Der Tod von Ludwig XIV.

Juni 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Elegie auf die Vergänglichkeit

Eine letzte Ermahnung an den nächsten König – „Erleichtern Sie Ihrem Volk das Leben“: Jean-Pierre Léaud und „Louis XV“. Bild: Filmgarten

Da liegt er auf seinem Bett. Königlich. Gekleidet in eine Brokatweste mit Goldknöpfen, samtrote Kniebundhose, weiße Strümpfe. Im Nebenraum wird gefeiert, und die gutgelaunte Gesellschaft fordert ihren Herrscher auf, es ihr gleich zu tun. Doch der kann nicht mehr. Er ruft einen Diener, er will seinen Hut, das Prachtstück rückt wie von Zauberhand ins Bild, Louis schöpft Atem – und grüßt sein Volk formvollendet, mit einer fließenden, eleganten Handbewegung.

Dieses: Applaus, Verneigung, Rückzug. Es wird das letzte Mal sein, das der Souverän die Kraft für Bewegung aufbringt … Regisseur Albert Serra hat mit der Nouvelle-Vague-Ikone Jean-Pierre Léaud „Der Tod von Ludwig XIV.“ verfilmt. Léaud, dereinst berühmt geworden durch Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“, wurde für seine herausragende darstellerische Leistung bereits mit der Goldenen Ehren-Palme und dem Prix Lumière geehrt. Am 30. Juni läuft der Film nun auch in den österreichischen Kinos an. Serra hat basierend auf medizinischen Berichten und den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon die letzten Tage von Frankreichs Sonnenkönig rekonstruiert. Entstanden ist so ein durchaus skurriler Sonnenuntergang, gleichzeitig ein berührendes Kammerspiel im königlichen Schlafgemach, ein wortkarger Film über verwehte Elegance und Opulenz.

Die absolutistische Repräsentation nämlich lässt Serra im Halbdunkel, das Licht ist, als wär’s Tenebrismus-Malerei, auf den Schmerzensmann im Zentrum gerichtet, auf dessen Einsamkeit inmitten der ihn umgebenden Geschäftigkeit der Ärzte und Höflinge. Es passt ins Bild, dass Ludwigs Leibarzt Guy Crescent Fagon – während er selbst herumdoktert – an einer Stelle aus Molières „Eingebildetem Kranken“ zitiert. Mit dem Unterschied, dass Ludwig kein Hypochonder war, sondern im Gegenteil sein wahres Leiden zu spät erkannt wurde. Der Monarch ist 77 Jahre alt, als er am 9. August 1715 nach einer Jagd über Schmerzen im linken Bein klagt. Behandelt wird alles Mögliche, vor allem – wegen des „guten Lebens“ – Magen, Leber, Galle, doch erst als das Bein schon deutlich dunkle Stellen aufweist, erkennt die Ärzteschaft die Gewebsnekrose. Nichts mehr zu machen, zumal der König eine Amputation ablehnt. Ludwig stirbt am 1. September. „Wenn das Bein gegangen ist, sollte der Rest des Körpers nicht länger bleiben“, soll er gesagt haben.

Selbst über den Besuch der geliebten Hunde bestimmt der Arzt: Jean-Pierre Léaud. Bild: Grandfilm

Der Hof umringt das Krankenbett: Irene Silvagni als Madame de Maintenon, Marc Susini als Blouin und Jacques Henric als Kardinal Dubois. Bild: Filmgarten

Der wunderbare Léaud spielt Ludwigs Martyrium mit gerade stoischer, mit so erhabener wie gottergebener Ruhe. Wie er im Wortsinn aus der Tiefe des Bilds auftaucht, das ist große Kunst. Nunmehr nur noch ins Nachthemd gekleidet, die Allongeperücke übermächtig groß, wie explodiert, ist sein Ludwig immer noch von größter Würde. Einen letzten Ausflug im Rollstuhl haben ihm die Ärzte gewährt, dann haben sie ihn bereits zu Lebzeiten in seinem Bett aufgebahrt.

