Burgtheater: Der Spielplan für die Saison 2017/18

April 28, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einem Schwerpunkt österreichischer Autoren

Chefdramaturg Klaus Missbach, Direktorin Karin Bergmann und ihr kaufmännischer Geschäftsführer Thomas Königstorfer bei der Programmpressekonferenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht.“ Mit diesem Zitat aus Ferdinand Schmalz aktuellem Stück jedermann (stirbt) geht das Burgtheater unter Direktorin Karin Bergmann in die Spielzeit 2017/2018 – und legt damit den Fokus auf die immer wieder überraschenden, erhellenden, oftmals aber auch beängstigenden Perspektivenwechsel in Politik, Geschichte und Gesellschaft.

Elf der angekündigten 21 Premieren sind Ur- oder Erstaufführungen, Ferdinand Schmalz und Josef Winkler schrieben ihre neuen Werke im Auftrag des Burgtheaters. Gefeiert wird der Fund eines lange verschollen geglaubten Stücks von Wolfgang Bauer.

Zu entdecken gilt es Autor wie Thomas Köck, Yade Yasemin Önder, Noah Haidle sowie Neues von Ewald Palmetshofer und Ayad Akhtar.

Die Regiegrößen Johan Simons und Luk Perceval werden erstmals am Burgtheater arbeiten, Leander Haußmann kehrt nach einem Vierteljahrhundert und viel Filmarbeit ans Haus zurück. Neben dem Schwerpunkt Österreichische Dramatik gibt es eine Renaissance der Autoren der klassischen Moderne. Das Thema, das Bergmann gleich einem Motto über der kommenden Saison sieht, ist – in jeder Bedeutung des Wortes – Grenzen. In seinem Essay „Über Grenzen“ schrieb Joseph Roth: „Ich hasse die Grenze zwischen zwei Ländern. Sie ist ein viel zu weiter Begriff für die Realitäten, die sie bezeichnet.“

Eröffnet wird am 3. September am Akademietheater mit Harold Pinters Die Geburtstagsfeier in der Regie von Andrea Breth, eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, wo die finstere Komödie am 21. Juli Premiere hat. Im Stück, in dem Gewalt in eine gutbürgerliche Gesellschaft einbricht und diese zu zerstören droht, spielen Martin Reinke, Andrea Clausen, Max Simonischek, Andrea Wenzl, Roland Koch und Oliver Stokowski. Es folgt am 6. September an der Burg Shakespeares Ein Sommernachtstraum in der Regie von Leander Haußmann. Bergmann: „Er hat die Komödie schon mehrfach in Weimar, Berlin und bei den Salzburger Festspielen inszeniert, sie ist sein Lebens-Werk. Und als ich ihn fragte: Schon wieder?, meinte er: Wie könnte ich dem erotischsten Stoff der Weltliteratur widerstehen …“ Es spielen unter anderem Daniel Jesch den Theseus, Johannes Krisch den Oberon und Martin Schwab, Johann Adam Oest und Peter Matić die Handwerker Squenz, Zettel und Flaut.

Als österreichische Erstaufführung schließt am 9. September am Akademietheater paradies fluten von Thomas Köck in der Regie von Robert Borgmann an. Der junge oberösterreichische Dramatiker zeigt im ersten Teil seiner „verirrte sinfonie – klimatrilogie“ in verstörenden Bildern den Raubbau des Menschen an der Natur und an sich selbst. Es geht um Ausbeutung wie Selbstausbeutung, dargestellt von Sabine Haupt, Philipp Hauß, Katharina Lorenz, Sylvie Rohrer, Elisabeth Orth und Aenne Schwarz. Das raffiniert gebaute Debütstück von Yade Yasemin Önder, Kartonage, hat am 27. September im Kasino österreichische Erstaufführung – einer Kooperation mit den Berliner Autorentheatertagen, wo „Kartonage“ eines von drei Gewinnerstücken war, in der Regie des jungen Österreichers Franz-Xaver Mayr. Es spielen Bernd Birkhahn und Petra Morzé.

