Volkstheater: Stefan Suske im Gespräch

November 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt Robert Seethalers „Trafikant“

Nach 37 Jahren spielt er wieder in Wien: Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nach 37 Jahren spielt er wieder in Wien: Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit seinem Roman „Der Trafikant“ landete der bis dahin unbekannte Wiener Schriftsteller Robert Seethaler 2012 auf den internationalen Bestsellerlisten. Am 2. Dezember hat nun eine vom Autor selbst für das Volkstheater in den Bezirken vorgenommene Dramatisierung seines Buches im Volx/Margareten Premiere. Seethaler erzählt vom jungen Franz Huchel, der 1937 vom Attersee nach Wien zieht, um beim Trafikanten Otto Trsnjek in die Lehre zu gehen. Dabei lernt er nicht nur dessen prominentesten Kunden Sigmund Freud und seine erste Liebe, die Erotiktänzerin Anezka, kennen, sondern auch die Nazis. Als der unbequeme Trsnjek als „Judenfreund“ von der Gestapo verhaftet wird, muss Franz seine ersten Schritte in die Erwachsenenwelt tun. Es ist eine grausame Welt, in der sich der Bub vom Land zum Widerständler gegen das Mörderregime mausert. Schauspieler Stefan Suske (mehr: www.volkstheater.at/person/stefan-suske/), nach 37 Jahren mit der Intendanz Anna Badora nach Wien zurückgekehrt, spielt den Otto Trsnjek. Ein Gespräch über die stillen Helden des Alltags und die Notwendigkeit, Haltung zu haben:

MM: „Der Trafikant“ ist eine Geschichte über dunkler werdende Zeiten, ein Plädoyer für Zivilcourage im kleinstmöglichen Rahmen.

Stefan Suske: Das würde ich ähnlich formulieren: Eine Geschichte über die stillen Helden des Alltags, die außerhalb des Gesichtskreises einer Zeit Haltung zeigen. Die nirgends vorkommen, außer es gibt ihnen zum Beispiel ein Schriftsteller wie Robert Seethaler Raum und Stimme. Der Protagonist ist Franz Huchel, ein junger Mann, der vom Land kommt, der keine politische Bildung hat, der außer dem Nußdorfer Gemeindeblatt nichts gelesen hat, und dann durch diesen Trafikanten Otto Trsnjek sozusagen im zweiten Bildungsweg herangeführt wird an das, was um ihn herum vorgeht. Franz macht dann tatsächlich seinen Weg bis zum Widerstandskämpfer. Nicht mit einer großen Tat, sondern mit einer kleinen, subtilen Geste gegen den Nationalsozialismus.

MM: Das Buch, damit nun das Stück, beginnt mit dem Wetterleuchten des Dritten Reichs und schildert den Wahnsinn, wie Menschen in diese NS-Todesmaschinerie hineingesogen werden und ihr nicht mehr entkommen können.

Suske: Die ersten Wochen, Monate, nach dem „Anschluss“, die Aggression, die sich da ausgebreitet hat, das beschreibt Seethaler in einer eindrücklichen Passage, in der der „rote Egon“ – vielleicht eine Hommage an Egon Friedell – nur ein Transparent aufhängt, auf dem steht „Die Freiheit eines Volkes braucht die Freiheit seiner Herzen Es lebe die Freiheit, es lebe unser Volk, es lebe Österreich“ und dafür bezahlt. Der Trsnjek wiederum lässt sich nichts anderes zu Schulden kommen, als dass er jüdische Kunden bedient.

MM: Dieser Otto Trsnjek, den Sie spielen werden, wie ist der?

Suske: Ein Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg. Er hat nur ein Bein, das werden wir mit einem Trick darstellen, weil das wichtig ist für den Schluss des Ganzen. Ich habe lange überlegt, ob er politisch aktiv, ein Sozialist oder Kommunist sein könnte, aber ich denke, das ist er nicht. Er ist einfach ein denkender Mensch, der ang’speist ist von dem, was da auf Wien, auf Österreich zurollt. Er ist ein guter Mensch, aber ein gezeichneter.

MM: Robert Seethaler hat auch das Stück verfasst?

Suske: Er hat eine eigene Bühnenfassung für uns geschrieben, das ist lustig, weil er mal am Volkstheater als Schauspieler tätig war, auch die damalige Schauspielschule am Haus besucht hat. Diese Fassung wurde von Regie und Dramaturgie im Einverständnis mit dem Autor noch einmal aufgemacht, weil die Prosa des Romans so wahnsinnig gut ist. So sprechen bei uns die Figuren nicht nur die Dialoge, sondern eben auch Prosastellen, Erzählpassagen aus dem Roman, auch die Briefe, die sich Mutter und Sohn schreiben. Ich hoffe, dass das funktioniert. Ich mag auch die anderen Bücher von Robert Seethaler sehr, wär‘ schön, wenn er zur Premiere käme.

MM: Waren Sie schon in den Bezirken?

Suske: Gespielt habe ich da noch nie, aber geschaut, wie sich die Kollegen schlagen. Das ist aus meiner Wahrnehmung ein sehr ehrliches Publikum, das sehr direkt reagiert, das mitgeht, wenn es interessiert ist. Wenn es fadisiert ist, dann zeigen sie es einem aber auch beinhart. Das Bezirks-Publikum darf man nicht unterschätzen, die lieben ihr Theater.

