MdM Salzburg: Auf/Bruch. Vier Künstlerinnen im Exil

Juni 29, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Ausstellungsreihe startet mit Fotografinnen

Grete Stern: Sueno N° 2, Buenos Aires, 1949 (Traum Nr. 2.) Bild: Museum Folkwang, Essen

Das Museum der Moderne Salzburg startet eine Reihe über Künstlerinnen und Künstler mit Exilhintergrund, die wiederentdeckt und neu positioniert werden sollen. Unter dem Titel „Auf/Bruch“ werden in der ersten Ausstellung ab 1. Juli drei Fotografinnen – Ellen Auerbach, Grete Stern und Elly Niebuhr – sowie die Künstlerin und Pädagogin Friedl DickerBrandeis vorgestellt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 verließen Tausende von Kulturschaffenden Deutschland, ab dem „Anschluss“ 1938 auch Österreich. Die unfreiwillige Auswanderung bedeutete für die Exilanten nicht nur Verlust und Isolation, sondern auch die Notwendigkeit, unter völlig neuen Bedingungen zu arbeiten und sich gleichsam neu zu erfinden. Während sich die vier aus jüdischen Familien stammenden Künstlerinnen Ellen Auerbach, Grete Stern, Elly Niebuhr und Friedl Dicker-Brandeis, die alle im Bereich der Gestaltung tätig waren, in ihren jeweiligen Disziplinen professionalisierten, wurden sie durch die Emigration zu beruflichen und persönlichen Neuanfängen gezwungen. Teils durch die Umstände genötigt, teils aus dem Bedürfnis heraus, das Erlebte zu verarbeiten, entwickelten sie im Exil jeweils eine neue künstlerische Sprache.

„Nach der Auseinandersetzung mit dem Werk von Charlotte Salomon in „Leben? Oder Theater?“ 2015 und der Beschäftigung mit Formen des ästhetischen und politischen Exils in der Ausstellung „Anti:modern“ 2016 rücken wir mit dieser Ausstellungsreihe weitere Künstlerinnen mit Exilhintergrund in den Fokus“, erläutert Sabine Breitwieser, Direktorin des Museum der Moderne Salzburg. In der Ausstellung sind etwa zweihundert Werke zu sehen, die verdeutlichen, wie unterschiedlich der „Auf/Bruch“ ins beziehungsweise im Exil bewältigt wurde. Die ausgestellten Arbeiten umspannen die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu den 1960er-Jahren und dokumentieren somit die Zeitgeschichte mehrerer Jahrzehnte.

Ellen Auerbach: Huejotzingo, Mexiko, um 1956. Bild: Museum Folkwang, Essen

Friedl Dicker-Brandeis: Verhör II, 1934–1938 Öl. Bild: Museum in Prag Fotoarchiv

Die Ausstellung begleitet die vier Frauen gleichsam auf den Stationen ihres Exils und breitet ihre künstlerischen Biografien im Spannungsfeld von Einschränkung und Entfaltung, Verlust und Inspiration aus. „Die Ausstellung zeigt exemplarisch, dass sich Exil und Emigration im Werk von Künstlern durch Diskontinuität, Verluste, Auf- und Abbrüche und fremdbestimmte Neuanfänge abzeichnen“, so Kuratorin Christiane Kuhlmann. „Ein gutes Beispiel für den Wandel der Bildsprache durch das Exil ist das Werk von Friedl Dicker-Brandeis. Beeinflusst von der Psychoanalytikerin Annie Reich wechselte sie auch das Medium: Auf die Architektur-, Möbel- und Textilentwürfe der 1920er-Jahre folgte jetzt figurative Malerei, in der sich die Exilerfahrung niederschlägt“, erläutert Kuratorin Beatrice von Bormann.

