Theater Nestroyhof Hamakom: Orgie

Mai 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

50 Shades of Pasolini

Ein gewaltig guter Schauspieler: Jakob Schneider. Bild: Marcel Köhler

„Aber der Friede hinterlässt blutige Spuren wie der Krieg. Anstelle der Massenmorde steht hinter seinen Inszenierungen eine andere Ungeheuerlichkeit“, heißt es an einer Stelle im Stück. Dies, die über dem Raum schwebende Rechtfertigung für alles, was in weiterer Folge geschieht, ist gleichsam wohl die programmatische Erklärung dafür, warum sich das Theater Nestroyhof Hamakom für den Stoff interessierte. „Orgie“ von Pier Paolo Pasolini. Sexuell so explizit, dass der Abend erst für Zuschauer ab 18 Jahren empfohlen wird.

Ingrid Lang hat inszeniert. Im Vorjahr gelang ihr mit Carol Churchylls Dystopie „In weiter Ferne“ ein unerwarteter Erfolg, nun schließt sie an, mit einem der sechs Stücke, die das italienische Film- und Theatergenie 1966, nach aufgeplatztem Magengeschwür im Krankenbett ausharrend, als seine radikal-utopistische Vorstellung von Theater entwarf. Diese Nahtoderfahrung, Pasolini kippte in einem Restaurant blutig gekotzt aus der Toilettentür, kommt im Text vor. Der Schauspieler gibt einen sich kürzlich erhängt Habenden, der von sich erklärt „nicht Konformist genug“ gewesen zu sein, „um von der Macht guten Gebrauch zu machen“. Immerhin, die Möglichkeit zu Tode zu kommen, hat er gut genutzt.

Vor diesem Tod nun, jenseits aller Zeit, in einer Welt der Hypothesen und Illusionen ereignet sich – rittlings über dem eigenen Grab, möchte man sagen – ein andersartiges Leben, ein Leben von „Andersartigen“, ein sadomasochistisches Ritual, das vorgibt, kein Spiel mehr zu sein. Eine Zimmerschlacht tobt. Zwei adrette Menschen quälen sich unter Wortkaskaden bis zum bitteren Ende. „Gedemütigt sein“, sagt die Frau zum Mann, „ist eine Lust ohne Boden“. Und sie erklärt die Rollenverteilung: „Du das Opfer, das töten will, und ich der Henker, der sterben will.“ Auch sie will Rache üben – Wofür? Egal! Rituale sind die Tragikomödien der Macht.

All dies ereignet sich in einer von Peter Laher liebevoll aufgebauten Bühnenwohnung. Vorne Salon, links Badezimmer, rechts Küche, hinter dem Salon das Schlafgemach, gutbürgerlicher Wohlstandshorror. Sie sitzt in der Badewanne, er auf der Toilette. Anfangs. Jakob Schneider ist großartig im scheuen Versuch, einen Normalbürger zu mimen. Verschreckt lässt er sich von einer Regieassistentin bis aufs Hemd ausziehen, kaum nackt und bloß, muss er sich mitten im Satz auch noch das Mikrophon wegnehmen lassen. Der stets fragende Ton seiner Monologe weicht der Anklage gegen ihn, den späteren Mörder, aus.

Ein bereits Toter lässt sich an- …: Jakob Schneider. Bild. Marcel Köhler

… und kurz vor dem Erhängen auskleiden. Jakob Schneider. Bild: Marcel Köhler

Johanna Wolff als seine Frau fasziniert mit ihrer Ambivalenz und ihrer hinter aller Verwundbarkeit erkennbaren Kraft. So angreifbar zart kann sie gar nicht vor dem Manne stehen, so brüchig ihre Stimme gar nicht sein, dass man in ihr ein Opfer erkennt. Mit einem Mal wird das Prinzip Dom/Sub sonnenklar: Der Sub, sie also ist es, die die Gangart vorgibt, weil sie Bestrafung einfordert, nur so kann erotische Rollenverteilung funktionieren. Der Mann: „Es ist kein Spiel … Ich will dich wirklich töten, ich will wirklich sterben. Aus diesem Traum erwache ich nicht mehr. Er bringt wirklich das Ende von allem.“ Danach wechselt er von der Frau zum Mädchen. Mina Pecik wird die nächste sein, die in seine Falle geht, gefesselt, bedroht, ums Überleben ringend …