„Die Orestie“ in der Regie von Antú Romero Nunes. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Geächtet“ von Ayad Akhtar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am 21. Oktober hat Alvis Hermanis’ Inszenierung von Alexander Ostrowskis Schlechte Partie am Burgtheater Premiere. Hermanis hat die „böse Komödie mit Musik“ des dereinstigen, nun fast vergessenen russischen Theatertitans „selbst ausgegraben“ und zeigt sie als ein Stück über Neokapitalismus.

Ostrowski nämlich demaskiert eine Schicht von Großkaufleuten, für die alles, selbst die Liebe, nur noch Ware ist. Im November zeigt Jette Steckel ihre Interpretation von Ibsens Ein Volksfeind. jedermann (stirbt), die Neuschreibung von Hugo von Hofmannsthals allegorischem Meisterwerk durch Ferdinand Schmalz, ist ab Februar in der Regie von Stefan Bachmann am Burgtheater zu sehen.

Im Auftrag des Burgtheaters nimmt der Grazer Dramatiker dem Text seinen fast schon liturgischen Charakter, er spitzt die Dramaturgie zu und schärft die Konflikte – und er erneuert die Ikonografie der Charaktere. Ob es noch eine Buhlschaft geben wird? Man weiß es nicht. Sicher ist: Jedermann ist nun ein knallharter Geschäftsmann, der das gesellschaftspolitische Chaos vor seinem Sicherheitszaun negiert – und der doch um die Unentrinnbarkeit des Todes weiß. Gemeinsam mit Joseph Roths Jahrhundertroman Radetzkymarsch bildet der neue Jedermann eines der Herzstücke des Spielplans. Dessen Premiere in der Regie von Johan Simons findet im Dezember im Burgtheater statt. Bergmann: ”Ich bin mit diesem Inszenierungswunsch an Johan Simons herangetreten, denn wir alle kennen wohl seinen fantastischen ,Hiob’, der bei den Wiener Festwochen zu sehen war. Und er sagte zu mir: Hättest du den ,Radetzkymarsch’ nicht vorgeschlagen, hätte ich es getan …“ Mit der Roth-Dramatisierung übernimmt der renommierte holländische Regisseur und Theaterleiter erstmals eine Regie an der Burg.

Der Belgier Luk Perceval, derzeit leitender Regisseur am Thalia Theater Hamburg, wird die Uraufführung Rosa Rozendaal nach dem gefeierten Roman ”Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Haus bei seiner Frau“ von Dimitri Verhulst im März 2018 am Akademietheater inszenieren. Perceval selbst hat die Buchdramatisierung vorgeschlagen. Inhalt: Bibliothekar Désiré Cordier möchte die letzten Jahre seines ihm von seiner Ehefrau vergällten Lebens gern in Ruhe verbringen. Und so mimt der den Demenzpatienten, um in ein ebensolches Heim eingewiesen zu werden. Dort wird er nicht nur mit der alltäglichen Pflegehölle konfrontiert, sondern auch mit seiner Jugendliebe Rosa. Doch die kann sich tatsächlich an nichts mehr erinnern … „Wir werden“, so Bergmann, „Textstellen aus ,Romeo und Julia“ einflechten, um das Moment einer versäumten Liebe zu verdeutlichen.“

Das diffuse Gefühl, am Ende einer Epoche zu stehen, findet sich auch in den neuen und neu entdeckten Stücken der österreichischen Autoren Ewald Palmetshofer, Josef Winkler und Wolfgang Bauer. Palmetshofer hat Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenaufgang an heutige Verhältnisse angepasst. Mit dieser Inszenierung kehrt Regisseur Dušan David Pařízek ans Haus zurück, österreichische Erstaufführung ist im Dezember am Akademietheater. Josef Winkler verfasste das zweite Auftragswerk der kommenden Saison: Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreiben. Mit einer Anklage hebt das neue Stück des Büchner-Preisträgers an: Die Sautratten, Nährboden und Ort seiner Kindheit, zugleich unwirtliches, unheimliches Epizentrum seines Daseins, erzwingen einen bitteren Kraftakt gegen das Vergessen und Verstummen. Mit dem „ins Riesenhafte gewachsenen“ Skelett eines dereinst verbuddelten Nazi-Verbrechers wird die Tragödie einer Familie ausgegraben und freigelegt … Zu sehen ab November im Kasino, es inszeniert die katalanische Regisseurin Alia Luque.

