MAK: Shunga. Erotische Kunst aus Japan

Oktober 10, 2016 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Schau über die Schönheit von Sexualität

Utagawa Kunimaro (ca. 1830–1870): Beim Teetrinken, um 1860/70. Illustration aus einem dreibändigen Buch. Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Utagawa Kunimaro (ca. 1830–1870): Beim Teetrinken, um 1860/70. Illustration aus einem dreibändigen Buch.  © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Mit ihrem scheinbar unbekümmerten Umgang mit Nacktheit und Sexualität vermitteln ostasiatische Shunga, Frühlingsbilder, eine freiere Sexualmoral, als sie zeitgleich in Europa anerzogen wurde. Die MAK-Ausstellung „Shunga. Erotische Kunst aus Japan“ zeigt ab 12. Oktober die künstlerische Qualität der explizit erotischen Farbholzschnitte, die trotz langen Verbots durch die japanische Regierung zum Massenphänomen avancierten.

Ukiyo-e, die Bilder der fließenden Welt, denen die Shunga zuzuordnen sind, illustrieren urbane Vergnügungen sowie bürgerliche Alltagsphänomene rund um die Theater- und Vergnügungsviertel von Edo, dem heutigen Tokio. Die expliziten Darstellungen versperrte den erotischen Drucken lange Zeit den Eingang in europäische Sammlungen. Im MAK geben nun Einzelblätter, Alben und Bücher von namhaften Meistern wie Suzuki Harunobu, Katsushika Hokusai oder Kitagawa Utamaro einen repräsentativen Einblick in diese oft tabuisierte Facette der japanischen Kunstgeschichte. Zeitgenössische Aktfotografien von Nobuyoshi Araki spannen den Bogen bis in die Gegenwart.

Der formale Umgang mit nackten Körpern und die zum Teil vielschichtigen Anordnungen von Kimonofaltungen heben Shunga deutlich von naturalistischen Darstellungen des Liebesspiels ab. Charakteristisch sind die anatomische Detailgenauigkeit, manchmal extreme Körperstellungen und übergroß dargestellte Genitalien. Oft zeigen Shunga auch humorvolle Szenen, wie beispielsweise ein kleines Mädchen, das durchs Schlüsselloch ein Liebespaar beobachtet und ruft: „Ich sag’s der Mama“.

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770, zugeschrieben), Belauschtes Liebespaar, um 1770. Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770, zugeschrieben): Belauschtes Liebespaar, um 1770.  © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770), Kyōdai no shūgetsu (Herbstmond auf dem Spiegelständer), 1766. Aus der Serie Furyu Zashiki Hakkei (Acht Ansichten von Interieurs). Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770): Herbstmond auf dem Spiegelständer, 1766. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Den Auftakt der chronologisch gegliederten Ausstellung bilden frühe Shunga-Serien aus dem 17. Jahrhundert. Suzuki Harunobu (ca. 1725 – 1770), einer der wichtigsten Entwerfer von Shunga, entwickelte die anfangs in schwarz-weiß umgesetzten Holzschnitte zu Vielfarbendrucken weiter und sprach mit seinen Parabeln zwischen chinesischer Dichtkunst und japanischer Erotik vor allem die reiche und gebildete Bürgerschicht Edos an. Kitagawa Utamaro (1753 – 1806) wandelte die ursprünglich verträumten erotischen Szenen Harunobus zu eindeutigeren Darstellungen.

Er verleiht dem Genre mehr Selbstverständlichkeit und zeigt auch halberotische häusliche Szenen wie die Schönheit, Bijin, bei der Körperpflege. Die heute auf dem Kunstmarkt kaum noch erhältlichen Alben Utamaros zählen zu den begehrtesten Werken der japanischen Kunst. Seine Serie „Negai no itoguchi“, Erwachen der Begierde  aus dem Jahr 1799, ist im MAK vollständig zu sehen. Erotische Phantasien und die Welt der Mythologie und der Geister verknüpft der nicht nur durch seine Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“ weltberühmte Katsushika Hokusai (1760 – 1849).

Kitagawa Utamaro (1753–1806), Sommerabend, 1799. Aus dem Album Negai no itoguchi (Erwachen der Begierde). Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Kitagawa Utamaro (1753–1806), Sommerabend, 1799. Aus dem Album Negai no itoguchi (Erwachen der Begierde). © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Durch die neuen technischen Möglichkeiten der Fotografie verlor der Farbholzschnitt als Massenmedium ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts an Bedeutung. Die Schau schließt ergo mit ausgewählten Fotografien des japanischen Künstlers Nobuyoshi Araki (geboren 1940), der in mehreren Aktfotografie-Serien auf Shunga aus der Edo-Periode Bezug nimmt. Der Großteil der in der Ausstellung gezeigten Werke stammt aus der Ukiyo-e Sammlung Rudolf Leopolds.

www.mak.at

Wien, 10. 10. 2016