In Pasolinis Sechzigerjahre-Stücken, der damaligen Zeit entsprechend so hektisch wie wortreich mit Entlarvungen und Tabubrüchen beschäftigt, klingen heute manche Stellen allein beim Lesen nach Papier. Doch wenn man es nur recht laut knistern und rascheln lässt, kann man mit ihnen immer noch ein Feuer entzünden, das seine Flammen bis in heutige Tage überträgt. Ingrid Lang konterkariert die Lyrik des Textes durch darstellerischen Realismus. Er schneidet sich die Zehennägel, während sie über ihre Bettlektüre hinweg über Krieg und anders Körperliches plaudert.

Dann wieder bricht Lang ihr sorgsam geschaffenes Set, lässt eine Visagistin live und in aller Ruhe Blutergüsse und Striemen schminken. Ein Video zeigt die dazu passenden Momente von Gewalt, Schmerz und Lust. In der erschreckendsten Szene des Abends sitzen einander Mann und Frau im Halbdunkel gegenüber und verhandeln ihre nächste Misshandlung durch ihn. Dazu Klassik vom Plattenspieler, von dem später ihre eigenen Stimmen kommen werden. Dazu tanzen sie; sprachlos; gespenstisch ist das, soghaft in der Wirkung. Aus derlei Pausen entsteht der Psychothrill, entschwindet auch das Mitleid für den oder die ProtagonistInnen. Er zieht sich ihre Unterwäsche an und legt sich die Schlinge um den Hals. Ausflucht folgt auf Erklärung folgt auf Weltanklage. Seine selbstgerechte Suada ist, als würde er sich sinnbildlich einen runterholen …

Und die Frage, wer bei Sadomaso der Stärkere ist: Johanna Wolff und Jakob Schneider. Bild: Marcel Köhler

Naivität heißt bei Pasolini Reinheit. Ihr Ende, die „Orgie“. In seiner autobiographischen Erzählung „Unkeusche Berührungen“ klagt er: „Die Verzweiflung heute Nacht gleicht genau der Verzweiflung jenes Sonntags; es sind dieselben Gründe, die sie hervorrufen. Doch 43, noch jungfräulich im Körper, nicht gänzlich meiner selbst bewusst, hatte ich ein Schauspiel inszenieren können, mich nach etwas außerhalb oder in mir auf die Suche machen können. Nun bin ich eine ganz erforschte Wüste, bin ganz Bewusstsein; es gibt kein Mittel mehr, mich zu retten.“

Wie zur Zeit der Reinheit das Sendungs-, gehört zur Zeit der Verzweiflung das Schändungsbewusstsein. Ingrid Lang hat das verstanden, sie reißt der „Orgie“ die pornographische Maske vom Gesicht, sie kokettiert mit dem Armageddon. Pasolini duldet keine falsche Scham. Und Langs Inszenierung weiß das, sie ist skandalös plastisch, psychologisch präzise, von unglaublicher Intensität. Pasolinis Vision war ein asketisches Theater ohne Bühnenbild, ein leerer Raum ohne Effekte und Musik. Dieser Vorgabe, gleich der klassischen griechischen Tragödie, folgt Lang nicht. Auch nicht seiner Vorstellung eines „Theaters des Skandals“, das funktioniert anno 2017 wohl nur noch schwer. Doch an sein „Theater des Wortes“ hält sie sich, an die Debatte, und das mit drei herausragenden Darstellern. So muss Theater sein. Auf ins Hamakom!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SfapM9Gcda0

www.hamakom.at

Wien, 10. 5. 2017