Albertina: Egon Schiele

Februar 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Große Werkschau zum 100. Todestag

Egon Schiele: Aktselbstbildnis, 1916. Bild: Albertina, Wien

Als Auftakt zum Gedenkjahr 2018 zeigt die Albertina bereits ab 22. Februar eine umfassende Ausstellung über Egon Schiele. 160 seiner schönsten Gouachen und Zeichnungen führen in ein künstlerisches Werk ein, das sein großes Thema in der existenziellen Einsamkeit des Menschen findet und in drastischem Gegensatz zu den Wertvorstellungen der Gesellschaft des Fin de Siècle steht.

Während Schiele üblicherweise als Teil der künstlerischen und geistigen Elite der Wiener Jahrhundertwende von Mahler bis Schnitzler, von Freud bis Kraus, von Altenberg bis Hofmannsthal betrachtet wird, folgt die Inszenierung in der Albertina einem anderen Prinzip: Große, im Raum schwebende Fotografien konfrontieren das radikale Œuvre des Künstlers mit der Realität seiner Umwelt. Sie bilden einen Hintergrund, der die Fallhöhe zwischen dieser und dem Schaffen Schieles verdeutlicht.

Egon Schiele ist der größte Zeichner des 20. Jahrhunderts; im Gegensatz zu Künstlerkollegen wie beispielsweise Klimt, dem Zeichnungen nur als Skizzen für seine Gemälde dienten, betrachtete er seine Arbeit auf Papier immer als eigenständige Kunstwerke. Als kaum Zwanzigjähriger findet er zu einem eigenen, unverwechselbaren Stil und beschreitet mit diesem neue Wege. Mit sicherer, kräftiger Linienführung erfasst er seinen Bildgegenstand, der meist der menschliche Körper ist. Einerseits charakterisiert er ihn durch treffsichere Konturierung, andererseits verfremdet er ihn durch gewagte Perspektiven und überspitzte Gestik und Mimik. Der Zeichner Schiele ist dem Maler Schiele bald überlegen, er wird in weiterer Folge zum Vorbild einer nachfolgenden Künstlergeneration.

Schieles Darstellungen ausgezehrter Körper zeigen eine damals wie heute radikale Ästhetik des Hässlichen. Er hebt die Gegensätze zwischen dem Schönen und dem Hässlichen, dem Normalen und dem Pathologischen auf. Seine Protagonistinnen und Protagonisten stehen symbolhaft für die Entfremdung des Menschen von der bürgerlichen Gesellschaft und der Kirche. Sie verkörpern eine Allegorie der Heimatlosigkeit des modernen Individuums – das Ablegen falscher Scham wird dabei als Tabubruch zum ästhetischen Prinzip.

Egon Schiele: Sitzendes Paar, 1915. Bild: Albertina, Wien

Egon Schiele: Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911. Bild: Ernst Ploil, Wien

Um einen neuen Zugang zur Entschlüsselung des oft so rätselhaft-allegorischen Werks zu finden, veranschaulicht die Schau in der Albertina die vielfältigen Inspirationsquellen des Künstlers. Erstmals wird eine bisher kaum behandelte Bildgruppe intensiv beleuchtet: Die sogenannten „Allegorischen Werke“. Neue Forschungen haben ergeben, dass Schiele sich in diesen Bildern mit dem Armutsideal von Franz von Assisi und den „Spiritualen“ des 13. Jahrhunderts auseinandersetzt. Die Anhänger dieser Bewegung sollten entbehrungsreiche Armut mit seelsorgerischer Tätigkeit vereinen. Zwischen 1912 und 1918 schuf Egon Schiele eine Reihe von Werken, die Männer in ärmlichem Gewand zeigen, mit pathetischen Titeln wie „Erlösung“, „Andacht“ oder „Die Wahrheit wurde enthüllt“.

Mit der motivischen wie inhaltlichen Anlehnung an das Armutsideal von Franz von Assisi hebt sich der junge Künstler einmal mehr vom Materialismus ab, den die Elite des Wiener Fin de Siècle um Gustav Klimt und die Wiener Werkstätte repräsentiert. Schieles Kunst ist dabei allerdings nicht das Abbild seiner persönlichen Befindlichkeit, sondern erhebt vielmehr einen hohen moralischen Anspruch: Schiele erweist sich nicht nur als Künstler von größtmöglicher Freiheit und ästhetischer Autonomie, sondern zugleich auch als Verfechter hoher Ethik und leidenschaftlicher Spiritualität.

Im Kontext von seinen hohen Moralvorstellungen ist auch die berühmte V-Geste, die erstmals in seinem Selbstbildnis mit Pfauenweste zu sehen ist, zu deuten. Das Handzeichen zitiert das berühmte byzantinische Pantokrator-Mosaik der Chora-Kirche in Konstantinopel. Nicht nur in dieser Geste, auch im Lichtkranz, der den Kopf des Künstlers heiligt, inszeniert sich Egon Schiele performativ als Auserwählter von hohem Rang. Die wirre Frisur und der Blick von oben herab lässt das selbstbewusste Genie erkennen, das der Welt das Heil bringt: ein verweltlichter Christus als Herrscher, ein Künstler als Schöpfer und Messias.

Egon Schiele: Auf dem Bauch liegender weiblicher Akt, 1917. Bild: Albertina, Wien

Egon Schiele: Weibliches Liebespaar, 1915. Bild: Albertina, Wien

Trotz seines kurzen Lebens von 1890 bis 1918 und einer kaum mehr als zehn Jahre währenden Phase künstlerischen Schaffens hinterlässt der Künstler ein umfangreiches Werk. Es umfasst, seine Skizzenbücher nicht mitgerechnet, über 330 Gemälde und über 2.500 Zeichnungen. Die Albertina besitzt zahlreiche Werke aus jeder Phase des jung verstorbenen Genies.Die hauseigenen Bestände bilden nun den Ausgangspunkt der Ausstellung, die um einzelne, bedeutende Leihgaben aus nationalen und internationalen Sammlungen und Museen ergänzt wird. So richtet die Schau einen einzigartigen Blick auf die künstlerische Entwicklung Egon Schieles, die sein plötzlicher Tod im Alter von nur 28 Jahren so jäh beenden sollte.

www.albertina.at

Wien, 19. 2. 2017