Michael Schottenbergs Rückkehr ans Theater

November 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert Nestroy an der Josefstadt

Regisseur Michael Schottenberg mit dem Ensemble: Thomas Kamper, Michou Friesz, Martin Zauner, Matthias Franz Stein und Doris Golpashin. Bild: Jan Frankl

Regisseur Michael Schottenberg mit dem Ensemble: Thomas Kamper, Michou Friesz, Martin Zauner, Matthias Franz Stein und Daniela Golpashin. Bild: Jan Frankl

Kaum mehr als ein Jahr hat die Quasi-Pension gedauert, nun kehrt Michael Schottenberg ans Theater zurück. An der Josefstadt inszeniert er Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt“. Premiere ist am 1. Dezember. Zum ersten Mal arbeitet der ehemalige Volkstheaterdirektor an dem Haus als Regisseur, an dem er 1976 als Schauspieler debütierte. Nestroy, natürlich. Titus Feuerfuchs. Ein Gespräch über „Nie wieder Theater!“, Gartenpflege ohne Garten – und warum Erni Mangold an allem Schuld ist:

MM: Als wir einander zum Abschiedsinterview Ihrer Volkstheaterdirektion zuletzt sprachen, meinten Sie „Nie wieder Theater!“ und Sie würden sich nunmehr der Gartenpflege widmen. Der Garten ist fertig?

Michael Schottenberg: Im Gegenteil, ich habe noch immer keinen! Ich habe mich selbst gepflegt. Ich arbeite seit vierzig Jahren in diesem Beruf, und das sind Hundejahre, also muss man sie mal sieben rechnen, und nun habe ich erstmals etwas getan, das ich noch nie gemacht habe: Ich habe mich um mich selbst gekümmert. Die Zeit war reif und ich habe sie notwendigst gebraucht. Nun ist mir die Josefstadt „dazwischen gekommen“, das war auch für mich eine Überraschung, das heißt aber nicht, dass ich meinem Wort untreu geworden bin. Die Rückkehr zum Theater ist nur eine temporäre.

MM: Ausgelöst eigentlich durch Erni Mangold …

Schottenberg: Eines Tages kam die Mangold und sagte: Du musst mit mir zu meinem 90er etwas machen, ich verlange das, ich fordere das ein. Und ich erwiderte: Erni, du erwischt mich am falschen Fuß, aber okay. Erni Mangold war meine Lehrerin, ist eine jahrzehntelange Weggefährtin, sie war an den wichtigsten Stationen meines Lebens präsent. Und wer könnte der immer schöner, immer jünger, immer frecher und ungehobelter und immer liebenswerter werdenden Erni schon etwas abschlagen? (Er lacht.) Also gab ein Wort das andere, und ich mache für sie und mit ihr im Jänner an den Kammerspielen „Harold und Maude“, und da ich nun diese Monate ohnedies schon am Haus bin …

MM: Schieben Sie noch einen Nestroy ein.

Schottenberg: Das hat sich so ergeben, das war nicht der Plan, aber es macht sehr viel Spaß.

MM: Nestroy war als Schauspieler und Regisseur Ihre erste Liebe. Sie haben nicht erst in Ihrer Zeit am Volkstheater eine neue Lesart, eine neue Ästhetik für Nestroy entwickelt. Was bedeutet er für Sie?

Schottenberg: Nestroy ist ein Himalaya, den es ohne Sauerstoffflasche zu bezwingen gilt. Von ihm ist das Gültigste und Richtigste und Schärfste, das jemals geschrieben wurde; er ist der Vorfahre von klaren Formulierern, politischen Denkern und mutigen Zeitgenossen wie Ödon von Horváth, Karl Krauss, Thomas Bernhard bis hin zu Josef Hader. Das sind Künstler, die die Menschen dieses Landes seziert haben, die den Stachel der Erkenntnis in dieses Land getrieben haben, die gültige Dinge über dieses Land gesagt haben. Nestroy wurde von der Bühne herunter verhaftet, er hat dem Metternich-Staat die Stirn geboten, warum?, weil er die Wahrheit gesagt hat. Und um nichts anderes geht es am Theater – die Wahrheit zu sagen.

MM: Nun ist aber „Das Mädl aus der Vorstadt“ nicht wirklich ein politisches Nestroy-Stück. Da gäbe es andere Beispiele.

Schottenberg: Es ist ein extrem Wienerisches Stück; und das Wienerische sehe ich darin, dass jeder mit aller Perfidie, aller Härte und aller Konsequenz seinem kleinen Glück nachjagt. Ohne Rücksicht auf den anderen. Der Chef der Hauptstadt, der Kauz, ist ein bösartiger, korrupter Spekulant, der in die Vorstadt einbricht und sich Mädln kauft, die Tabugrenzen und die Sphären anderer einfach durchbricht, moralisch ist er nur dann, wenn’s zu seinem eigenen Vorteil ist. Nestroys Untertitel „Ehrlich währt am längsten“ ist da der pure Sarkasmus. Trotzdem hat Nestroy diesen unappetitlichen Charakter lieb, und das finde ich einfach herrlich. Aber es stimmt: „politisch“ ist „Das Mädl“ nicht.

