TAG: Eugen und Eugen

März 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwillinge, nach der Geburt getrennt

Nicht alles an diesem Abend entschlüsselt sich: Matthias Breitenbach und Leopold von Verschuer als „Eugen und Eugen“. Bild: © Julia Schäfer

Geschichte wird von Siegern geschrieben, sagt Winston Churchill. Falsch, sagen Matthias Breitenbach und Leopold von Verschuer. Es sind vielmehr die Eugens dieser Erde, die dafür verantwortlich sind, wie sich die Geschichte macht. „Eugen und Eugen“ sind ein Zwillingsbrüderpaar, das die beiden Akteure 1997 erfunden haben. Sie selber nennen sich zwei sanfte Elefanten im Porzellanweltladen; die beiden Figuren Loser zu nennen, trifft nämlich den Kern der Sache nicht.

Der doppelte Eugen ist vielmehr ein lebenslang Unfertiger, ein Sehnsüchtler, weil ein Suchender nach der ergänzenden zweiten Hälfte – und wenn ihm beim Zusammenpappversuch etwas zu Bruch geht, tja … Die Schauspieler Von Verschuer und Breitenbach sind für ein zweitägiges Gastspiel ins TAG gekommen. Die Story, die sie im Gepäck haben, ist folgende: Eugen und Eugen, 1932 geboren, abrupt getrennt im Alter von elf Jahren, begegnen einander 2017 in einem verlassenen Fernsehstudio wieder. Weil keiner kommt und sich nichts tut, stellen sie sich die vorbereiteten Fragen des verschollenen Moderators selber. Und so erzählen sie Geschichte durch ihre überbordenden Biografien.

Kindheit während der NS-Zeit, in einem hessischen Dorf, in dem sie die Grundschule nur abwechselnd besuchten, um sich als einer auszugeben; getrennte Irrfahrten durch die Nachkriegszeiten, der eine Richtung Namibia, der andere nach Tibet; Paris und Prag 1968, Panzer beenden den Frühling; die Opernhauskrawalle Zürich 1982; Berlin 1989, Mauerfall samt Schabowskis berühmtem Stammeln „Nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“; Terror in Flugzeugen und brennende Zwillingstürme 2001; Politik, Wirtschaft, Finanzdesaster … was man eben so weitverzweigte Lebenswege nennt.

In den revolutionären Momenten ihrer Reise, sind sie wie absichtslose Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen. Mit offenem Mund staunen sie in eine Welt, die sich ihnen nie ganz erschließt, denn in der sogenannten Realität sind diese beiden nur zufällig und nur zu Gast. Das Weiche, das Eugen und Eugen verkörpern, das Unvoreingenommene, mit dem sie durch die Situationen stolpern, aber auch das Marginale ihrer Existenz, wirken erstaunlich destabilisierend, ja dekonstruierend auf alles historisch „Feststehende“. Dieses haben Breitenbach und Von Verschuer natürlich akribisch und detailreich recherchiert – um diese Fakten dann Abend für Abend neu zu improvisieren. Sie arbeiten im zweifachen Wortsinn an der Vorstellung.

Die Brüder warten auf den Beginn der Talkshow, doch das TV-Studio wirkt verlassen. Bild: © Julia Schäfer

Brachial Cooking beendet: Die Rieseneierspeis ist fertig, es entfaltet sich Speckrauch Bild: © Julia Schäfer

Die Mittel, derer sie sich dazu bedienen, sind vielfältig. Ganz großartig der nonverbale Nonsens der beiden, aber auch ihre lautmalerischen Dialoge, in denen sie das Wichtigste perfekt auf den Punkt bringen. Sie wissen: keine Satzbildung ohne das sprichwörtliche Missverständnis. Breitenbach und Von Verschuer sind Meister des Absurden, sie verstehen sich darauf besser, als so manches Theater, das sich den Begriff leitmotivisch an die Fahnen heftet, sie sind Clowns, zwei Könige unter den Spaßmachern. Sie sind Tänzer, Akrobaten und offensichtliche Louis de Funès-Verehrer. „Nein!“ – „Doch!“ – „Ooh!“ Vier Kameras halten ihr Spiel fest und übertragen es aus den skurrilsten Perspektiven auf eineinhalb Vidiwalls.

Am Ende des Abends ist Brachial Cooking angesagt. Auf einer Unzahl Campingkochern wird eine Riesenpfanne platziert, in die hinein schlagen die Küchenmagier mehr als nur ein Ei, und das eine oder andere sich auch gegenseitig auf die Stirn. Schließlich geht der Raum in Rauch auf – und der duftet verführerisch nach Eierspeis mit Speck … Nicht alles an dieser Aufführung erschließt sich einem, zugegeben, das Beste ist, sich in die Performance fallen zu lassen, und zwar so unvoreingenommen staunend wie „Eugen und Eugen“. Die luden das Publikum im Anschluss an ihren Auftritt noch zu einem Gespräch bei einem Glas Wien – und zeigten sich auch dabei als sympathische, humorvolle Künstler.

Zu sehen nur noch heute Abend!

Trailer: vimeo.com/208714837

dastag.at

Wien, 25. 3. 2017