Nebel im August: Sebastian Koch im Gespräch

Oktober 4, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Star in einem Film über die NS-Kindereuthanasie

Sebastian Koch als Dr. Werner Veithausen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sebastian Koch spielt den aus vier real existiert habenden Medizinern geschaffenen NS-Euthanasiearzt Dr. Werner Veithausen. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Nebel im August“, ab 7. Oktober in den heimischen Kinos, das ist ein Film nach einer wahren Begebenheit, in Süddeutschland, Anfang der 1940er-Jahre. Der 13-jährige Ernst Lossa, ein „Jenischer“, der Vater deshalb im KZ, ist ein ungemein kluger, ergo unangepasster Bub. Die Kinder- und Erziehungsheime, in denen er aufwächst, haben ihn als „nicht erziehbar“ eingestuft und schieben ihn schließlich wegen seiner rebellischen Art in ein Institut für Behinderte ab.

Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass unter der Klinikleitung von Dr. Veithausen Insassen getötet werden. Er setzt sich zur Wehr und versucht, den Patienten und Mitgefangenen, Großteils Kinder und Jugendliche, zu helfen. Womit er sich selbst in Lebensgefahr bringt. Michael von Cranach, Experte zur Psychiatrie im Dritten Reich und den Verbrechen, die in ihren Einrichtungen begangen wurden, befasste sich in seiner Zeit  als ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren mit der Vorgeschichte dieser Klinik im Nationalsozialismus – und stieß dabei auf die Akte Ernst Lossa. In der Regie von Kai Wessel spielt ihn nun der 12-jährige Berliner Schauspieler Ivo Pietzcker. Außerdem spielen Fritzi Haberlandt, Branko Samarovski, Karl Markovics, David Bennent und Thomas Schubert. Sebastian Koch schlüpft in die Rolle des Dr. Veithausen. Ein Gespräch:

MM: Darf ich mit einer persönlichen Frage beginnen? Wie war’s am Set mit diesen vielen fröhlichen Kindern, in dem Wissen, dass etliche von ihnen das Dritte Reich nicht überlebt hätten?

Sebastian Koch: Schön, dass wir damit anfangen, denn mit den Kindern, und vor allem mit den behinderten Kindern zu arbeiten, war für mich das Schönste und Tollste an dem Projekt. Die Dreharbeiten gingen über zwei Monate, da entwickelt sich schon fast so etwas wie eine Familie. Man denkt ja von sich selbst immer, dass man so souverän und ungezwungen sei, und zum Teil mag das auch stimmen, aber hier war’s doch auch etwas anderes. Man tritt auf eine ganz andere Art und Weise in Kontakt, als man das sonst tut. Da kamen für mich ganz neue Fragen auf: Beispielsweise, wenn ich ein Kind tragen musste, und darüber nachdachte, wie ich es anfasse, ohne ihm weh zu tun. Daran sieht man, wie wenig wir doch über Behinderungen wissen und wie sehr unsere Gesellschaft diesem Thema nach wie vor aus dem Weg geht. Man scheut sich davor, Fehler zu machen, gerade weil man so wenig Information hat. Mir hat es sehr gut getan, das einmal so nah miterleben zu dürfen, welch bezaubernde Menschen Kinder mit Down-Syndrom sind, gerade weil sie so ungefiltert reagieren und pure Emotion leben. Sie haben eine sehr klare Wahrnehmung – und das macht unglaubliche Freude.

MM: Die Erfahrung zeigt ja, dass die Kinder mit uns viel unverkrampfter sind, als wir mit ihnen.

Koch: Absolut. Die haben überhaupt kein Problem. Eher haben wir das Problem, weil wir so wenig wissen. Durch Unsicherheit, durch Unwissenheit und Ängste ziehen wir uns fast reflexartig vor behinderten Menschen zurück.

MM: Sie spielen im Film Dr. Veithausen, ein Konglomerat aus real existiert habenden NS-Euthanasieärzten. Was ist der? Überzeugungstäter, Karrierist, glaubt er sich als gottgleichen Erlöser oder ist er Eugeniker?

