Sigi Zimmerschied: Der siebte Tag – Ein Erschöpfungsbericht

März 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt als wilde Vorstellung

Ora et labora: Sigi Zimmerschied berichtet als Engelbert Erz von Gottes Schöpfungsschnapsideen. Bild: Axel Schubert

Da tappt er also durchs Dunkle, der arme Engelbert Erz, dem sein Chef das Licht abgeschaltet hat. Eine einzige Boshaftigkeit ist das! Unter uns gesagt, der Alte ist mittlerweile unerträglich dement. Weiß heut’ nicht, was er gestern wollte, hat für morgen keinen Plan, scheucht seinen Mitarbeiter sinnlos hin und her, und spielt derweil am liebsten mit seinem Naturbaukasten – noch lieber, wenn er die Spielfiguren darin massakrieren darf (in der Hoppala-Kiste liegen der Yeti, Erich Honecker, Heidi Klum).

Ach so: Der Alte, das ist der Allmächtige. Herrgott, Jahwe, Allah, Shiva, was weiß man, wie ER heißt? ER nennt sich ja jeden Tag anders …

In seinem jüngsten Programm „Der siebte Tag – Ein Erschöpfungsbericht“ befasst sich Sigi Zimmerschied mit dem Anfang, der Erschaffung von Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. So lernt man’s brav in der Kirche. Wie die meisten bayerischen Kabarettisten leidet auch Zimmerschied an seiner Un-/Gläubigkeit. Gebürtige Passauer empfinden ihren Katholizismus als Kinderlähmung. Von der vatikanischen Krabbelstube beinschienen sie sich direkt in den Ministrantendienst. Im Zorn darob entwirft einer wie Ex-Altardiener Zimmerschied das Bildnis eines allvaterischen Zynikers, der im galaktischen Wettstreit mit anderen „Machern“ (z.B. dem Krautschas-Urknaller) das Universum erschuf.

Was gar nicht so sehr gewollt, als vielmehr eine Verkettung von Zu- und Unfällen und vor allem Schnapsideen war. „Allmacht und Primitivität liegen oft nahe beieinander“, weiß der große Geist und Kleinkünstler Zimmerschied. Die Welt als wilde Vorstellung, um Gottes Geschöpf Schopenhauer neu zu interpretieren. Sechs und einen Ruhetag hat das alles gedauert; auf der Bühne des Niedermair ist es bei der österreichischen Erstaufführung zehn Minuten stockduster, bevor einem ein Licht aufgeht: Das mit dem „Es werde …“ funktioniert nur bei Anbetung und Kniefall, gefolgt von einem „Gebenedeit sei der Techniker dieses Abend …“ Zimmerschied legt seinen Kleinkunstalltag als zweite Tonspur unter den Text. Und natürlich umfasst seine Satire auf den unerreichbaren Überchef und seinen Burn-out-Schackel auch die profitorientierte Betriebswirtschaft.

Der Knecht des Herrn tappt zunächst ziemlich im Dunkeln. Bild: Dr. Christian Pacher

Das „Es werde Licht“ muss er sich der Erz kniend erbeten. Bild: Dr. Christian Pacher

Zimmerschied ist Pointenschleuder und Wuchteldrucker – und als solcher nicht immer stubenrein. Frech, frei und brachial komisch übt er sich im Stakkatosprechen, sein Messerschmidt’sches Gesicht verzieht’s mal in diese, mal in jene Richtung. Und sein Körper – nicht nur wegen dessen Mitte kann man getrost sagen: ein Flummi. Was Zimmerschied zu Gott und der Welt zu sagen hat, muss einem erst einmal einfallen! Er berichtet aus der Geschichte und über G’schichtln. Von Kreuzzugsbedauern über den Inquisitionsschub bis zum Evolutionsterror. Tenor: Intelligenz muss man sich leisten können. Immerhin, viel Ungemach konnte der Erfüllungsgehilfe schon verhindern, und weil er die Menschen mag, hat er den „freien Willen“ erfunden. Aber was Dschingis Khan, Napoleon oder Hitler betrifft, würde er sie sich schon wünschen, die selbstvernichtende Grausamkeit. Doch wer rechter Hand sitzt, ist halt leider nicht mehr als die rechte Hand.

Zimmerschied ist Metaphoriker und Moralist, ein Meister der humoristischen Tiefenbohrung, der trotzdem gern durch jede Untiefe watet. Er geht ins Publikum und sucht ein Menschenopfer. Wie aus dem spontanen Ausruf „Jessas“ ein sinnlos ans Kreuz Geschlagener wird, das muss man sich live anhören. Und auch, warum die „populistische Internationale“ eine jener Neuentwicklungen ist, denen Engelbert Erz höchst kritisch gegenübersteht, die sich aber aus der allerhöchsten Flugperspektive punkto Funfaktor gut machen. Gott würfelt nicht, sagte einst Einstein. Bei Sigi Zimmerschied dreht er zu mindestens am Rad.

Bis 31. März im Kabarett Niedermair, am 1. April im Stadtsaal.

sigi-zimmerschied.de     Video: sigi-zimmerschied.de/videos/der-siebte-tag

www.niedermair.at         www.stadtsaal.com

Wien, 30. 3. 2017