MM: Also keine Zeitstrophen am Vorabend des dritten Durchgangs der Bundespräsidentenwahl? Darf man das?

Schottenberg: Ich bin kein Freund von Zeitstrophen. Worüber sollen wir singen? Über Norbert Hofer? Nestroy ist nicht Rimini Protokoll oder SIGNA. Er schreibt nicht jetzt und heute. Wer nicht aus seinem Text heraushört, wer heute gemeint sein könnte, dem kann ich auch durch vereinfachende Interpretationen nicht auf die Sprünge helfen. Ich glaube, Nestroy kann und darf man nicht umschreiben, man muss ihn nicht in die heutige Zeit „herüberreißen“, weil man ihn dadurch nur verflachen würde. Er hat eine Poesie, und wer sich darauf nicht versteht, der hat verloren. Ich mache aber keinen Rüscherl-Nestroy, denn im Biedermeier lasse ich das „Mädl“ und die Mädlerie nicht, wir siedeln das Stück in den 1950-, 1960-Jahren an. Der Schnoferl ist bei uns ein Schlurf in Verwandtschaft zu Qualtingers „Gschupfen Ferdl“, die anderen sind Strizzis, Schwarzmarkthändler und Gescheiterte der Nachkriegsära. Ich gebe zu, dass ich da eine gewisse Affinität habe, weil das meine Jugendzeit war. Ich hoffe, unsere Arbeit wird erhellend, trocken und abgeschlankt sein. Wie ich meinen Nestroy halt sehe: Direkt und gradlinig und turbulent. Und natürlich soll man lachen.

Doris Golpashin als Vorstadtmädl Thekla. Bild: Jan Frankl

Daniela Golpashin als Vorstadtmädl Thekla. Bild: Jan Frankl

Thomas Kamper als Winkelagent Schnoferl, Martin Zauner als Spekulant Kauz und Matthias Franz Stein als Gigl. Bild: Jan Frankl

Thomas Kamper als Schnoferl, Martin Zauner als Spekulant Kauz und Matthias Franz Stein als Gigl. Bild: Jan Frankl

MM: Sie haben sich mit Hans Kudlich einen Bühnenbildner Ihres Vertrauens ans Haus geholt.

Schottenberg: Hans baut sehr genaue und kahle Räume, das habe ich gerne, weil der Text und seine Energie, also auch seine Wut, im Vordergrund stehen sollen.

MM: Wie ist es als Regisseur am Theater eines ehemaligen „Konkurrenten“ zu arbeiten?

Schottenberg: So was von problemlos. Herbert Föttinger und ich sind aus gleichen Theatergenen, der eine vielleicht ein bissl lauter, der andere ein bissl leiser. Ich kenne und verstehe alle seine Probleme als Intendant und er alle meine Probleme als Regisseur, da versteht man einander auf einer eigenen Ebene.

MM: Man sieht Sie auch regelmäßig im Volkstheater. Beobachten Sie die Entwicklung des Hauses?

Schottenberg: Anna Badora macht ihr Theater, ich mache meines.

MM: Wenn Sie mit den beiden Inszenierungen am Haus fertig sein werden, dann beschäftigen Sie sich wieder mit … dem noch nicht vorhandenen Garten?

Schottenberg: Ich schau‘ mir die Welt an; ich will und muss die Welt kennenlernen. Ich will andere Eindrücke, andere Menschen, andere Sprachen, selbst andere Gerüche wahrnehmen. Ich kenne viel zu wenig davon. Ich würde nichts lieber als Reisejournalist sein. Oder Reisen organisieren. Ich habe so viele Zuhauses auf der Welt, eines davon in Griechenland, eines in Südostasien wäre noch schön. Das ist für mich auch Heimat. Ich baue gerne Nester. Ich bin gern auf Schiffen, das habe ich sogar hier verankert (er zeigt ein Tattoo auf seinem Unterarm). Bring‘ mich in einen Hafen und ich bin glücklich.

MM: Wie finden Sie es dann, dass die Welt je kleiner sie wird, umso mehr auseinander driftet?

Schottenberg (seufzt): Es macht mich sprachlos, dass der Ruf nach starken Männern und „klaren“ Aussagen zyklisch wiederkommt. Dass es immer wieder dorthin gehend eskaliert, ist mir unerträglich und unbegreiflich, weil die Menschen aus Geschichte nichts lernen. Woran liegt es, dass wir immer wieder an einen Punkt kommen, an dem man sagen möchte: Freunde, da waren wir doch schon!? Dass man das so schürt, mit großer Demagogie und mit großer Härte und mit einer Brutalität sondergleichen, dass man immer wieder zu Worten greift, die verhöhnen, verletzen und töten! Man hätte gedacht, wir hätten all diese Muster schon erfahren, nein, die Menschen glauben, es geht ihnen schlecht und schon regieren die Tribunen. Die gewählten Tribunen. Man glaubt es nicht. Leider kann Theater nicht die Welt lösen, das müssen andere machen, pardon. Wir am Theater können nur politisch wach bleiben und versuchen aufzurütteln. Die Welt neu erfinden, können wir nicht.

www.josefstadt.org

Wien, 26. 11. 2016