Wiener Festwochen – Agora: Robert Misik im Gespräch

Mai 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine theatralische Debatte als Demokratieermächtigung

Robert Misik lädt zur politischen Diskussion. Bild: Helena Wimmer

Journalist Robert Misik und Theatermacher Milo Rau kreieren ab 29. Mai im Schauspielhaus Wien eine „Agora“, in der das Publikum mit Sachverständigen und Ensemble Themen zur Zeit debattiert. In Misiks Performance-Serie wird die Agenda vom Publikum mitbestimmt: Tagesaktuelles steht neben Weltpolitischem, und analog zu einem realen Parlament herrschen klare Regeln – ein Eröffnungsredner umreißt zunächst die Fragestellung der Veranstaltung.

Ein Präsidium wacht über den Stil der Diskussion, und sind schließlich die Argumente in der Agora ausgetauscht, schreitet man zur Abstimmung. In diesem Forum steht die konstruktive Debatte gegen den verrohten Diskurs, das Schauspielhaus wird zum Labor einer gelebten Staatsbürger-Demokratie. Robert Misik im Gespräch:

MM: Typische Einstiegsfrage: Wie kam’s zu der Idee von „Agora“, was wollen Sie uns damit sagen, wie kam es zur Zusammenarbeit mit Milo Rau?

Robert Misik: Das hängt alles zusammen. Milo Rau kenne ich seit vielen Jahren, wir haben erstmals bei „Hate Radio“ in Wien gemeinsam diskutiert, haben uns dabei befreundet und einige Projekte gemeinsam gemacht, etwa auch „Breiviks Erklärung“ und die „Zürcher Prozesse“. Ziemlich zeitgleich ist mir die Idee in den Kopf geschossen, ein Demokratieexperiment „Agora“ zu machen. Das Schauspielhaus Wien hat mich dann gefragt, ob ich eine Diskursgeschichte machen möchte, ich sagte, eine reine Podiumsdiskussion interessiert mich aber nicht, und so wurde aus meiner Überlegung Wirklichkeit. „Agora“ ist mehr als Diskussion, es ist experimenteller und ich hoffe sehr auch spannend. 

MM: Sie bespielen nun sieben Abende.

Misik: Ja, damit Aufwand und Ergebnis in einem Verhältnis stehen. Und Milo ist konzeptioneller Input-Geber.

MM: Was ist nun der Unterschied zu einer klassischen Podiumsdiskussion? Denn es gibt doch ein Podium und ein Publikum, das mit diesem in Diskussion treten soll.

Misik: Tatsächlich ist es von der Konstruktion her so, es hat aber auch theatralische Elemente. Es gibt einen Eingangsblock, in dem Schauspieler mit Texten die Thematiken aufreißen, der wird „gespielt“. Dann gibt es einen Inputredner/Rednerin, die sollen quasi das Gespräch in Gang bringen – und dann ist im Wesentlichen das Publikum dran. Wichtig ist, dass wir eine Regelhaftigkeit des Sprechens einführen. 

MM: Heißt?

Misik: Damit das Dreschen von Phrasen gar nicht erst aufkommt, damit man keine Aggressionsdiskurse hat wie in einer Talkshow oder im Parlament, wird es einen Coach, einen Mediator geben. Das ist August Ruhs, Wiens oberintellektueller Psychoanalytiker … 

MM: Also gleich die seelische Ebene mitbedacht …

Misik: Natürlich, wobei, ich würd’s gar nicht seelisch nennen, aber jemand der weiß, wie Psychodynamiken funktionieren und wie man sie an mancher Stelle brechen oder irritieren kann, ist für so ein Projekt sicher gut. Alleine der Umstand, dass er da ist und diese Rolle einnimmt, wird die Leute überzeugen, dass er steuernd eingreift. Er ist sozusagen unser Parlamentspräsident. Dann geht es um die Bürger dieser „Agora“, die eingeladen sind, sich vorbereitend einzubringen, alles rund um die Fragestellung: In welchem Land wollen wir leben? Nicht nur jammern, was einem nicht gefällt, sondern eine klare Meinung zur Lage der Nation zu treffen. 

Bild: pixabay.com

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MM: Ich bin sehr gespannt, wie das funktionieren wird, denn die Menschen wollen doch eher konsumieren denn agieren. Das betrifft das Theater ebenso, wie die Politik.

