Theater in der Josefstadt: Die Saison 2017/18

April 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare, Terror und skandinavischer Suff

Herbert Föttinger und Alexander Götz bei der Spielplanpräsentation im Maler-Saal. Bild: Herwig Prammer

Im um 1,5 Millionen Euro frisch renovierten Malersaal (mehr zu diesem Bekenntnis der Nichtausgliederung österreichischer Arbeitsplätze: www.mottingers-meinung.at/?p=18560) präsentierten Direktor Herbert Föttinger und der kaufmännische Leiter Alexander Götz das Programm des Theaters in der Josefstadt für die Saison 2017/18. Ungewohnt für derlei Anlässe überließ Föttinger erst Götz das Wort, der über die zu erwartenden Zahlen der laufenden Spielzeit referierte.

Bis zu deren Ende erwarte sich das Haus, so Götz, Einnahmen in der Höhe von 9,35 Millionen Euro. Man werde 290.000 Zuschauer begrüßt haben, was einer Auslastung von 88 % entspricht. Die sensationelle Eigenfinanzierung liegt bei 41 %. „Damit sind wir gemeinsam mit dem Burgtheater die am meisten einspielenden Sprechtheaterbühnen im deutschsprachigen Raum“, so Föttinger. „Rechnet man aber unsere 1000 zu deren 2000 Sitzplätzen hoch, ist die Josefstadt das erfolgreichste Haus.“

Für die kommende Spielzeit sind 14 neue Produktionen, davon fünf Ur- und Erstaufführungen geplant. Los geht’s am 2. September mit Ernst Lothars Der Engel mit der Posaune. „Eine mit der Geschichte unseres Theaters eng verbundene und daher sehr spezielle Uraufführung”, so Föttinger, lenkte Lothar doch von 1935 bis 1938 als Direktor die Geschicke des Theaters in der Josefstadt, bevor er in die Emigration in die USA flüchten musste. Im amerikanischen Exil verfasst er den Generationenroman, der 1948 mit Paula Wessely, Attila und Paul Hörbiger, Oskar Werner und Hans Holt verfilmt wurde: Anhand der Wiener Patrizierfamilie Alt wird die österreichische Geschichte zwischen 1888 und 1938 aufgerollt, der Zusammenbruch des habsburgischen Weltreichs, der Kollaps der Ersten Republik und der „Anschluss“ an Nazi-Deutschland … Janusz Kica inszeniert die Bühnenfassung von Susanne Wolf; in den Hauptrollen Maria Köstlinger, Michael Dangl, Alexander Absenger und Alma Hasun. An den Kammerspielen ist die Sensation perfekt! Sie eröffnen am 7. September mit der Bühnenfassung des siebenfach Oscar-prämierten Filmerfolgs Shakespeare in Love von Marc Norman und Tom Stoppard. 2014 hat Föttinger das Stück am London Westend gesehen; nun folgt die deutschsprachige Erstaufführung mit Dominic Oley als Will Shakespeare. Swintha Gersthofer ist in der Hosenrolle der Viola zu sehen, Regie von Fabian Alder.

Noch eine Sensation in den Kammerspielen ist eine Uraufführung von Thomas Vinterberg am 1. Februar. Mit Suff hat der Dogma-Filmer ein witziges Stück geschrieben, das tief in die Wohnzimmer der großbürgerlichen Damenwelt des heutigen Wien schauen lässt. Es zeigt die vier älteren Frauen Hedwig, Irma, Constanze und Marion, die mit bacchanalischer Lebensfreude ihre Existenz bestreiten und sich mit anarchischer Lebenslust gegen eine bürgerlich genormte Welt zur Wehr setzen. Es spielen Sona MacDonald, Therese Lohner, Marianne Nentwich und Elfriede Schüsseleder, Regie: Alexandra Liedtke. Davor, ab 23. November, steht Ferdinand von Schirachs Terror auf dem Programm. Das Erfolgsstück behandelt ein moralisches Dilemma in erschreckend aktueller Form: Ein Terrorist entführt ein Flugzeug mit 164 Menschen an Bord. Sein Ziel ist ein mit 70.000 Menschen vollbesetztes Fußballstadion. Und der Pilot muss entscheiden, wer zu sterben hat … Regisseur Julian Pölsler inszeniert erstmals am Theater, und dies gleich in seiner interaktiven Form, denn das Publikum wird am Ende über schuldig oder nicht schuldig abstimmen. Alle Rollen sind ausschließlich mit Frauen besetzt, es spielen Julia Stemberger, Pauline Knof, Martina Stilp, Susa Meyer, Alexandra Krismer und Silvia Meisterle, was, so Föttinger, „erst gar kein Testosteron-Verhalten aufkommen lässt, sondern sich an Fakten und dem Fall orientiert.“

