Stermann & Grissemann: Gags, Gags, Gags!

März 24, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pleiten, Pech und quasi Pensionsreife

Die 1165. Ausgabe von „Willkommen Österreich“ im Globe Wien: Stermann und Grissemann gehen auf der Bühne nie die „Gags, Gags, Gags!“ aus. Bild: © Udo Leitner

Etwas Zeit muss man schon aufwenden. Weil, es dauert bis tausend Tassen an den Mann bzw. die Frau gebracht sind. Christoph Maria Grissemann und Dirk Stermann sind diesbezüglich Profis, ORF-geschulte Aus- und ergo am längeren Ast Sitzer. Es wird verlegen gekichert, ist das jetzt das Ende?, der eine oder andere wirft einen verstohlenen Blick auf die Uhr, Zehn vorbei wär’s schon … Die beiden Stoiker auf der Bühne haben ihren Platz in dieser Ordnung erkannt und füllen ihn aus – den Ort, von dem aus sich das Publikum gut bezwingen lässt …

Stermann & Grissemann haben ein neues Programm, das heißt, nein: Mogelpackung. In Wahrheit hieven sie nur die 1165. Folge von „Willkommen Österreich“ auf die Theaterbretter. Diese sind bei der Premiere in Michael Niavaranis Globe Wien, und der Abend, der „Gags, Gags, Gags!“ heißt, könnte ebenso gut den Titel „Pleiten, Pech und quasi Pensionsreife“ tragen. Denn: Everything that possibly can go wrong does go wrong. Aus der Nummer sicher wird ein Auswärtsspiel mit ungeahnten Konsequenzen, die Selbstdemontage des – ja, was? – Komiker-, Conférencier -, Ungustlduos erreicht ungeahnte Dimensionen.

Das liegt vor allem an den illustren Gästen, die – allesamt absagen. Josef Hader sitzt am neuen Berliner Flughafen fest, das kann Jahre dauern, Tobias Morettis Taxifahrer hat sich verfranzt, André Heller hat – no-na – Wichtiges, mehr auf seinem Niveau Befindliches zu tun. Selbst Ina Müller zieht einen Auftritt in Leipzig vor. Und so wurschteln sich die beiden Wurschtl durch den Abend. Mit dem üblichen Durch-den-Kakao-Geziehe von wichtigen Menschen und anderen Kollegen. Großartig die Zuspielung, in der Karim El-Gawhary von einer Frauendemo in Kairo zu berichten versucht, bei der nur Männer durchs Bild marschieren. Oder die „Konkret“-en Backversuche von Claudia Reiterer. Oder Beinah-UHBP Norbert Hofer als Haken einer Kreuzfahrt. Oder ein Innsbrucker FPÖ-Mandatar im englischsprachigen Interview mit einem russischen TV-Sender. Thema: Österreichs Flüchtlingspolitik, aber nie werden wir erfahren, was der Mann mit seinem Entsetzensruf „Stop the Birds!“ meinte … Das ist Realsatire, das ist politisch unkorrekt par excellence. Schön zu sehen, wie sich Stermann & Grissemann bei ihren Pubertätsobszonitäten selber bestens unterhalten.

Ein Russkaja-Bandvideo und eine Backstagekamera illustrieren das Ganze. Mittels Letzterer ist auch Hausherr Nia zu sehen, an’bissen, weil er nur Showgast B ist, beleidigt, weil er sicher nicht die „Zweitbesetzung“ für den Hader gibt. Auf Verstimmung folgt Streit und des behaartesten Persers Österreichs Aufbruch. Und der Abbruch! Regisseurin Angelika beendet den Desaster-Abend wegen Erfolglosigkeit. Und das trotz der beiden Highlights – Grissemann als mit einem Sprachfehler gestrafter Online-Sounddesigner und Stermann beim exzentrisch-exaltierten Schauspielunterricht. Einem Sketch, nicht nur wegen der silly walks, auf Monty-Pythons-Niveau. In diesen Szenen sind die zwei, wie man sie kennt und liebt: skurril und ein bissl unappetitlich.

Schauspielunterricht auf Monty-Python-Niveau. Bild: © Udo Leitner

Und natürlich: Weißweinverkostung. Bild: © Udo Leitner

Stermann & Grissemann, die Karfiolfrisur und der Mann mit der Altersakne, schenken sich nichts. Und sie schenken sich ein. Diesmal chilenischen Weißwein mit komplett grauslicher Expertise eines Entnazifizierungswinzers. Die beiden sehr allein gelassenen Alleinunterhalter brillieren in jeder Rolle. Aber am Schönsten: Nach lärmendem Klamauk folgt diesmal die Stille. Das ist berührend und beinah genial. Am dystopischen Schluss des Abends haben sich die Satiriker zur Ruhe gesetzt und sinnieren aus dem Jahr 2035 rückwärts über diverse Entertainment-Abenteuer.

Dieses Karriereende motiviert auch den Finanzvorschub leistenden Häferlverkauf auf offener Bühne. 9,99 Euro das Stück – ein Schnäppchen. Bücher – für 19,99 Euro. Schließlich kauft sogar Nia ein Buch und wird natürlich ums Wechselgeld g’stoßen … Stermann & Grissemann agieren demokratie- und medienkritisch wirksamer, als so manche diesbezüglich beflissene Theatertruppe. Sie balancieren mit Verve auf dem schmalen Zeitgeistgrat zwischen Selbstverbesserung und Selbsternüchterung, sie hangeln sich von laut lachen zu leise resignieren.

Souverän bewegen sie sich zwischen Beschimpfung, bizarrer Persiflage und Polemik. Berühmte Doppelconferenciers im Himmel, Farkas/Waldbrunn, Laurel & Hardy, Helmut und Qualtinger, stehen Pate. Die Anstrengung hat sich gelohnt, so sie denn je eine war.

Schlaf gut! – Du auch!

Ich liebe dich! – Du auch!

www.stermann-grissemann.at

Wien, 24. 3. 2017