Koch: Er kommt sicher aus der Eugenik. Das war ja Ende des 19. Jahrhunderts ein gesellschaftlich absolut relevantes Thema, basierend auf dem Sozialdarwinismus, der die Erbgesundheitslehre der damaligen Zeit bestimmt hat. Die Menschen waren davon überzeugt, sie machen in diesem wissenschaftlichen Bereich etwas Gutes, indem sie positives Erbgut fördern und damit den besseren Menschen erfinden. Das hat mit den Nazis per se erstmal gar nichts zu tun gehabt.

MM: In Österreich gab’s Sozialdemokraten, die der Eugenik anhingen. Allerdings wollten die durch Aufklärung über Verhütung oder Hygiene riskante Schwangerschaften verhindern, nicht geborenes Leben vernichten.

Koch: Die Nazis haben diese Geistesströmung zu ihrem Zweck missbraucht, haben 1933 mit den „Gesetzen zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ begonnen, um Schwangerschaftsabbruch zu legitimieren und Zwangssterilisation einzuführen. Alles gesetzlich legalisierte Vorgänge, die die Nazis letztlich dazu benutzt haben, eine „reine Rasse“ entwickeln zu können. Damit wurde eine Mordwaffe geschaffen, die bis zum Exzess angewandt wurde. Aber was mir eher wichtig war, worum ich Produzent Ulrich Limmer und Regisseur Kai Wessel gebeten habe, war, dass wir den Film optisch nicht zu sehr im Nazi-Milieu ansiedeln, also dass es keine Hakenkreuzfahnen und anderen  NS-Symbole gibt. Aus heutiger Sicht sehen wir zwar die Monster, aber damals waren sie nicht als Monster erkennbar. Veithausens Vorbild wird von Zeitgenossen und von seinen Mitarbeitern im Institut als netter, zugänglicher Mensch beschrieben. Zwar hat „Tiergarten vier“, das Berliner Büro die Tötungen vorgeschrieben, aber Menschen wie Veithausen haben dann die Entscheidung getroffen, wer leben darf und wer sterben muss. Für ihn war das ein medizinischer und gesellschaftlicher Durchbruch, weil er davon überzeugt war, er habe als Mediziner den richtigen Blick auf seine Patienten.

MM: Die Darstellung der Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Tatsachenroman von Robert Domes und der Forschung von Michael von Cranach. Er war ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren und fand die unaufgearbeiteten Euthanasie-Akten. Die Täter kamen mit Bagatellestrafen davon. Was wurde aus dem damaligen Anstaltsleiter?

Koch: Er hat drei Jahre bekommen, wurde aber wegen Haftunfähigkeit frühzeitig entlassen und ist später in Ehren gestorben. Ich glaube, dass er sogar wieder praktiziert hat. Die Krankenschwester, die bei uns Edith heißt und die den Kindern den tödlichen Himbeersaft verabreicht, hat nach relativ kurzer Zeit auch wieder gearbeitet. Die Entnazifizierung in Deutschland ist ja insgesamt relativ nachlässig verlaufen. Ich glaube, der Anstaltsleiter hatte in seiner Verwandtschaft auch ein behindertes Kind, was im Drehbuch weggelassen wurde. Obwohl ich mir gewünscht hätte, dass wir es erzählen, weil es der Geschichte noch eine Nuance mehr gegeben hätte.

MM: In Kaufbeuren wurde auch die E-Kost erfunden?

Koch: Die Entzugs-Kost ist eine entsetzliche Perversion, Patienten beim Essen verhungern zu lassen, indem die Nahrung, die sie zu sich nehmen, keine Nährstoffe mehr enthält. Menschen, die sich so etwas ausdenken sind „ver-rückt“, in dem Sinne, dass sich ihre Wahrnehmung verrückt hat. Solch ein Mensch sieht dann die Dinge, die er tut, als in sich logisch und berechtigt an und benimmt sich dadurch auch nicht auffällig, weil er erst gar kein schlechtes Gewissen hat. Diese verrückte Wahrnehmung und die gleichzeitige Logik, die in dieser Wahrnehmung liegt, so genau und intensiv und in sich stimmig wie möglich darzustellen, das war und ist meine Aufgabe als Schauspieler. Aus seiner Sicht hat also Veithausen mit der E-Kost etwas unglaublich Tolles erfunden. Er liebt seine Patienten, er ist sogar ein guter Anstaltsleiter, er spielt mit den Kindern, dreht sie im Kreis, aber gleichzeitig sieht er einen vermeintlich Unheilbaren, der ein Bett belegt anstelle eines anderen, der vielleicht noch eine Chance hat. Also „erlöst“ er ihn von seinen Leiden. Ich stelle Veithausen nicht aggressiv und bösartig dar, sondern als ein Mensch, der an sich glaubt und meint, das „humane“ Sterben für etwas Gutes zu ermöglichen. Für ihn ist langsam verhungern humaner als die spastischen Krämpfe, die durch Barbiturate ausgelöst werden.

