Die Welt der Wunderlichs

Oktober 13, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Zuviel Witz erschlägt eben den Humor

Rocken die Castingshow wie in alten Zeiten: Mimi (Katharina Schüttler) und Johnny (Martin Feifel). Bild: Polyfilm

Rocken die Castingshow fast wie in alten Zeiten: Mimi (Katharina Schüttler) und Johnny (Martin Feifel). Bild: Polyfilm

Ach, was erinnert man sich noch gerne an seinen Komödienüberraschungserfolg „Alles auf Zucker“, an diese charmante berlinerisch-jiddische Mischpoke, die sich durch die Irrungen und Wirrungen ihrer Verwandtschaftsverhältnisse kämpfte. Leben, sagte einem Dani Levy damals, ist nur mit einem Augenzwinkern zu bewältigen. Für seinen neuen Film „Die Welt der Wunderlichs“, ab Freitag in den heimischen Kinos, muss man allerdings beide Augen zudrücken.

Mag sein, es ist eine Kulturkreissache, dass einen als Österreicher diese Form von Brachialwitz anspringt wie ein wütender Waschbär, jedenfalls ist die Reaktion Abwehr und Rückzug. Da liegt der feine, hintersinnige Humor, den dieser Stoff vertragen hätte, längst erschlagen auf dem Boden, hingeschlachtet in der ersten Szene, in der ein Kind in einer Kloschüssel herumwühlt, und von dieser Fäkalfröhlichkeit geht’s weiter zum Speibscherz.

Mimi Wunderlich (Katharina Schüttler), alleinerziehend, hat soeben ihren Job verloren und auf dem Parkplatz einen Kunden angefahren. Nur, weil sie schon wieder Hals über Kopf zur Schule musste, wo der hyperaktive Sohn (EWi Rodriguez) eine Lehrerin in den Schrank gesperrt hat. Doch damit nicht genug: Mimis manisch-depressiver Vater (Peter Simonischek) ist aus der Nervenheilanstalt getürmt, ihre Mutter (Hannelore Elsner), eine abgehalfterte Schlagerdiva, pflegt ihre hypochondrische Egozentrik, ihre Schwester (Christiane Paul) ist mit ihrer Borderline-Störung beschäftigt und ihr Ex-Mann (Martin Feifel) lebt sein Versager-Rockstar-Leben im Volldrogenrausch aus.

Da kommt die Einladung zu einer Musik-Castingshow und Mimi sieht die Chance, ihren ganz eigenen Traum zu verwirklichen. Allein! Nur für sich! Klar, dass die Familie das nicht zulassen kann – Mimi muss doch unterstützt werden. Und so beginnt eine abenteuerliche Reise von Mannheim nach Zürich … Nur, dass die – Ansage Levy – „Screwball-Komödie on the road“ mit einer Chaosfamilie à la „Little Miss Sunshine“ nicht einmal in ihrer Dysfunktionalität funktioniert.

Doch während die Familie backstage die Daumen drückt: Liliane (Hannelore Elsner), Manuela (Christiane Paul) und Nico (Steffen Groth) ... Bild: Polyfilm

Doch während die Familie backstage die Daumen drückt: Liliane (Hannelore Elsner), Manuela (Christiane Paul) und Nico (Steffen Groth) … Bild: Polyfilm

... hauen Felix (Ewi Rodriguez) und sein Großvater Walter (Peter Simonischek) heimlich ab. Bild: Polyfilm

… hauen Felix (Ewi Rodriguez) und sein Großvater Walter (Peter Simonischek) heimlich ab. Bild: Polyfilm

Wird nämlich einerseits der Film von den absonderlichen Eigenarten der Figuren förmlich niedergewalzt, legt Levy andererseits nicht den Satirefinger auf die Nebenhandlung der Castingshow. Das ganze Genre mit seinen menschenverachtenden Verrückten denen gegenzustellen, die von der Gesellschaft als solche deklariert werden – und sich dabei doch nur mühen, eine „normale“ liebevolle Familie zu sein, das wär’s doch gewesen. Man glaubt dem Film eine Unentschlossenheit Levys anzumerken, seine im Prinzip gute Story wabert durch den leeren Raum.

Sie ist einerseits nicht amüsant genug, fährt einem andererseits zu wenig mit dem Stellwagen der Realität an den Kopf; sie ist nicht Fisch und nicht Fleisch und auch nicht Surf ’n’ Turf. Niemals legt Levy eine Pause ein, um sich in Ruhe mit Charakterzeichnung zu beschäftigen, der ganze Film ist hyperaktiv und außer Kontrolle wie der kleine Felix, und wenn man glaubt, mehr geht nicht mehr, kommt ein schwyzerdütsch sprechender Polizistentölpel daher.

Es ist den famosen Darstellern zu danken, dass die Figuren nicht als Schablonen enden. Katharina Schüttler punktet als so verantwortungsvolle wie überfordert-schusselige Protagonistin. Peter Simonischek gibt dem spielsüchtigen Vater eine emotionale Tiefe und Glaubwürdigkeit, die ihm wohl keiner ins Drehbuch geschrieben hat, wie er im einen Moment in Tränen zusammenbricht, um im nächsten bestensgelaunt ein Wohnmobil zu klauen, um einen Ausflug zu machen.

Hannelore Elsner hat sichtlich Spaß an ihrer Rolle des dauerdeprimierten Ex-Stars, und wie der zurück ins Rampenlicht drängt, hat Elsner das Glück, dass ihr Part nach überbordender Exzentrik geradezu schreit. Martin Feifel gibt als Mimis Ex-Mann Johnny einen Keith-Richards-Klon. Doch genauso wie Johnny beim Singen auf der Bühne, geht’s Dani Levy mit seinem Film auf der Leinwand. Er bewegt sich durch „Die Welt der Wunderlichs“ keineswegs trittsicher und nur selten trifft er die richtigen Töne.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=CJuCT-fqMsI

www.dieweltderwunderlichs.x-verleih.de

Wien, 13. 10. 2016