Schauspielhaus Wien: Blei

April 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spurensuche in kollektiven Gedächtnislücken

Zwiegespräch mit einem Zeitzeugen: Sebastian Schindegger und auf der Leinwand Zvonimir Springer. Bild: Matthias Heschl

Es ist die Geschichte, die ihr Großvater, der begnadete Geschichtenerzähler, nie erzählte: „Blei“. Benannt nach Bleiburg, nach Beilegung des unsinnigen Ortstafelstreits: auch slowenisch Pliberk, und nach dem Blei, das dort noch im Boden liegt. Munition und Waffen in einem Acker, der stummer Zeuge eines Kriegsmassakers ist. Geschehen im Mai 1945. Gräuel, die bis in die Jugoslawienkriege der 1990-Jahre, bis zu heutig-umstrittenen Gedenkfeiern nachwirken.

Und wie so oft bei derlei Schreckenstaten sind die Grenzziehungen Täter-Opfer, Gut-Böse, Überforderung-Mutwilligkeit nicht einfach zu ziehen. „Blei“ heißt die jüngste Produktion am Schauspielhaus Wien. Die junge Autorin Ivna Žic hat sich gemeinsam mit Hausherr Tomas Schweigen und seinem künstlerischen Team auf Spurensuche in ihrer Familiengeschichte begeben und ist dabei auf kollektive Gedächtnislücken gestoßen. Die Ergebnisse der Theaterrecherche, ein erster Work-in-Progress-Zwischenstand, sind teils auf Leinwand und live-synchronisiert zu sehen, teils als Dokudrama, für das Vera von Gunten, Jesse Inman, Sebastian Schindegger und Jacob Suske in verschiedene Positionen schlüpfen. Von der eigenen in die der Autorin (von Gunten zunehmend verzweifelnd in den Laptop hackend) und deren Großvater (Schindegger kettenrauchend in einer aufgebauten Wohnküche). Oder in die von Gottfried Glawar (Suske), der in Bleiburg ein Fundstückemuseum betreibt. Oder von Zvonimir Springer, einem der letzten noch lebenden Überlebenden …

Die Geschichte beginnt 1941. Hitler gibt Befehl zum Einmarsch in Jugoslawien, und Kroatien gründet sich als faschistischer Nazi-Puppenstaat neu. Die Geschäfte liegen in der Hand der Ustascha und deren „Führer“ Ante Pavelić, der nach seinem großen Vorbild den Genozid an Serben, Juden, Roma vorsieht. Schnitt. 8. Mai 1945. Die Partisanentruppen unter Tito, nunmehr bereits die „Jugoslawische Volksbefreiungsarmee“, dringen bis Zagreb vor. Das dortige Militär entscheidet sich für die Kapitulation, will sich jedoch den bereits hinter der slowenisch-österreichischen Grenze in Stellung gegangenen Briten ergeben.

Je nach Quelle 150.000 bis 300.000 Menschen sollen sich auf den Weg gemacht haben. Darunter viele Zivilisten, wie die Geschirr- und Kinderspielzeugfunde belegen. Doch die Soldaten immer noch schwer bewaffnet – und Hitlerverbündete. Weshalb ein ob der Massen in die Enge getriebener und mangels funktionierendem Feldtelefon von seinem Stab abgeschnittener Brigadier Scott – natürlich eine Rolle für Jesse Inman – die Schutzsuchenden „zwangsrepatriierte“. Was nun folgte, wird je nach Blickwinkel anders politisch instrumentalisiert, als Kreuzzug überschrieben oder als Todesmarsch vereinnahmt. Noch in Kärnten, außerhalb der Sichtweite der Briten, kam es zu ersten Hinrichtungen. Die Zahl der ums Leben Gekommenen – unklar, Teile ihres Hab und Guts – im Bleiburger Acker, mit dabei – Großvater Žic, bis zuletzt schweigsam …

In Großvaters Wohnküche. Bild: Matthias Heschl

Live-Kamera auf die Landkarte: Statt Soldaten begeben sich sinnbildlich Schachfiguren in Grenzsituationen. Bild: Matthias Heschl

Wollte er sich über seine Vergangenheit bedeckt halten oder war die Erinnerung zu schmerzhaft? Diese und andere Antworten gibt „Blei“ nicht, der Abend ist eher dazu angetan, weitere, neue Fragen aufzuwerfen – in langen Einstellungen sieht man die müden, durchgefrorenen Schauspielergesichter und wie sie sie denken -, und das ist ob der unterschiedlichen Lesarten der historisch eruierten Fakten gut so. Die Übersetzung des Dokumentarischen von der Leinwand ins Künstliche, ins Künstlerische der Bühne scheint der einzig mögliche Schachzug, einer für Nachgeborene schwierigen Einordnung der dort vorgestellten Erinnerungen beizukommen. Bleiburg bleibt ein Feld des Unsagbaren.

Am Ende, in einem starken, (nach so viel Realismus-Bemühen) poetischem Schlussbild, kapituliert auch das Schauspielhaus-Ensemble. Vor dem Nichtwissen, vor dem sowieso Nicht-Verstehen-Können. Es mehren sich die Zweifel am selbst gesuchten Projekt, an den eigenen Erkenntnismöglichkeiten, an der Chance generell, Geschichte fassen zu können. Aus x-en Erdsäcken wird auf der Spielfläche der Bleiburger Acker aufgeschüttet, man suhlt sich in einer dreckigen Vergangenheit, besudelt sich mit ihr. Ivna Žic, auf der Leinwand selbst präsent, will ihre Arbeit als Beginn eines Dialogs über eine (für sie anzunehmen schmerzhafte) Familienvergangenheit verstanden wissen. Als ein nie geführtes Gespräch mit dem Großvater. Nur so, über diesen persönlichen Zugang, ist die historische Dimension des Gezeigten im Schauspielhaus wohl zu deuten.

www.schauspielhaus.at

Wien, 22. 4. 2017