Wie könnte es anders sein, steht auch in der kommenden Spielzeit ein Turrini auf dem Programm. Am 25. Jänner gibt es die Uraufführung von Peter Turrinis Fremdenzimmer: Ein junger Flüchtling aus Syrien steht eines Tages im Wohnzimmer eines vereinsamten, älteren Paares. Samir will nur sein Handy aufladen. Herta und Gustl ziehen den Fremden übergangslos in ihr Leben und quartieren ihn ein. Beinahe scheint es, als hätten sie auf jemanden gewartet, der die Leerstellen ihres Lebens füllen könnte. Mit Erwin Steinhauer und Ulli Maier; Regie: Herbert Föttinger. Föttinger wird selbstverständlich auch als Schauspieler vor den Vorhang treten: Als Professor Bernhardi ab 16. November in der Regie von Janusz Kica. Florian Teichtmeister ist als sein Gegenspieler Dr. Ebenwald sowie Bernhard Schir als Minister Dr. Flint zu sehen.

Bild: Theater in der Josefstadt

Bild: Theater in der Josefstadt

Eine weitere Uraufführung ist All About Eve an den Kammerspielen am 1. März. In der deutschsprachigen Übersetzung von Daniel Kehlmann inszeniert Christopher Hampton sein eigenes Stück, mit Sandra Cervik als Margo Channing und Martina Ebm als Eve Harrington. Am Theater in der Josefstadt begeht man am 15. März mit In der Löwengrube den 70. Geburtstag von Felix Mitterer. Föttinger: „Dieses Stück, ursprünglich für die Josefstadt geschrieben, aber von Otto Schenk als schlecht empfunden, kehrt nun endlich heim.“ Die wahre Geschichte des Berliner Schauspielers Leo Reuss klingt wie ein phantastisches Märchen, ist aber historisch belegt. Weil er Jude ist, bekommt er Auftrittsverbot. Als knorriger Tiroler Bergbauer Kaspar Brandhofer verkleidet, bewirbt er sich als Schauspieler bei Ernst Lothar, dieser engagiert ihn an die Josefstadt – hier wird er als arisches Naturtalent von den Nazis gefeiert. Ein Schauspieler rächt sich mit seinen ureigenen Mitteln, der Darstellungskunst, an den Rassenwahnsinnigen und macht sie vor der ganzen Welt vollkommen lächerlich. Mit Florian Teichtmeister. Es inszeniert Stephanie Mohr.

Sonstige Premieren an der Josefstadt: 21. September, Wie man Hasen jagt. In der Übersetzung von Elfriede Jelinek wird Georges Feydeau, der Meister wohl kalkulierter Verwicklungen und bizarrer Situationskomik, noch witziger und schärfer. Der im Umgang mit schnellen Komödien sehr erfolgreiche Regisseur Folke Braband inszeniert mit Pauline Knof und Roman Schmelzer. 7. Dezember: In Günter Krämers Sicht auf Maria Stuart reduziert sich Schillers Drama auf fünf Personen, auf den Kampf zweier Diven. Mit Elisabeth Rath als Maria Stuart und Sandra Cervik als Elisabeth. Am 12. April folgt Madame Bovary von Gustave Flaubert. Anna Bergmann besetzt in ihrer zweiten Regiearbeit für die Josefstadt fünf Schauspielerinnen, Maria Köstlinger, Bea Brocks, Silvia Meisterle, Marianne Nentwich und Therese Lohner mit der Rolle der Bovary. Die Spielzeit endet am 3. Mai mit Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels mit Susa Meyer, Judith Rosmair, Markus Bluhm und Michael Dangl; Regie: Torsten Fischer.

Sonstige Premieren an den Kammerspielen: 12. Oktober, Die 39 Stufen. Alfred Hitchcocks Film ist ein Klassiker des Kriminalgenres. Patrick Barlow hat aus dieser Vorlage einen spannenden Theaterabend geschaffen: Eine Schauspielerin und drei Schauspieler schlüpfen in fast 100 Rollen. Diese rasant-irrwitzige Spielvorlage eroberte das britische und amerikanische Publikum im Sturm und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Olivier Award und zwei Tony Awards. In Szene setzen wird Werner Sobotka, auf der Flucht sind Ruth Brauer-Kvam, Alexander Pschill, Boris Pfeiffer/Martin Niedermair und Markus Kofler. 26. April, Der Garderober von Ronald Harwood. Erzählt wird von einem Tournee-Schauspieler während des Zweiten Weltkriegs, der sich alt, krank, ausgebrannt in einer Krise befindet und glaubt, in der 227. Vorstellung seine Rolle als König Lear nicht mehr spielen zu können. Sein treuer Garderobier Norman steht ihm unerschütterlich zur Seite – als Diener, Souffleur, Kindermädchen, oft die Launen des egozentrischen Bühnentyrannen geduldig ertragend. Mit Michael König in der Rolle des alternden Schauspielers Sir und Martin Zauner als getreuem Norman; Regie: Cesare Lievi.

Video: www.youtube.com/watch?v=2Y3JIIm3wiM

www.josefstadt.org

Wien, 27. 4. 2017