Den alten, müden Mann jeder Selbstbestimmung beraubt; Fagon, dargestellt von Patrick d’Assumçao, verbietet ihm sogar seine geliebten Hunde zu sehen. Léauds Spiel mit halb geschlossenen Augen – als wolle sein Ludwig nicht mehr auf die Welt sehen – wird mit dem Sterben immer intensiver. Bewegend die kurze Szene, in der er seinen fünfjährigen Urenkel ermahnt: „Tun Sie nur Ehrenhaftes. Erleichtern Sie Ihrem Volk das Leben.“

Kaum auszuhalten, mit anzusehen, welchen medizinischen Prozeduren sich Ludwig unterziehen musste. Erschütternd eine mehrere Minuten lange Einstellung, in der Léaud mit einer schaurig-charismatischen Mischung aus Frustration und Starrsinn in die Kamera blickt – Le Grand gefangen im Limbus der Geschichte, sein Körper aber eine Elegie auf die Vergänglichkeit. Das alles hält Serra mit drei fix montierten Kameras fest – weitere Distanz, mittlere Entfernung, Close-Up. Das Projekt war ursprünglich eine Auftragsarbeit fürs Centre Pompidou. 15 Tage wollte Serra Léaud in einen Glaskubus legen, durch den der Museumsbesucher das Sterben des Königs als performativen Langzeitakt erleben sollte. Doch dann fehlte dort auf einmal das Geld. Nun der Film …

Einmal noch in den Park, ein Ausflüge im Rollstuhl: Clément Censier, Jean-Pierre Léaud und Marc Susini. Bild: Filmgarten

Sehr schön inszeniert Serra den Hof. Es ist ein mit seinem König gealterter; man schaut in verwitterte, verlebte Gesichter, die Dekolletés nicht mehr taufrisch, die stolze Haltung vom Leben gebeugt. Immer an Louis Seite: Marc Susini als sein erster Diener Blouin und Irène Silvagni als Madame de Maintenon. Die Mätresse, die Hugenottentochter, die zur politischen Ratgeberin Seiner Allerkatholischsten Majestät wurde.

Die Ehrerbietung, die Erschütterung über Ludwigs tödliche Erkrankung zeichnet sich auf den Zügen dieser – meist durchgehend schweigsamen – Menschen ab. Es gibt dazu ein Ondit: Ludwig sei ein überaus höflicher Charakter gewesen, der jeden Menschen mit Respekt behandelte. Selbst vor seinen Mägden soll er den Hut gezogen haben. Eine Brise Bizarrheit verleiht dem Film das Wollen und Wirken der Ärzte – zu Fagon werden die Herren der medizinischen Fakultät der Sorbonne hinzugezogen. Und weil nun alle auf ihre Weise nur das Beste für den Patienten wollen, entwickeln sich rund ums Bett beinah pathologische Grabenkämpfe. Man hat feine Antennen für die Konkurrenz, Aufregung herrscht als ein Wunderheiler, Monsieur Brun aus Marseille, am Hof eingeführt wird – der entpuppt sich zum Glück als esoterischer Quacksalber, der Ludwig mit einem Gebräu aus Bullensamen und -blut und Froschfett (!) traktiert. Während die Sorbonner lieber über die „Mechanik des Körpers“ schwadronieren. Viel Medizinhistorisches lernt man dazu, und im französischen Original ist es gut anzuhören, wie sich der Pariser Zungenschlag vom Marseiller unterscheidet.

Für die letzte Viertelstunde des Films braucht man gute (Magen-)Nerven. Ludwigs Autopsie wird gleich im Sterbebett vollzogen, tief wird in den Leichnam hineingewühlt, um Darm und Magen zu entnehmen, und gottlob sagt Fagon dann: „Das Gehirn heben wir uns für später auf.“ „Der Tod von Ludwig XIV.“ ist die großartige Inszenierung eines durchinszeniert gewesenen Lebens. Serra hat das zweistündige Siechtum des Sonnenkönigs in malerisch-morbiden Bildern auf die Leinwand geworfen. Léaud spielt ihn mit atemberaubender Intensität, so als hätte sich alle Energie, die sein hingestreckten Körper nicht aufsaugen durfte, auf seine Mimik verlagert. „Beim nächsten Mal”, sagt Fagon am Ende, und es gruselt einen bei diesem Satz, „machen wir es besser.“ Was den Film betrifft: unmöglich.

www.filmgarten.at

Wien, 28. 6. 2017