„Hexenjagd“ von Martin Kušej. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„der herzerlfresser“ von Ferdinand Schmalz. Bild. Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Eine Sensation ist die Entdeckung eines bis dato verschollen geglaubten Wolfgang-Bauer-Stücks: Der Rüssel. Von Dramaturg Hans Mrak „ein Alpenvolksstück geschrieben wie auf Koks“ genannt – oder: „eine Mischung zwischen Ganghofer und Buñuel”. Bauer hat das Stück mit 21 Jahren verfasst und später selbst zeitlebens gesucht. Nun fand es sich im Nachlass eines Leibnitzer Komponisten.

Inhalt: Eine österreichische Dorfgemeinde wird buchstäblich von Afrika überrannt. Palmen wachsen, Elefanten werden geboren, man macht mit dem exotischen Ambiente Profit. Doch die Zeiten ändern sich, und bald wird, was man liebte, bis aufs Blut bekämpft … Christian Stückl inszeniert die Uraufführung für den April 2018.

In Österreich erstaufgeführt werden Stücke von Noah Haidle und Ayad Akhtar. Von Ersterem inszeniert Sara Abbasi für den Oktober im Vestibül Saturn kehrt zurück. Der 1978 in Michigan geborene Autor wagt sich in seinem Stück an die allerletzten Fragen. Er erzählt auf poetisch berührende wie komische Weise von Liebe und Tod, vom Jungsein und Altwerden, vom Leben und seinen Lügen. „Ich halte Sara Abbasi für eine extrem talentierte Regisseurin und hoffe, dass dies Arbeit im Vestibül für sie ein Sprungbrett werden wird“, so Bergmann. Nach dem fulminanten Erfolg von „Geächtet“ setzt die Burg die Zusammenarbeit mit Ayad Akhtar fort. Sein Stück The Who and the What hat im Mai 2018 in der Regie von Felix Prader am Akademietheater österreichische Erstaufführung. Hochironisch und tiefsinnig zugleich beschreibt Akhtar die Geschichte eines in Pakistan geborenen Kaufmanns, dessen Töchter sich im Westen emanzipieren.

Autoren der klassischen Moderne wie die Amerikaner Eugene O’Neill und Tennessee Williams zeigen den Reichtum und die Armseligkeit, die Kraft und die Zerbrechlichkeit des Menschen. Andrea Breth bringt als zweite Arbeit in der kommenden Spielzeit Eines langen Tages Reise in die Nacht auf die Burgbühne (April 2018), David Bösch zeigt ab Februar 2018 am Akademietheater Die Glasmenagerie. Nach der zauberhaften Komödie „Ein Sommernachtstraum“ zu Beginn endet die Spielzeit im Burgtheater mit Shakespeares vielleicht schwärzester Tragödie Macbeth. Es inszeniert Antú Romero Nunes.

Mit einem vielfältigen Programm für alle Generationen tritt die Offene Burg unter der Leitung von Renate Aichinger an. Als Familienstück wird ab November im Akademietheater Willkommen bei den Hartmanns geboten, Angelika Hager schreibt die Fassung für das Burgtheater auf der Basis des Erfolgsfilms von Simon Verhoeven. Bergmann erhofft sich dadurch einen österreichischeren Blick auf die Story, in der eine Familie einen Asylwerber aufnimmt, und das alle mühsam aufgestellten Regeln im gemeinschaftlichen Gefüge durcheinanderwirft. Im Dezember folgt im Kasino für Kinder ab sechs Jahren An der Arche um acht  – drei Pinguine wollen auf Noahs Schiff, doch sind nur drei zugelassen, was die Frage nach Solidariät aufwirft – von Ulrich Hub. Geplant sind außerdem eine neue Inszenierung von Simon Stone, nur die Frage nach dem Wann steht noch im Raum, da Stone die Chance auf einen Hollywoodfilm mit Cate Blanchett hat, ein Lesemarathon von Martin Kušej und die Uraufführung des Gewinnerstücks des Retzhofer Dramapreises 2017.

www.burgtheater.at

Wien, 28. 4. 2017