Misik: Das werden wir einmal sehen! Es ist ja völlig klar, wie das Format funktioniert, das wird auf der Festwochen- und Schauspielhaus-Webseite, auf meinem Blog misik.at klargemacht. Es wird im Foyer eine kurze Einführung in den Abend geben, sie werden beim Eingang einen kurzen Beipackzettel bekommen, also glaube ich nicht, dass die Leute nur um konsumieren kommen. Es wird sicher ein nicht unwesentlicher Teil des Publikums dabei sein, um zu sprechen. Ich gebe aber zu, jeder der sieben Abende ist eine spontane Installation, bei der man nicht weiß, was rauskommt.

MM: Darüber hinaus gibt es die Gäste.

Misik: Die Gäste sind so etwas wie die Helfer dieses Diskurses, sie sollen Wissen vermitteln, wenn die Diskussion in eine Richtung geht, wo man eine prononcierte Meinung braucht, um das Gespräch nicht ins Ungefähre abdriften zu lassen.

 MM: Sie haben jeden Abend andere Gäste. Um wen haben Sie sehr gerungen, dass er kommt und spricht?

Misik: Ich ringe um jeden. Jeder und jede einzelne sind mir wichtig. Philipp Blom, Katia Wagner, Melisa Erkurt, Hans Rauscher, Claudia Gamon, Ulrike Guerot, Johannes Kopf, Ingrid Felipe um nur einige zu nennen. Der Stefan Petzner wird an jedem Abend teilnehmen und das Geschehen aus der Perspektive des professionellen Politikberaters kommentieren. Ich ringe auch sehr darum, dass wir eine gewisse politische Breite haben, diejenigen, die noch nicht zugesagt haben, sind interessante Politiker der FPÖ, und damit meine ich nicht Gudenus oder Strache, von denen man weiß, was sie sagen, sondern Leute, wie den Welser Bürgermeister oder den Simmeringer Bezirksvorsteher, damit hier jemand mit anderem Standpunkt, aber durchaus ernsthafter Rede an unseren Abend teil nimmt, ansonsten kommen SPÖ-Gewerkschafter, der AMS-Chef Kopf, Politiker vom EU-Abgeordneten bis zum JVP-Mann.

 MM: Ein wenig, denke ich, begeben Sie sich in die Gefahr des politischen Kabaretts. Heißt: Wir unten und ihr oben sind eh einer Meinung, und der FPÖ muss klar sein, dass sie „Feindesland“ betritt.

Misik: Das ist eine große Herausforderung, das ist wahr. Wir wollen nicht nur mit der „linksliberalen Kunstblase“ diskutieren, wir wollen Menschen aus verschiedenen Milieus, wir haben auch einige Schulklassen, und junge Leute werden wohl auch anders agieren, als routinierte, innerstädtische Theatergeher mittleren Alters – gegen die ich bitte auch nichts habe, auch die mögen alle kommen! Ich will hier niemanden ausladen! Aber weil Sie das Wort „Feindesland“ benutzen: Ich will eigentlich, dass keiner meiner Gäste das Gefühl hat, Feindesland zu betreten. Das wäre ja einem Gespräch, wie wir es gerne hätten, total abträglich.

 MM: Nun ist „Agora“ das Format zur Stunde. Denn gerade bricht innenpolitisch Diverses um und weg. Wie beurteilen Sie die Ereignisse?

Misik: Alles ist im Fluss. Ehrlich gesagt, der Umstand, dass die Regierung zerbrochen ist und wir mitten in einem Wahlkampf sind, macht mir keine große Freude. Denn es besteht die Gefahr, dass alle Leute aus dieser Perspektive sprechen. Ich will nicht, dass unsere „Agora“ in eine Wahlkampfenergie hineingezogen wird, wo’s eigentlich einmal ums ruhige Sprechen und Austauschen ginge. Aber gut, schauen wir, wie sich das entfaltet. Vielleicht gibt die Situation unseren Veranstaltungen ja eine Dringlichkeit, weil ja doch die Möglichkeit besteht, dass sich dieses Land im Herbst eine konservativ-rechtspopulistische Regierung kriegt, die das Land ein bisschen in das Fahrwasser Orban-light führt. Da habe ich schon ganz klar die Haltung: Das muss man verhindern. Wir müssen die offene Gesellschaft gegen diese Politik verteidigen. Das ist aber meine Meinung, die ich bei „Agora“, wo ich ein relativ neutraler Gesprächsführer sein möchte, hintanhalten werde.

Bild: pixabay.com

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MM: „Agora“ ist eine Art Demokratieermächtigung. Ist es nicht das, was sein sollte, braucht es dafür ein Bühnenformat?

