Otto Schenk in „Liebe möglicherweise“

November 29, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die vielfältigen Verirrungen des Herzens

Otto Schenk. Bild: © WEGA-Film

Otto Schenk mit Norman Hacker. Bild: © WEGA-Film

Eine Handvoll Großstadtgesichter beobachtet Regisseur Michael Kreihsl in seinem jüngsten Film, der am 2. Dezember in den heimischen Kinos anläuft. Das Ensemble ist erlesen, reicht von Otto Schenk und Gerti Drassl bis Christine Ostermayer und Devid Striesow, ihre Geschichten greifen ineinander, erzählen vom Wollen und Nichtkönnen oder längst Aufgegeben haben.

„Liebe möglicherweise“, man weiß es nicht, und bevor man sich eine Antwort zurecht zimmern kann, kommt Kreihsl zu einem Ende. Das ist weder happy noch besonders unhappy. Es ist einfach. So wie das Leben. Stolpern, aufstehen, wieder stolpern, behutsamer aufstehen. Behutsam ist auch die Art, in der Kreihsl seine Protagonisten porträtiert, wie auf Zehenspitzen folgt er ihren Geschichten. Ein zarter, stiller, anrührender Film ist so entstanden, in Episoden erzählt er vom Bedürfnis des Menschen nach Nähe, von der Sehnsucht nach einem Sich-Fallenlassen-Können, von Liebe, die immer auch Selbst-/Verletzung ist – und dies alles durch alle Altersstufen.

Es beginnt mit Devid Striesow als Michael, der sich in die Freundin seines Freundes Roland, gespielt von Norman Hacker, verliebt. Sie beginnen eine Affäre, bei der sie es schafft, sich auf das Körperliche zu konzentrieren. Die Distanz, unter der der Mann hier leidet, macht andernorts seiner Ehefrau zu schaffen. Silke Bodenbender spielt diese Monika, eine Ärztin, auf deren Operationstisch ein Bub landet, der vor ein Auto gelaufen ist. Dessen verzweifelte Mutter im Wartesaal, Gerti Drassl wie immer ganz großartig, wird von einem Fremden getröstet – und man wird noch erfahren, warum der sich so um sie annimmt. Indes sieht man Michael, der seine alte Tante in einer geriatrischen Einrichtung besucht, nichts wünscht sich die mehr, als bei ihrer Familie sein zu können, doch der Wunsch wird ihr als „zu umständlich“ verwehrt. Rolands Vater wiederum lebt noch in seiner Wohnung. Das heißt, seit dem Tod seiner Frau versucht er immer wieder erfolglos, sich das Leben zu nehmen, bis …

Francis Okpata und Gerti Drassl. Bild: © WEGA-Film

Francis Okpata und Gerti Drassl. Bild: © WEGA-Film

Devid Striesow und Christine Ostermayer. Bild: © WEGA-Film

Devid Striesow und Christine Ostermayer. Bild: © WEGA-Film

Es sind Christine Ostermayer und Otto Schenk, die in diesen Rollen am meisten unter die Haut gehen. Als eine Generation, die der nächsten abverlangt, woran sie selber gescheitert ist. Kreihls berichtet schonungslos authentisch vom Analphabetismus der Gefühle. Wie ein Wissenschaftler die Petrischale umkreist Kreihsl sein Thema. Sein in großer Wahrhaftigkeit verfasstes Drehbuch und die unverstellte Darstellung seines Ensembles lassen dem Zuschauer Raum sich den Figuren zu nähern und sich in dem einen oder anderen vielleicht sogar selbst zu finden. Ein durchaus schmerzhafter Prozess, der durchaus sehr gewollt erscheint. Aufs Glück warten, ist wie auf den Tod warten, sagt eine der Figuren. Daraus sollte man Schlüsse ziehen. Um sich daran hochzuziehen, wenn’s irgendwann heißt: Liebe möglicherweise?

liebemoeglicherweise.at

Wien, 29. 11. 2016