Volx/Margareten: Keine Angst. Eine Heimgartenrevue

Mai 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Schrebergarten als Sehnsuchtsort der Seele

Die Kleingartenanlage erprobt sich in „Solidarität“: Julian Loidl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nach Graz war nun endlich auch in Wien die jüngste Produktion des Theaters im Bahnhof zu sehen: „Keine Angst. Eine Heimgartenrevue“, die von Regisseur Ed. Hauswirth auf bewährte Weise mit seinem Ensemble und auf Grundlage zahlreicher Interviews entstandene Aufführung – und sie war, wie man’s vom TiB kennt und liebt, irrsinnig klug und mit viel Musik.

Einmal mehr hat Hauswirth der österreichischen Seele bis auf den Grund geblickt, ihre Schrebergartenmentalität offengelegt, ihre Kleingärtnergeistigkeit enttarnt – und das sogar charmant und liebenswert. Juliette Eröd, Monika Klengel, Lorenz Kabas und Julian Loidl skizzieren starke Figuren mit einer großen Portion Menschlichkeit, die den folgenden heftigen Ausbrüchen den Stachel nimmt. Denn die vier kämpfen  für die gerechte Sache:

Der Obmann des Vereins „Solidarität“, Überbleibselname einer vergangenen Zeit, in der sich die Sozialdemokratie um ihre Wählerschichten noch was schiss, und seine drei Mitstreiter protestieren gegen die geplante Nord-Ost Spange, die direttissima durch die Anlage führen soll. Ein Schelm, wer dabei an Lobautunneldiskussionen und die seit mehr als 40 Jahren überfällige Nordostumfahrung von Wien-Transdanubien denkt.

Jedenfalls, die Gartenkolonisten werben mit Viergesang und anderen künstlerischen Darbietungen um Unterstützer und deren Unterschriften. Mit heiligem Ernst ziehen die Gartenfreunde los und intonieren: „Wir sind Kleingärtner, und wir singen um unser Leben.“ Doch das Pathos, der heilige Schein wird bald gebrochen, wenn es heißt: „Was der Obmann sagt, wird gemacht“ – die streng hierarchische, mittelschwer faschistoide Anordnung derlei Gartenparadiese ist jedermann bekannt, der schon einmal aus einem dieser grünen Idylle flüchtete. Die eigene Familie hatte eins in Süßenbrunn, da hieß es Augen geradeaus und alle Gartenzäune grün gestrichen, wenn der Vorstand es so will …

Monika Klengel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Juliette Eröd. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Grenzen überhaupt sind bei Hauswirth ein Thema. Aus einer Gemeinschaft von Gartlern ist nämlich längst eine Ansiedlung von Einbunkerern geworden. Sträucher fürchtet man als potenzielle Verstecke für Einbrecher, Alarmanlagen sind installiert, Überwachungskameras halten auf den Wegen Ausschau nach den hier Fremden. Die Schrebergärten mit immer höher werdenden Zäunen sind in all ihren Facetten ein Spiegelbild österreichischer Befindlichkeit. Feindbilder sind die Straßenplaner, aber auch die grüne Bezirksvorsteherin, und letztlich schrecken die Schrebergärtner vor der persönlichen Diffamierung eines befreundeten SP-Politikers (großartig Thomas Frank, dessen geheime Absprachen mit der grünen Wiener Vizebürgermeisterin  – Birgit Stöger – in Videozuspielungen enttarnt werden) nicht zurück, um ihrem Ziel näher zu kommen.

Die bitterböse Revue – mit Liedern von Brahms bis Sting und Hansi Lang – entgleist zusehends. Zwischen Bäumen und Blumen blitzen die Abgründe dieser vermeintlich heilen Welt auf, und schließlich kommt der schwerste Schlag auch noch aus den eigenen Reihen. Dies alles, diese Groteske über Grundstücksgrenzen, eine wunderbare Metapher auf Zaunkönige und andere Vernunftsabriegler. Einen diesbezüglichen Monolog auf Trump und Co. hätt’s gar nicht geraucht, man versteht auch so.

Der Bau der Nord-Ost Spange muss verhindert werden: Lorenz Kabas. Bild: © www.lupispum.com / Volkstheater

Dazu hat Hauswirth noch ein Ärgernis in seinen Abend eingebaut: Seit einem Vierteljahrhundert, sagt er mittels entsprechender TV-Ausschnitte, stellt Elizabeth T. Spiras Dokumentation „Das kleine Glück im Schrebergarten“ eben jenes kollektiv in ein unvorteilhaftes, versoffenes, sich rechts anbiederndes Eck. Andere mögen ja vielleicht so sein, räumt das Ensemble ein, aber – eh klar – man selbst nicht!

Wer Hauswirth-Produktionen kennt, weiß nun, dass seine Figuren deshalb erst recht blauäugig sein müssen. Die Vereinswimpel hoch, die Thujenreihen sind geschlossen, mit festem Schritt und Tritt. Doch auch mit libidinöser Inbrunst die Wangen an ihre grünen Freunde schmiegend. Die österreichische Lösung eben …

www.volkstheater.at

Wien, 1. 5. 2017