Misik: Umgekehrt muss man die Frage stellen. Gerade daran, dass es keine zufriedenstellende Demokratieermächtigung gibt, dass die Leute das Gefühl haben, sie kämen ohnedies nicht zu Wort, ihre Stimme am Wahltag wäre verschwendet, sie könnten keinen Einfluss nehmen, oder wie auch immer diese Haltungen sind, gerade deswegen ist eine experimentelle Form, es zu erproben, zu zeigen, dass wir es können, vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung. Es ersetzt natürlich keine Demokratie. Es kann nicht der Theaterraum etwas bewirken, das in der gesamten Gesellschaft funktionieren soll. Aber, wenn wir gut rechnen, haben am Ende der Festwochen 1500 Menschen unsere Erfahrung mitgemacht. 

MM: Dieses Erlebnis: Ich habe eine Stimme?

Misik: Ja.

MM: Sie haben zuletzt mit und über Bundeskanzler Christian Kern ein Buch gemacht. Was erfährt man da?

Misik: Es ist ein politisches Porträt, keine Biografie. Das hätte ich auch übertrieben gefunden, denn er ist 50 und war nicht 30 Jahre im Widerstand oder im Exil. Wir zeichnen auf: Wo kommt er her, wie ist er geprägt? Wie war das als Arbeiterkind in Simmering? Wie hat er seinen Aufstieg geschafft? Wie ist er politisch sozialisiert worden? Und all dieses. Christian Kern hat ja, was die wenigsten wissen, in Simmering die Alternative Liste mitbegründet, das heißt er war Teil der Grünen-Gründung. Erst Günther Nenning hat ihn für die Sozialdemokratie zurückgewonnen. Ich bin sehr nah dran an all diesen Geschichten, durfte dabei sein, wo sich normalerweise für Journalisten die Türen schließen …

MM: Dann erzählen Sie mir doch etwas Atmosphärisches? Ich habe das Gefühl, Christian Kern ist aus Teflon.

Misik: Das kann man nicht sagen. Er ist ein sehr kontrollierter Mensch, aber auch sehr amüsant und selbstkritisch. Man kann mit ihm gut lachen. Ich war mit dabei, bei seiner Plan-A-Rede in Wels, und alle haben seine „Inszenierung“ bewundert, aber er hing nur müde im Sessel, lachte und sagte: Ich bin nur froh, dass ich das überlebt habe. Ich habe diese Bühne gesehen und mir gedacht, wie soll ich das machen? In solchen Momenten sieht man den Menschen hinter dem Staatsmann. Er macht gerne Witzchen und lächelt dabei charmant. Wir kennen einander seit 30 Jahren – und ich kann nur sagen: fast bubenhaft selbstironisch, (er denkt kurz nach) ja, so ist er. 

MM: Eine Frage, die mich selber umtreibt, die im Wahlkampf – wir kennen die Positionen – mutmaßlich eine Rolle spielen wird, vielleicht auch in den „Agora“-Diskussion: Wie tolerant muss gegenüber der Intoleranz sein?

Misik: Das kommt darauf an, welche Form der Intoleranz es ist. Eine, die tatsächlich anderen ein Leben aufzwingen will, das sie nicht leben wollen, da kann man überhaupt nicht tolerant sein. Wenn man sich aber die Frage stellt, wie organisiert man Gesellschaften, wie können wir sie zum Positiven entwickeln, auch wenn es regressive Haltungen gibt, da wird’s komplizierter, da braucht es biegsamere Verhaltensweisen. Es ist auch eine paternalistische Haltung zu sagen, ich bin so g’scheit und du bist so blöd, und diese Einstellung gewöhne ich dir jetzt ab. Es ist nicht so verlockend, Leute von ihren Ideen abzubringen, indem ich sie ihnen verbiete, und ihnen als Muss meine eigenen aufzwinge. Es wäre sehr viel besser, es mit den Verlockungen des besseren Arguments zu schaffen. Und: Man kann Kontrapositionen auch verhindern, indem man signalisiert: Du bist hier total akzeptiert!

Bild: pixabay.com

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MM: Wie groß ist es für jemanden wie Sie, die Versuchung, Überzeugungsarbeit zu leisten?

Misik: Da muss ich trennen. Mit „Agora“ gar nicht, hier will ich zeigen, dass Menschen unterschiedlicher Positionen ins Gespräch kommen können. Das schließt schon einmal aus, dass ich meine Grundhaltung in den Vordergrund dränge. Grundsätzlich, täglichen im Leben, will ich die Menschen natürlich von dem überzeugen, was ich für richtig halte.

misik.at

www.schauspielhaus.at

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Wien, 22. 5. 2017