Wiener Festwochen: Peter Brooks „Battlefield“

Juni 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Fülle des leeren Raums

Der junge König braucht neue Hoffnung: Jared McNeill als Yudishtira, Carole Karenera als seine Mutter Kunti, Ery Nzarama als ein Bote/Freund. Bild: Caroline Moreau

Die Wiener Festwochen 2017 enden, wie sie begonnen haben: mit dem Mahabharata. Feierte Tianzhuo Chens Version „Ishvara“ die Dekadenz der Opulenz, so ist Peter Brooks „Battlefield“ die minimalistische Version des Jahrtausende alten Epos. Bereits 1985 hat sich der Regiegott mit dem indischem Versmythos befasst.

Damals in einer neunstündigen Theaterfassung und einem dreistündigen Film, nun hat er eine Szene herausgegriffen, neu inszeniert und fein ziseliert. Einmal mehr hält Peter Brook an seinem Manifest des leeren Raums fest, und zeigt, welche Fülle, welche Kraft der Schauspieler sich im gleichsam Nichts befinden kann.

Yudishtira hat die Familienfehde gewonnen und wird zum neuen gerechten König ausgerufen werden. Allein, Zweifel beschleichen seine Brust, hat doch nicht nur seine Mutter Kunti den Tod ihres mit der Sonne gezeugten Gott/Sohns Karna zu beweinen, sondern auch sein blinder Onkel Dritarashtra die Hinmetzelung seiner hundert Nachkommen. Angesichts Millionen Toter auf dem Schlachtfeld kann König Yudishtira, das Blut des Massakers noch an den Händen, seinen Sieg nur als Niederlage empfinden. Mit Hilfe von Kunti und Dritarashtra, versucht er verzweifelt zu ergründen, wie er angesichts seiner Schuld inneren Frieden finden kann.

Brook und seine Co-Regisseurin Marie-Hélène Estienne packen den von Jean-Claude Carrière bearbeiteten Stoff in einfache Bilder. Ein Dutzend Bambusstäbe und ein paar bunte Tücher genügen, um Darsteller und Handlung zu verorten.Was bleibt, ist ein ewiggültiger Grabgesang am Schlachtfeld Welt. Toshi Tsuchitori – er schon 1985 mit dabei – begleitet das Geschehen auf der Trommel, unterstreicht, akzentuiert wenn nötig. Jared McNeill spielt den Yudishtira, Sean O’Callaghan den Dritarashtra, Carole Karemera die Kunti und Ery Nzaramba diverse Boten/Freunde. Sie argumentieren sich durch dies hochphilosophische Werk, das Leid des Menschen und die Lust der Natur am Leben, als ob es ihr Alltäglichstes wäre.

Familienrat: Sean O’Gallaghan, Ery Nzaramba und Carole Karemera. Bild: Pascal Victor/ArtComArt

Ery Nzaramba als auf dem Schlachtfeld sterbender Großvater Bishma. Bild: Pascal Victor/ArtComArt

„Battlefield“ atmet Gleichnisse. Ein Kind stirbt nach einen Schlangenbiss. Wer kann Schuld haben? Die Schlange, der Tod, die Zeit, das Schicksal? Eine Taube, von einem Falken gejagt, landet erschöpft auf dem Oberschenkel eines mildtätigen Herrschers. Der bietet sein Fleisch für das Fleisch der Taube. Doch wird dem hungrigen Falken so Gerechtigkeit widerfahren? Ein Wurm will über die Straße kriechen – und muss doch von einem Ochsenkarren zermalmt werden.

Prospero Brook arbeitet sich ab an der Frage nach der Gerechtigkeit und der Wahrheit als Königspflicht. Gott Krishna und die Göttin Ganges treten auf, um das Ihre zu verkünden. Großvater Bishma wird auf dem Schlachtfeld, wo er von Pfeilen durchbohrt stirbt, besucht und nach seiner Meinung befragt. Die Antwort ist ein atemberaubendes Destillat des Sanskrit-Textes. Die Bedeutung dieser enormen Sammlung an Geschichten und der religiösen und lebensklugen Parabeln wird am besten mit einem Satz aus dem ersten Parva des Mahabharata zusammengefasst: „Was hier gefunden wird, kann woanders auch gefunden werden. Was hier nicht gefunden werden kann, kann nirgends gefunden werden.“

Das Ensemble brilliert: Carole Karemera, Sean O’Callaghan, Jared McNeill und Ery Nzaramba. Bild: Pascal Victor, ArtComArt

„Battlefield“ zeigt die apokalyptischen Nachwirkungen jedes Krieges. Brook stellt Nachforschungen an – nach Verantwortung, Schuld und Vergebung in einer von Konflikten und Kriegen zerrütteten Zeit, die aus seiner Inszenierung ein Lehrstück für die Gegenwart machen.  Und diese Fragen richten sich in erster Linie an Trump, Putin, Erdogan und Assad, aber auch an alle anderen Staatsoberhäupter dieser Welt.

www.festwochen.at

Wien, 17. 6. 2017