Theater in der Josefstadt: Heilig Abend

Februar 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Herbert Föttinger inszeniert Daniel Kehlmann

Aus der Gedankengewalt wird bald eine reale: Maria Köstlinger und Bernhard Schir. Bild: Sepp Gallauer

Die Argumente beider Seiten sind hinlänglich bekannt, hie Kapitalismuskritik und Globalisierungsgegnerschaft, da die Totalüberwachung als staatliche Sicherheitsgarantie. „Phrasen werden unterschätzt, sie sind sehr nützlich“, heißt es an einer Stelle. Es ist Autor Daniel Kehlmann, der sie in seinem neuen Theaterstück „Heilig Abend“ nicht drischt, sondern neu reiht, sie aneinander fädelt bis Täter- und Opferschaft verschwimmen. Der Innenminister will mit einer Verschärfung des Demonstrationsrechts gleichsam das hör- und sichtbare Kundtun von Meinung beschneiden; die Polizei verhaftet Teenager-Terroristen, die gegen ein System antreten, das sie als Fremde behandelt und ihnen ergo fremd bleiben muss; die Wutbürger sind entfesselt. Kehlmann denkt, jenseits von Gut und Böse, nicht in Schwarz und Weiß, er bewegt seinen Text durch die Grauzone dessen, was das Allzumenschliche vom Unmenschlichen trennt.

Das ist ein starkes Stück, eines, das aktueller nicht sein könnte, und es heißt „Heilig Abend“, uraufgeführt am Theater in der Josefstadt in einer Inszenierung von Hausherr Herbert Föttinger. Der tut das Bestmögliche: Er verlässt sich auf den Text und seine drei Protagonisten. Maria Köstlinger, Berhard Schir und die Uhr. Bestsellerfabrikant Kehlmann hat ein Echtzeitdrama geschrieben, sein High Noon ist um Mitternacht, da soll ein Sprengsatz explodieren, gelegt von einer Professorin für Philosophie. Ein Ermittler verhört sie, keine Namen, keine Ortsangaben, nur eine Digitalanzeige, die erbarmungslos Minute um Minute runterzählt.

Für diese Anordnung hat Bühnenbildner Walter Vogelweider einen hermetisch abgeschlossenen Glaskubus geschaffen. Darin sind die Darsteller, denn der Kontakt zum Publikum ist ihnen so verwehrt, ganz auf sich selbst zurückgeworfen, was ihr Spiel prägnant und sehr präzise macht. Wie Kehlmann hat auch Föttinger bei seiner Arbeit auf jeglichen Schnockes verzichtet, nur einmal eskaliert die Situation, ansonsten ist der Schlagabtausch rechts gegen links intellektuell eisig. Köstlinger gibt ihre Figur als arrogant-akademische Salonlinke, sogar die Frisur hat was Meinhof’sches; Bernhard Schirs Verhörspezialist changiert zwischen kaltem Zynismus und einer brutal-boshaften Jovialität, ein nicht unkomischer Spagat, der das Publikum bis zum Lachen reizt.

Auf dem Computer der Professorin fand sich ein Pamphlet, das sie Seminarunterlage, er Bekennerschreiben nennt. Daran laborieren die beiden Kombattanten 90 Minuten lang, man hat gelernt: Fakten können auch alternativ sein, und während sie beteuert, keine Bombe gelegt zu haben, lässt er seine platzen: In einem Nebenraum würde der Ex-Ehemann der Professorin diese gerade belasten. Es kommt zu einem letzten Telefonat und … das zu verraten verbietet sich, will man künftigen Zuschauer nicht die Spannung aus diesem Politkrimi saugen.

Dritter Protagonist im Kehlmann’schen Echtzeitdrama ist die Uhr. Bild: Sepp Gallauer

Die Totalüberwachung hinter den Kulissen ist längst nicht mehr Science Fiction. Bild: Sepp Gallauer

Denn tatsächlich war Kehlmann noch nie so dezidiert politisch wie diesmal. Das Auftragswerk für die Josefstadt ist ein einwandfreier Thriller, man meint mitzufühlen, wie die Luft im Glaskasten immer weniger wird, die Feindseligkeiten nehmen zu, aus verbaler Gewalt wird physische. Die strukturelle zeigt sich, als sich die Bühne einmal dreht und den Blick auf eine Monitorwand freigibt. Längst hat die Freiheitsberaubung den Bürger erreicht, und auf die Frage der Professorin, ob er ihre Wohnung verwanzt hätte, kann der Ordnungshüter nur lachen. Wo doch heutzutage jedes verwendete Technogimmick ein Mikrophon hat.

Erschreckend ist das, wie der Ermittler das Privateste in seine Öffentlichkeit zerrt. Er kennt sowohl die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs als auch den Umfang des Weinkonsums und benutzt diese Kenntnisse im Gespräch wie eine scharf geschliffene Klinge. Orwells „1984“ wird gerade wieder zum Bestseller; Paris, Berlin, das hat einer neuen Generation von Europäern die Unschuld geraubt – und dann stellt Köstlingers Professorin die Frage, die Science-Fiction-Schriftsteller seit jeher umtreibt: Kann man belangt werden für das, was man denkt?

Antworten gibt Kehlmann selbstredend keine, die größeren Zusammenhänge, schon von ihrer Natur her nichts für Kleingeister, werden vom Autor nicht auf dem Silbertablett serviert, und auch Föttingers Regie lässt den Schluss offen und damit eigene Schlüsse zu. Nur so viel: Frau Professor ist eine Frau mit Vergangenheit und thougher als die Polizei erlaubt. Das Premierenpublikum bejubelte Leading Team und Akteure. „Heilig Abend“ ist eine rundum geglückte Aufführung: ein spannender Plot, eine exzellente Regie und zwei überragende Schauspieler. Bravo!

Video: www.youtube.com/watch?v=DRRO5jV1EPI

www.josefstadt.org

Wien, 3. 2. 2017