MM: Wie war es mit Ivo Pietzcker, der den Ernst Lossa spielt, zu arbeiten?

Koch: Ivo ist in dem Sinne gar kein Kind mehr, er hat eine geradezu erwachsene Wahrnehmung. Man kann Dinge miteinander entwickeln, gemeinsam erfinden, das hat mich sehr erstaunt. Es war schön, mit ihm zu spielen. Wohingegen die Kinder mit Down-Syndrom einfach richtig loslegen. In der Szene, in der ich dem kleinen Toni ein Spielzeug schenke, rief von hinten immer ein anderer: Meiner! Meiner! Darauf zu reagieren, macht riesigen Spaß, weil alles immer so spontan daherkommt und man vor laufender Kamera schnell reagieren muss. Mit Ivo wiederum gibt es den Schlüsselmoment am Grab von Schwester Sophia, wo Ernst Lossa dem Veithausen „Mörder!“ ins Gesicht schreit. Und da entgleisen dessen Gesichtszüge, sie erkalten, werden hart und unsympathisch. Das ist die Szene, in der Veithausen tatsächlich zum Mörder wird, vorher war er der „Erlöser“.

Veithausen gaukelt den Kindern Väterlichkeit vor: Koch mit Frizi Haberlandt als Schwester Sophia. Bild: © Filmladen Filmverleih

Veithausen gaukelt den Kindern Väterlichkeit vor: Koch mit Fritzi Haberlandt als Schwester Sophia. Bild: © Filmladen Filmverleih

Doch der Knabe Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) durchschaut sein Spiel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Doch der Knabe Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) durchschaut seine Vorgehensweise. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Denn, um es hier kurz zu sagen, das Ende für Ernst ist kein gutes.

Koch: Rettung aus diesem Mordapparat wäre auch nicht möglich gewesen. Ernst versucht zwar zu flüchten, aber auch das misslingt. Aber darum geht es auch nicht. Es geht in diesem Film darum, wie Ernst Losssa mit Kinderaugen das System entlarvt, in das er eigentlich zunächst eingearbeitet werden soll. Er wird für Veithausen zu einem revolutionären Widerpart, zum Sand im Getriebe. Und am Ende steht er als Prinzip Hoffnung wieder auf. Wenn man’s denn so sehen will.

MM: In Österreich ist die NS-Euthanasie durch Friedrich Zawrel und die Spiegelgrund-Debatten als Thema in der Öffentlichkeit präsent. Wie ist das in Deutschland? Wird Ihr Film Aufklärungsarbeit leisten?

Koch: In Deutschland ist es kein großes Thema. Die Dopplung Nationalsozialismus und Behinderung, also vermeintlich „unwertes Leben“, da will man überhaupt nicht ran. Ich hoffe, dass der Film das ändert. Man muss sich damit beschäftigen, denn diese Taten hängen in unserer Gesellschaft bis heute nach.

MM: Hängen über ihr als Glocke, die unseren Umgang mit Themen von Pränataldiagnostik bis Sterbehilfe beeinflusst.

Koch: Dazu wollte ich dringend noch kommen, denn das ist der eigentliche Grund, warum ich den Film gemacht habe: Um die Brücke zum Heute zu schlagen. Um zu zeigen, was daran für uns immer noch relevant ist. Wenn man rein an die wissenschaftliche Lehre der Eugenik glaubt, und dazu die moderne Pränataldiagnostik nimmt, ist das vom Grundgedanken her erschreckend nah beieinander. Die Pränataldiagnostik hat große Vorteile, birgt aber auch die große Gefahr, dass sie perfide und gegen jegliche Ethik einsetzbar ist. Da muss, glaube ich, per Gesetz darauf zu achten sein, dass es sich nicht plötzlich in eine Richtung bewegt, eine, die den perfekten Menschen schaffen will. Die medizinische Forschung ist schon auf dem Weg dazu. Das bringt meiner Meinung nach die gesellschaftliche Balance ins Ungleichgewicht; die Natur aber sieht vor, dass wir alle unterschiedlich sind.