Grete Stern, geboren 1904 in Elberfeld, DE, gestorben 1999 in Buenos Aires, und Ellen Auerbach, geboren 1906 in Karlsruhe, gestorben 2004 in New York begannen ihre fotografische Karriere in Berlin. Beide absolvierten nach einem klassischen Kunststudium eine fotografische Ausbildung im Berliner Atelier von Walter Peterhans, der später als erster Professor für Fotografie ans Bauhaus in Weimar berufen wurde. Gemeinsam gründeten die beiden Frauen 1929 das Studio ringl+pit, das sich auf Werbefotografie spezialisierte und trotz der unkonventionellen Bildsprache in diesem Bereich etablierte. 1933 gingen sie ins Exil, Auerbach über Tel Aviv nach New York, Stern zuerst nach London, dann 1936 nach Buenos Aires. Dort waren sie jeweils auf sich allein gestellt und entwickelten neue Arbeitsformen, um zu überleben.

Die Bandbreite der gezeigten Arbeiten aus dem Museum Folkwang in Essen reicht von der frühen Werbefotografie über Porträtaufnahmen bis hin zu zwei besonderen Fotoserien: Die von 1948 bis 1952 entstandene Serie der Sueños, Fotomontagen für eine argentinische Frauenzeitschrift, zeugt von Grete Sterns intensiver Beschäftigung mit Ängsten von Frauen und deren gesellschaftlicher Rolle. Ellen Auerbach hingegen setzt sich in ihrer Serie Mexican Churches aus dem Jahr 1954 mit der Atmosphäre katholischer Kirchen in Mexiko auseinander. Ihr technischer Rückgriff auf die Methode des Carbrodrucks, ein damals bereits veraltetes und handwerklich schwieriges Farbdruckverfahren, lässt die Darstellungen von Christus- und Märtyrerfiguren besonders drastisch erscheinen.

Elly Niebuhr: Familienasyl in einem Gemeindebau der Stadt Wien, 1937–1938. Bild: Nachlass Elly Niebuhr, Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv

ringl+pit: Pétrole Hahn, Hairconditioner. Advertisement, 1931 (Pétrole Hahn, Haarspülmittel. Werbung). Bild: Museum Folkwang, Essen

Friedl Dicker-Brandeis, geboren 1898 in Wien, ermordet 1944 in Auschwitz, betrieb nach ihrer vielseitigen Ausbildung, unter anderem in den Werkstätten am Bauhaus in Weimar, ein erfolgreiches Atelier für (Innen-)Architektur in Wien, zeitweise gemeinsam mit dem Architekten Franz Singer. Zahlreiche Entwürfe ihrer innovativen Raumlösungen, wandelbaren Möbel und Textilien sind in der Ausstellung zu sehen. Der Einfluss der reformpädagogischen Bewegung auf ihre Arbeit wird in dem Phantasius-Spielzeugkasten, entstanden um 1925, mit hölzernen Einzelteilen zum Zusammensetzen von Tieren erkennbar.

Dicker-Brandeis, die 1931 der kommunistischen Partei beigetreten war, wurde 1934 inhaftiert. In den beiden Gemälden Verhör I und Verhör II verarbeitete sie dieses Erlebnis. Im selben Jahr floh sie nach Prag und wandte sich der realistischen Malerei und dem Kunstunterricht für Kinder zu. Ihre letzten Arbeiten entstanden im KZ Theresienstadt. 1944 wurde Dicker-Brandeis nach Auschwitz deportiert und von den Nationalsozialisten getötet.

Die ebenfalls gebürtige Wienerin Elly Niebuhr, geboren 1914, gestorben 2013 in Wien, absolvierte eine Lehre als Schnittzeichnerin in einem Miedersalon, studierte Chemie und begann 1936 eine Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und im Fotostudio Hella Katz.

Ab 1937 entstanden ihre Fotoserien zu sozialen Errungenschaften des Roten Wiens, wie dem KarlMarx-Hof, dem Familienasyl sowie Einrichtungen für Frauengesundheit, Beratungsstellen und Gebärstationen. 1939 emigrierte sie nach London, 1940 weiter nach New York. Langfristig sah sie als Kommunistin aber keine Chance, sich in Amerika zu etablieren, und kehrte 1947 nach Österreich zurück. Dort konnte sie an ihre Sozialreportagen aus der Zeit vor dem Krieg nicht mehr anknüpfen und entwickelte sich zu einer vielbeschäftigten Modefotografin, die bis in die 1980er-Jahre tätig war.

www.museumdermoderne.at

29. 6. 2017