Das Ensemble von "Der Trafikant": Lukas Watzl, Stefan Suske, Nils Rovira-Muñoz, Elzemarieke de Vos und Klaus Huhle. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Das Ensemble von „Der Trafikant“: Lukas Watzl, Stefan Suske, Nils Rovira-Muñoz, Elzemarieke de Vos und Klaus Huhle. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Suske mit Carolin Knab in "Hose Fahrrad Frau". Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Suske mit Carolin Knab in „Hose Fahrrad Frau“. Nächste Vorstellung: 5. Dezember im Volx/Margareten. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

MM: Sie sind auch Schreibender, Sie haben in der vergangenen Saison die „Notizen eines Heimkehrers“ verfasst. Nach 37 Jahren wieder in Wien – wie geht es Ihnen?

Suske: Gut! Ich war viele Jahre in der Schweiz, da wäre ich nie auf die Idee gekommen, mir etwas aufzuschreiben. Ich habe die Menschen sehr schwer verstanden, wenn sie in ihren jeweiligen Sprachen geredet haben. Denn Berndeutsch, Zürichdeutsch zum Beispiel sind keine Dialekte, sondern eigene Sprachen. Aber hier in Wien, egal ob ich in einem Caféhaus oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel sitze, muss ich mir Notizen machen. Ich höre den Leuten zu und denke mir, das gibt’s ja nicht, das kann man nicht erfinden. Ich begreife sofort, wo einer herkommt, aus welcher Gesellschaftsschicht er ist, was das jeweils für eine mögliche Geschichte ist. Und dann spinne ich das weiter. Dieses Jahr mache ich Pause, weil ich eine Lese-Reihe für die Rote Bar mit Ausschnitten aus Doderers „Dämonen“ vorbereite, deren letzter Teil dann im Justizpalast stattfinden wird. Aber ich habe schon Ideen für ein neues Format.

MM: Ihr Sohn Jacob ist am Schauspielhaus Wien tätig.

Suske: Jacob ist Musiker, das Ein-Mann-Orchester am Schauspielhaus, Tomas Schweigen bezieht ihn aber auch in die Dramaturgie mit ein. Ich finde, er macht das großartig, Jacob hat ursprünglich Jazz studiert, war circa fünf Jahre lang Bassist in der damals bekanntesten Schweizer Popband „Lunik“, hat ganz gut verdient und hat sich dann in Berlin ein zweites Standbein als Theatermusiker aufgebaut. Was ich sehr schätze ist, dass er immer etwas macht, was dem Stück dient. Jetzt bei „Traum Perle Tod“ zum Beispiel hat er den Schauspielern in sechs Wochen beigebracht, Instrumente zu spielen, in „Imperium“ hat er nebst der Live-Musik auch eine kleine Rolle gespielt, einen Dramaturgen, der sich um den roten Faden bemüht. Das war lustig, weil er nicht so wie ich Text lernt, Musiker denken da anders, die kommen über die Improvisation … ich glaube, die Kollegen haben nicht immer das richtige Stichwort gekriegt. (Er lacht.)

MM: Um wieder auf den „Trafikant“ zu kommen: Einer der Kunden von Otto Trsnjek ist Sigmund Freud.

Suske: Deshalb war ich auch mit dem ganzen Team zum ersten Mal im Sigmund-Freud-Museum, wir bekamen eine ausgezeichnete Spezialführung, die auf die Bedürfnisse unserer Inszenierung Bezug nahm. So freundlich, wie er bei Seethaler ist, war Freud bestimmt nicht. Ich wusste gar nicht, dass er so havariert war, er hatte ein Platte im Mund, weil der Gaumen so krebszerfressen war, er hat sich nur von links fotografieren lassen, weil rechts ein Loch in der Wange war …

MM: Zu diesem Krebsleiden hat der Trafikant mit seinen Virginias wohl beigetragen.

Suske: Jaja. Er hat ohne Unterlass, auch während der Therapiesitzungen, seine geliebten Virginias geraucht … Man muss sich den Schock dieses schwerkranken Menschen vorstellen, als plötzlich die Gestapo in seiner Tür stand. Bei Seethaler wird Freud ein Mentor für Franz, er erklärt ihm, wie’s mit den Frauen geht und andere Dinge des Lebens. An ihm sieht Franz als erstes, wie das Regime ihm missliebige Personen vertreibt. Das ist eine schöne fiktive Geschichte, Seethaler wollte scheinbar einen „Prominenten“ in seinen Stoff einschreiben, als Katalysator unter den „Niemanden“, und ich finde, das funktioniert sehr gut. Die Trafik, in die Freud ging und die im Stück dem Trsnjek gehört, gibt’s übrigens wirklich, Ecke Währinger Straße/Berggasse.

MM: Freud rät Franz seine Träume aufzuschreiben. Was erträumen Sie?

Suske: Auf unsere Arbeit bezogen? Dass das Publikum ein wenig verändert aus diesem Abend raus geht. „Ins Licht treten, die Treffbaren, die Erfreubaren, die Veränderbaren!“, um Brecht zu zitieren, das ist das Publikum, das ich mir wünsche. Ich träume davon, dass die Menschen begreifen, dass es hin und wieder notwendig ist, Haltung zu zeigen.

www.volkstheater.at

www.stefansuske.ch

Romanrezension von „Der Trafikant“: www.mottingers-meinung.at/?p=5071

Wien, 27. 11. 2016