung ab. Drei Jahre lang arbeitete er als Lexikograph für das Oxford English Dictionary supplement, trat dann eine Stelle als Redakteur bei der New Review und dem New Statesman an, bevor er von 1979 bis 1986 erst als Fernsehkritiker für den New Statesman und den Observer tätig war. 1979 heiratete Barnes seine Agentin Patricia Olive Kavanagh, die 2008 den Folgen eines Gehirntumors erlag. Julian Barnes setzt sich mit dem plötzlichen Tod seiner Frau in seinem Buch „Lebensstufen“ auseinander. Er widmet ihr den Großteil seiner Werke. Schon 1980 veröffentlichte Julian Barnes mit „Metroland“ seinen ersten Roman. Mit „Flauberts Papagei, seinem dritten Roman, gelang Barnes 1984 der internationale Durchbruch, mit diesem Titel stand er zum ersten Mal auf der Shortlist des Man Booker Prize, den er 2011 für „Vom Ende einer Geschichte“ erhielt. Julian Barnes lebt und arbeitet in London.

Kiepenheuer & Witsch, Julian Barnes: „Der Lärm der Zeit“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gertraude Krueger.

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  1. 7. 2017