Theatermuseum: Seine Freiheit, unsere Freiheit. Václav Havel und das Burgtheater

September 21, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Wiener Blick auf einen großen Menschenrechtler

Václav Havel. Bild: Václav Havel Library / Oldrich Skacha

Václav Havel. Bild: Václav Havel Library / Oldrich Skacha

Vom regimekritischen Bühnenautor, Menschenrechtler und Dissidenten, mit Aufführungsverboten belegt und zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, bis zum Staatspräsidenten führt die Biographie Václav Havels. Am 5. Oktober würde er seinen 80. Geburtstag feiern. Die Aufführungsgeschichte seiner Werke ist eng mit Wien und dem Burgtheater verflochten. Das Theatermuseum zeigt ab 22. September eine Ausstellung, die Inszenierungen der Stücke Havels während der Jahre seiner Inhaftierung dokumentiert und ihre historischen Zusammenhänge verdeutlicht.

„Ich habe sozusagen Glück im Unglück, das nicht jedem zuteil wird, und mir, zumindest ein wenig davon zurückgibt, dessen man mich beraubt hat“, schreibt Václav Havel 1986. Glück und Dankbarkeit empfand er, dass seine Bühnenwerke während seiner Jahre im Gefängnis in der kommunistischen Tschechoslowakei im Wiener Akademietheater vielbeachtet aufgeführt wurden. In seinen Arbeiten thematisierte Václav Havel die Verantwortung der zivilen Gesellschaft und forderte ihre Teilnahme an demokratischen Prozessen ein, was wiederum nicht Ziel der politisch Mächtigen war.

Unter der Regierung Gustáv Husaks wurde er schrittweise zum Schweigen gebracht und insgesamt 17 Jahre lang mit Publikations- und Aufführungsverboten aus dem offiziellen kulturellen Leben verdrängt. Havels Verfolgung durch den Staatssicherheitsdienst gipfelte in einer vierjährigen Inhaftierung in den Jahren 1979 bis 1983. Der Westen blieb angesichts Havels Freiheitsentzugs nicht gleichgültig. Vorrangig der damalige Burgtheaterdirektor und Regisseur Achim Benning und sein hochkarätiges Ensemble setzten die von Václav Havel erträumte „unpolitische“ Politik in die Tat um, unterstützt von der österreichischen Regierung unter Kanzler Bruno Kreisky. Auch wenn die Bemühungen des Westens um Václav Havels Freilassung erfolglos blieben, bot Benning in Havels schwierigsten Lebensjahren seinen Theaterstücken die sehnlichst vermisste heimatliche Bühne, oder wie der Dramatiker sie auch nannte, sein Muttertheater, „mateřské divadlo“. Zahlreiche seiner Werke wurden hier auf- und uraufgeführt, immer in enger Verbindung mit dem Autor, immer mitbestimmt von den teils dramatischen politischen Wechselwirkungen, Absichten und Möglichkeiten in Prag und Wien.

Václav Havel: Audienz. Sonja Sutter und Joachim Bißmeier. Bild: Josef Palffy, Wien. © Theatermuseum

Václav Havel: Audienz. Sonja Sutter und Joachim Bißmeier. Bild: Josef Palffy, Wien. © Theatermuseum

Václav Havel: Protest. Sebastian Fischer und Joachim Bißmeier Bild: Elisabeth Hausmann. © Burgtheater, Wien

Václav Havel: Protest. Sebastian Fischer und Joachim Bißmeier. Bild: Elisabeth Hausmann. © Burgtheater, Wien

„Wie es anders bei mir wohl nicht sein kann, so sind auch diese freudigen Umstände nicht frei von Paradoxien: eine davon ist, dass ich in meinem ganzen Leben nie im Wiener Burgtheater war und ich seinen Direktor, Herrn Benning, erst vor kurzem bei seinem Besuch in Prag kennenlernte“, schrieb Václav Havel 1986 in „Fern vom Theater“. Dass Václav Havel sich auch am Rande der Gesellschaft stehend stets treu blieb, brachte ihm unter seinen Mitbürgern und im Ausland großen Respekt ein. Die ihm entgegengebrachte Solidarität mag ihm auch das Leben gerettet haben. Nach seiner Freilassung begannen langsam Veränderungen im kommunistischen Regime Platz zu greifen. Für Václav Havel selbst überraschend wurde er Ende 1989 zum letzten gewählten Staatspräsidenten der Tschechoslowakei und 1993 zum ersten der Tschechischen Republik.

Václav Havel: Plakat zu Audienz Vernissage Polizei. Grafik: Erwin Bracher. Bild: Alexander Rosoli. © Theatermuseum

Václav Havel: Plakat zu Audienz Vernissage Polizei. Grafik: Erwin Bracher. Bild: Alexander Rosoli. © Theatermuseum

Anna Freimanová, Václav Havels langjährige Weggefährtin und Beraterin in kulturellen Angelegenheiten während seiner Präsidentschaft, kuratierte die gemeinsam mit der Václav-Havel-Bibliothek Prag konzipierte Ausstellung, die sich auf zwei Erzählstränge konzentriert: die „Wiener Linie“ lädt in den Zuschauerraum des Akademietheaters. Hier wird an die Inszenierungen, die Atmosphäre um und die Aufnahme von Havels Bühnenwerken bei Publikum und Kritik erinnert. Der zweite Teil widmet sich den harten Lebensumständen, aber auch Freuden des Schriftstellers in Zeiten seiner eingeschränkten Freiheit.

Das Burgtheater war unumstritten Ausgangspunkt für die internationale Verbreitung von Havels Theaterstücken, die durchaus kontroversiell aufgenommen wurden. Václav Havel sah darin das Phänomen Theater in seiner besten Ausformung. So schreibt er in einem Brief an seine Frau Olga: „Die Besonderheit einer gemeinsamen Erfahrung (wobei sie eben nicht von jedermann geteilt werden kann) führt nicht nur zu jemandes Verständnis für eine Sache, sondern durchaus auch zu einem Verständnis gegen etwas oder jemanden. Diese Tatsache unterstützt unweigerlich die Entwicklung einer Zusammengehörigkeit und macht die Aufnahme eines Theaterstückes in das soziale Bewusstsein immer ein wenig kontroversiell – aber genau das ist es auch, was sie so fruchtbar macht. Man könnte also sagen, dass der Ursprung dieser Zusammengehörigkeit nicht in einer allgemeinen Identifikation mit der Ordnung der Dinge liegt, sondern die gemeinsame Teilnahme an der Ordnung des Geistes ist.“

www.theatermuseum.at

Wien, 21. 9. 2016