Auf Ediths Spuren – Tracking Edith

März 27, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wiener Superspionin des KGB

Selbstportrait Edith Tudor-Hart. Bild: © Familie Suschitzky

Ihre Fotografien zeigen hungrige Kinder vor Brotläden, ärmliche Menschen in schmutzigen Hinterhöfen, protestierende „Working Women“ im strömenden Regen … Edith Tudor-Hart war eine der wenigen Frauen, die in den 1930-Jahren fotografierten, und sie war eine von denen, die mehr taten, als nur abzulichten – nämlich die Kamera zum gesellschaftspolitischen Gewissen zu machen. Ein Film, „Auf Ediths Spuren – Tracking Edith“, von ihrem Großneffen Peter Stephan Jungk und ab 31. März in den heimischen Kimos zu sehen, beleuchtet nun das Leben dieser kontroversiellen Frau. Denn Tudor-Hart war aufgrund ihrer Überzeugungen eine Sowjetagentin.

Sie rekrutierte den Spion des Jahrhunderts, Kim Philby, und half mit, die Cambridge Five, den erfolgreichsten und berühmtesten Spionagering aufzubauen, den die Sowjetunion je beschäftigt hat. 1973 ist die gebürtige Wienerin im englischen Brighton verstorben. Der Film erzählt die mutmaßlich wahre Geschichte der österreichischen KGB-Starspionin, die maßgeblich daran beteiligt war, dass Russland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Besitz der Atombombe kam. Jungks Doku folgt ihr wie der „Dritte Mann“ – sein erstes Bild ist tatsächlich wie bei Carol Reed das Riesenrad, Jungk erinnert sich aber auch daran, wie er als Kind mit Tante Edith in einer der Gondeln Richtung Himmel schaukelte.

Wo Originalmaterial aufgrund von Geheimhaltung fehlen muss, hilft sich der Regisseur – und dies ist sehr besonders – mit Animationsfilmsequenzen. Bestimmte Ereignisse aus Ediths Leben werden mithilfe knapper, intensiver, schwarz-weißer Szenen illustriert, die im Stil des Film Noir konzipiert sind – zum Beispiel jener Moment, als Edith im Londoner Regent’s Park den berühmt-berüchtigten Philby dem sowjetischen Geheimagenten Arnold Deutsch vorstellt, oder die Verbrennung ihrer Fotonegative, nachdem der englische Geheimdienst MI5 sie Anfang der 1950er-Jahre zum ersten Mal verdächtigte und ihre Wohnung stürmte …

Der Historiker Barry McLoughlin und Filmmacher Peter Stephan Jungk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Peter und Wolf Suschitzky und Misha Donat. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Dass Jungk dabei nie dem Leichtsinn verfällt, seine Verwandte anzuprangern, ist auch seinen Gesprächspartnern geschuldet: Ediths Bruder, der Fotograf und Kameramann Wolf Suschitzky, der 2016 im Alter von 104 Jahren verstorben ist, Paul Broda, Sohn des Physikers und Ediths Geliebtem Engelbert Broda, die Schriftstellerin Anna Kim, der Militär- und Geheimdiensthistoriker Nigel West und die Ex-KGB-Mitarbeiter Alexander Vassiliev und Igor Prelin. „Sowohl mein Vater, als auch mein Stiefvater wurden beschuldigt, den Kalten Krieg mitausgelöst zu haben. Aus meiner Sicht ist das besser, als ein heißer Krieg. Wenn sie zu einem Gleichgewicht des Schreckens beigetragen haben sollten, umso besser!“, sagt Paul Broda. Sein Bruder Christian, der sich früh vom Kommunismus losgesagt hatte, wurde in den siebziger Jahren Bruno Kreiskys Justizminister.

Bild: © Stadtkino Filmverleih

„Die Leute denken immer, Spione gleichen James Bond. Aber in Wahrheit … kann man über Spionage keinen wirklich guten Film machen. Spionage ist langweilig. Oder man muss ein sehr guter Spielfilm-Regisseur sein. Es müsste nämlich ein Film über Beziehungen sein, nicht über Spionage. Alles dreht sich dabei nämlich um zwischenmenschliche Beziehungen.

Zwei Menschen: Der eine will, dass der andere sein Land verrät“, sagt Alexander Vassiliev. Jungk gelingt ein eindringliches Bild eines Lebens, das ihm nicht gefällt. Gleich zu Beginn fragt er die Tante: „Wozu das alles, in das du da hineingeraten bist? Hat es sich gelohnt?“ Und: „Du hast diesem Höllenregime die Treue gehalten, dein Leben lang. Wie konntest du?“

www.trackingedith.com/

www.auf-ediths-spuren.com

Wien, 27. 3. 2017