TAG: (Ein) Käthchen.Traum oder Der seltsame Fall aus Heilbronn

Februar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Plass hat Kleist in die Klapsmühle eingewiesen

Wetter Graf vom Strahl möchte das Käthchen schnell wieder los werden: Nancy Mensah-Offei und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Am Anfang, wird sich am Ende zeigen, erklärt sich schon die Idee: Da liegt ein Mensch im Fieberwahn, fantasiert seinem Sterben entgegen und deliriert sich einen „Käthchen.Traum“. So hat sich das Gernot Plass für sein TAG ausgedacht, einen Text entlang Heinrich von Kleists Ritterschauspiel geschrieben und nun auf die Bühne gebracht. Plass‘ Gedankenspiel hat sich nicht allzu weit von der Vorlage entfernt, geht’s doch darin ebenfalls viel um Schlaf und Traum, um Somnambulismus und nächtliche Trugbilder aus dem Unterbewusstsein. Doch ist er exakt um das entscheidende Stück abgerückt, das es ihm ermöglicht, Phänomene wie Cherubine, Cyborgfrauen und einen Kaiser ex machina verdachtsfrei zu erklären.

Gernot Plass hat Kleist also kurzerhand in die Klapsmühle eingewiesen, dessen Dichterdasein ins Stück eingewoben, ist der Rabiateste unter den Romantikern doch ein Mörder und Selbstmörder, und sich an der Diagnose schizoide Persönlichkeitsstörung ebenso abgearbeitet, wie an der Frage, ob Leben und Liebe vorbestimmt göttliches und selbst zu bestimmendes Schicksal sind.

In der Heilanstalt zu Heilbronn wird der Fall von Käthchens ominösem Fenstersturz nicht mehr gerichtlich ver-, sondern nun psychiatrisch behandelt. Eine(r) ist hier viele, und die „Stimme von oben“ könnte von einem Engel oder Arzt oder genauso gut aus dem eigenen Inneren sein, jedenfalls taugt sie zum Zwie- wie zum Selbstgespräch. Was sich in weiterer Folge abspielt, ereignet sich in einer Art mafiös-groteskem Gangstermilieu. Der alte Friedeborn hat Wetter vom Strahls Revolver repariert, dabei hat sich diesem das Käthchen an die Waden geheftet, weil sie nach einem surrealen Silvestertreffen davon überzeugt ist, er wäre The One and Only. Vom Stein und Maximilian rittern derweil um die Gunst der Kunigunde, das heißt: die rivalisierende Bande des einen entführt sie dem anderen. Vom Strahl rettet, Blut fließt aus zerschossenen Gedärmen und kocht in heißen Herzen, das Schönheits-OP-Monster becirct auch den letzten Edelmann – da kommt Käthchen, und die Hütte brennt …

Das künstliche Geschöpf Kunigunde entschlüpft von einem Lover zum nächsten: Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Darüber ist der Rheingraf natürlich nicht erfreut: Georg Schubert, Alexander Braunshör und Sven Kaschte Bild: © Anna Stöcher

Es gehört Chuzpe dazu, Kleists wortgewaltigem Kunstwerk auf den Leib zu rücken. Doch Plass ist ein erfahrener Neuschreiber, er hat sich für eine Sprache entschieden, die moderat modern ist, und in dieser bleibt er seinem ausgeprägten Sinn für Ironie treu. Wenn etwa die hohen Herren durchgängig über die richtige Reihung der Worte im Namen Wetter/Graf/vom/Strahl stolpern (und ihnen der „Strahl“ für Sex- und Toilettenwitzchen herhalten muss) oder der Burg- beständig mit dem Rheingrafen verwechselt wird, ist Kleists Schauergeschichte mit Augenzwinkern von ihrer Schwüle befreit.

Raphael Nicholas ist ein exzellenter Wetter vom Strahl, arrogant, affektiert und schwer psychotisch. Er demontiert den gesinnungssicheren Adeligen/Bandenboss genussvoll und stellt unter der Minnemiene jenen Herrenmenschen bloß, der nach dem Käthchen tritt und sie mit der Reitgerte schlägt. Nancy Mensah-Offei spielt das verliebte Fräulein als würde sie einen Exorzisten brauchen, und wenn dieser trotzige, nach dem doppelten Beinbruch hinkende Teenager seinen Traum-Prinzen mit „Hoher Herr! Gebieter!“ anspricht, wenn sie sagt „Ich will deine Sklavin sein“, bekommen die Worte eine beunruhigende Doppeldeutigkeit.

Ergo wird der Burggraf erschossen: Elisabeth Veit, Jens Claßen und Alexander Braunshör. Bild: © Anna Stöcher

Und Käthchen rüstet sich für die letzte Schlacht: Nancy Mensah-Offei Bild: © Anna Stöcher

Erscheinen Kunigunde, die erst als Mullbindenmumie hereingeschleppt wird, bevor sie sich in einen rothaarigen Vamp verwandelt. Kleists „Nixe“ ist ein zügelloses Geschöpf, doch sind Teile von ihr längst nicht mehr aus Fleisch und Blut. Weshalb Elisabeth Veit mit viel Akrobatik und durchgeknallter Künstlichkeit eine maschinell betriebene Megäre darstellt, für die Männer in erster Linie Lustobjekt sind und Landgewinn bedeuten. Georg Schubert ist nicht nur Friedeborn und Eginhardt und der unglückliche Gastwirt Pech, sondern auch die Gräfin vom Strahl, eine eiskalte Beschützerin ihres Sprösslings – und wie gewohnt gestaltet er die Rolle im Rock mit besonderer Hingabe. Er ist die Elegance im kleinen Schwarzen.

Jens Claßen spielt unter anderem den Burg-, Alexander Braunshör den Rheingrafen, Sven Kaschte den Gottschalk, und alle sind sie auch Richter/Psychiater und die ganz reizenden alten Tanten des Grafen. Die Spielfreude des Ensembles ist wie immer voll aufgedreht, die ganze Inszenierung fährt Vollgas. Plass gelingt das Kunststück, aus Kleist die Komik zu kitzeln, ohne seinen Abend zur Persiflage von dessen Werk zu machen. Am Ende ist man wieder am Anfang, in einem rätselhaften Innenraum, in dem – wer weiß? – die Psyche wohnt. Die Seele ist ein Land, so weit, dass darin Güte und Grausamkeit, Verzückung und Vulgarität, Hass und ein Hoffnungs-Strahl Platz haben, sagt Plass. Erlösung, Herauslösung aus dem irdischen Leiden kann die Liebe bringen. Und der Tod. Wer wissen will, wer hier träumt: Ins TAG gehen!

Trailer:  vimeo.com/204573620

dastag.at

Wien, 26. 2. 2017