TAG: Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring

Oktober 9, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Verkleinerungsform von Lessings Ideendrama

Der eine Ring vervielfältigt sich: Emese Fay, Georg Schubert und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Der Eine Ring vervielfältigt sich: Emese Fay, Georg Schubert und Elisabeth Veit im Three-Stooges-Modus. Bild: © Anna Stöcher

Es ist schließlich also Sultan Saladin, der die Ringparabel erzählt. Sie ist dem Nathan nicht neu, wie übrigens kaum etwas, das an diesem Abend passiert. Recha wird, durch die drei abrahamitischen Religionen gereicht, erst Atheistin, dann Terroristin. Am Ende, statt stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen, fackelt sie den Palast ab.

Solcherart ist der Religionsringelreihen, den Autor Thomas Richter als seine Arbeit an Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“ vorlegt. „Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring“ heißt sie, uraufgeführt im TAG, und tatsächlich bleibt die große Frage nach dem Mehrwert dieser Neuschreibung unbeantwortet. Richter bleibt so nahe am Original, er präsentiert um nichts mehr als eine Verkleinerungsform des Lessing’schen Ideendramas, ein 90-minütiges Trivialdramolette, für das er das Schauspiel Richtung Schwank dreht. Eine Linie, eine Ziellinie, lässt sich weder am Text noch an der Regie von Dora Schneider ausmachen.

Das ist als vertane Chance durchaus bejammernswert. Denn da wäre mit Courage um einiges mehr drin gewesen. Das Thema, von Lessing vorgegeben, die Verwandten im Glauben, die sich gegenseitig die Köpfe ein- und abschlagen, ist aktuell das weltpolitisch brisanteste, warum wer welchen Krieg führt und mit welchen Propagandamitteln er ihn als heilig anpreist. Es macht zu fassungslos, ist zu erklärungsnotständig, als dass es anno 2016 und mit beinah 240 Jahren mehr Geschichte im Nacken, diese ein ewiges Ringen um Verständigung und Frieden, nicht gegolten hätte „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ neu zu erfragen.

Gut durchgekaute Brocken wie Werte und Wahrheit müssen den Speichelleckermündern entrissen, die Segnungen des Vernunftglauben Aufklärung, dieser abendländischen Abgrenzungsvokabel, end/gültig definiert und das Trugschlusswort Toleranz seines wohlklingenden Glanzes entkleidet werden. Liegen dann die Begrifflichkeiten nackt und bloß, kann Lessings „Nathan“ gern ein Lustspiel mit Amme sein. So aber bleiben Handschuhpantomime, ein wenig Ausdruckstanz und Slapstick ziemlich allein übrig.

Wie ein Synonym für die Inszenierung steht das Bühnenbild von Alexandra Burgstaller, eine spannende Metallstangenkonstruktion, als wär sie erdacht entlang des Bibelspruchs „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“, die Räume arrangieren, freigeben und versperren könnte, aber als dreidimensionale Spielfläche zu wenig genutzt wird.

Recha in Diskussion mit Saladin: Elisabeth Veit und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

„Terroristin“ Recha wird am Ende Saladins Palast abfackeln: Elisabeth Veit und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

Der Tempelherr verachtet den Juden Nathan: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Der Tempelherr verachtet den Juden Nathan: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Das TAG-Ensemble, Jens Claßen, Emese Fay, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit, agiert selbstverständlich auf dem üblichen hohen Niveau. Claßen stellt einen zärtlich-weisen und dennoch im Wiedererweckungswunsch seines Bruders Assad verblendeten Saladin dar. Nicholas‘ Tempelherr ist ein stolzer christlicher Gotteskrieger und als solcher so unverständig präpotent, wie’s der ferne Westen im Nahen Osten seit jeher ist. Eine vorzügliche Daja ist Emese Fay. Wie sie, als ihr ihr Antisemitismus nicht mehr opportun erscheint, den christlich-jüdischen Schulterschluss gegen den Islam versucht, denn Konfessionsfeindbild muss sein, und dies als ebenso beklemmendes wie witziges Kabinettstück gestaltet, das ist die Verve, die man der ganzen Aufführung gewünscht hätte.

Die Schlüsselerzählung, die Ringparabel, wird bei Richter/Schneider zum running gag, eingeschobene Szenen, ausgeführt von allen Darstellern, die abwechselnd als die drei Söhne des Alten agieren. Ihre Namen, Ham, Ram, Bam, lassen allerdings Assoziationen zu, die sie nicht erfüllen. Vielmehr wird sich verbal und körperlich brutal abgewatscht wie bei The Three Stooges, die lächerlichen Moe-Perücken passen auch zu diesem Eindruck, und das umfangreiche Geräuscharsenal, das auf das Publikum abgefeuert wird.

Die Ringe vermehren sich, am Ende ist’s ein ganzer Kübel voll. Was wohl weltläufig bedeuten soll, dass vom Freimaurer- über den Scientology- bis zu Saurons Ring jedes Bekenntnis keine Berechtigung hat. Lessings Schluss „Alle positiven und geoffenbarten Religionen sind folglich gleich wahr und gleich falsch“ und damit die Universalität seines – von Richter nunmehr in Schutt und Asche gelegten – Versöhnungsgedankens können sich aus dem Inhalt eines Holzeimers freilich nicht erklären. Und so geht’s den Zuschauern punkto Verwirrung und Zuversicht wie den Brüdern. Man applaudiert. Aber nirgendwo findet sich ein Testament.

Trailer: vimeo.com/185632587

dastag.at

Wie, 9. 10. 2016