MM: Und am anderen Ende der Fahnenstange? Würden Sie sich wünschen einmal vor Schmerzen, Siechtum … erlöst zu werden?

Koch: Wenn Sie auf die Sterbehilfe hinaus wollen, da haben wir in Deutschland und Österreich durch die Nazi-Zeit natürlich zu Recht Manschetten. Ein weiterer Grund, warum dieser Film so wichtig ist, ist die Frage, wann Leben lebenswert ist und wann es das vielleicht nicht mehr ist. Das darf keine Institution entscheiden, keine dritte Kraft. Das muss immer jeder für sich selber entscheiden dürfen. Ich selbst bin auch ein erklärter Gegner der Todesstrafe. Menschen dürfen nicht über anderer Menschen Leben und Tod urteilen, wer leben darf und sterben muss. Das ist für mich mit meiner ethischen Grundhaltung überhaupt nicht vereinbar. Wichtig finde ich, dass der betroffene Mensch selbst, genauso wie betroffene Eltern von Kindern mit Down-Syndrom, ein Recht haben über ihr Leben zu entscheiden.

MM: Haben Sie mit Eltern gesprochen?

Koch: Ich habe die Eltern unserer kleinen Schauspieler gefragt, wie das war, als sie in der Pränatalphase die Diagnose bekamen: Durch die Bank sagten sie, die Ärzte hätten ihnen dringend davon abgeraten, ihr Kind zur Welt zu bringen. Ganz im Sinne von: Tun Sie sich das nicht an. Was natürlich in einem Entscheidungsfindungsprozess fatal ist, da Ärzte immer noch eine Instanz sind, der man vertraut und auf die man hört, und viele sich ablenken lassen von der Freiheit der eigenen Entscheidung. Man muss sich aber seine Gedanken selber machen und ein Gefühl für die Situation entwickeln dürfen. Die Entscheidung muss in der Familie bleiben, die kann nicht an ein Krankenhaus oder eine Instanz gehen. Wenn man mit diesen Kindern so viel Kontakt hat, wie ich jetzt mit diesen Kindern hatte … meine Einstellung zu all diesen Fragen hat sich während unseres Drehs sehr verändert.

MM: Um noch ein anderes Thema anzuschneiden: Sie kommen Ende Oktober mit einem weiteren Film in die Kinos, „Im Namen meiner Tochter – Der Fall Kalinka“. Erzählen Sie etwas zur Figur Dr. Krombach?

Koch: Ja, lassen Sie uns das kurz halten. Es geht um einen realen Kriminalfall, Krombach soll ein Mädchen, seine Stieftochter, ermordet haben und es gibt viele Ungereimtheiten in dem Fall. Jedenfalls wurde er verurteilt, ist jetzt 81 Jahre alt und sitzt in einem französischen Gefängnis. Auch er ist ein Ver-rückter mit ver-rückter Realitätswahrnehmung. Mir macht es Spaß als Schauspieler, in so eine Parallelwelt einzusteigen, und ich versuche, die verquere Logik dieser Figuren zu finden. Krombach war als Monster auch nicht erkennbar. Da frage ich mich, wie man solch eine Tat begeht, ohne auch nur ein schlechtes Gewissen oder einen Unrechtssinn zu haben. Das sind vielleicht die Parallelen zu Veithausen, mehr ist da nicht.

MM: Sie drehen viel, allein für 2016 sind’s schon drei Filme, …

Koch: … wobei ich in Projekten wie „Bridge of Spies“ oder „The Danish Girl“ nur kleine Rollen hatte. Da macht man mit, weil man gerne mit dem Regisseur arbeiten möchte oder einen das Thema interessiert.

MM: … was ist denn Ihr Motor?

Koch: Solche Gespräche hier zu führen. In denen man vertiefen kann, was auf der Leinwand zu sehen ist. Da durchbricht ein Kind die Gesetze eines Systems; auch wir leben in Systemen, die über weite Strecken fragwürdig sind, da sollte man mal ansetzen nachzudenken und Gegenbewegungen zu starten. Wenn uns das gelingt, wenn eine Diskussion losgeht, dann haben wir viel erreicht.

www.nebelimaugust.de

www.sebastiankoch.com

Wien, 4. 10. 2016