Ha Jin: Verraten

September 21, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Spion, der zwei Länder liebte

9783716027257Historikerin Lilian Shang, US-Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, findet nach dem Tod ihrer Mutter Nellie die Tagebücher ihres Vaters Gary Shang. Was sie enthüllen, erschüttert sie zutiefst: Gary war mehr als 30 Jahre lang einer der wichtigsten Spione Chinas in den USA und zeitgleich einer der wichtigsten Übersetzer in der Asien-Abteilung der CIA. 1980 flog der Maulwurf auf und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er nahm sich in seiner Zelle das Leben. Warum, fragt sich Lilian, bereitete China keinen Agenten-Austausch vor? Doch da ist mehr: Gary führte auch privat ein Doppelleben. Er hatte eine erste Ehefrau und Kinder in China. Lilian macht sich auf die Suche nach ihrer fremden Familie und stößt auf die Geschichte eines Mannes, der für seine Loyalität einen hohen Preis zahlen musste …

So ungefähr lässt sich der Inhalt von Ha Jins aktuellem Roman zusammenfassen. Doch Vorsicht: „Verraten“ ist kein John le Carré, sondern eine Geschichtslektion. Mit Betonung auf Lektion. Es ist, als ob der freundliche Herr Ha Jin ein politisch-historisches Sachbuch geplant hätte, sich aber dann doch für seine Kernkompetenz, die Belletristik, entschied. Der Roman ist wie eine literarische Abrechnung für ein lebenslanges Gefühl der Entwurzelung und Heimatverlorenheit. Die nicht nur sein Anti-Held und Schreibtischhengst Gary erlebt; auch der Autor, zu diesem Zeitpunkt Student in den USA, kehrte nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens nicht mehr nach China zurück

Und so spinnt er über aberdutzende Seiten die Geschichte der sinoamerikanischen Beziehungen. Von der Abspaltung Taiwans über Formosa-Resolution und Kulturrevolution, über die Interessen beiden Länder im Korea- und Vietnamkrieg, über die von Henry Kissinger eingeleitete Wiederannäherung der beiden Staaten, bis eben zu Tian’anmen – und neuerdings Chinas Weg vom maoistischen Kommunismus in eine alles verschlingende Konsumgesellschaft. Ha Jin schont und schönt dabei weder sein Geburtsland noch die neue Heimat. Er schildert das alles aus der Perspektive eines Randspielers, eines braven Kadersoldaten, dem die Kraft fehlt, sich des Einflusses der Partei zu entziehen, und diese Perspektive ist spannend. Noch spannender aber ist die Suche Lilians nach ihrer „zweiten Mutter“ Yufeng und ihren Halbgeschwistern.

Bild: pixabay

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Ha Jin erzählt auf zwei Ebenen. Während es sozusagen mit Gary im Vorwärtsgang durchs Zeitgeschehen geht, versucht Lilian in Rückblenden das Leben ihres Vaters zu rekonstruieren. In dieser Zeit bereist sie China, für eine Ausländerin immer noch kein einfaches Unterfangen, und was dabei an Einblick in Mentalitäten, in Traditionen und Regeln dieser anderen Welt gewährt wird, ist bemerkens- und lesenswert. Ha Jins Quellen sind intakt, seine Charakterisierungen von Land und Leuten wie Mosaiksteinchen, die sich zu einem Bild, einem Sittenbild Chinas zusammensetzen. Da geht es um die Schadstoffbelastung von Lebensmitteln ebenso, wie um das Schmieren des Militärs, will man sein Kind in dessen Dienst stellen, um ihm einen sicheren Arbeitsplatz zu garantieren. Eine vergewaltigte Lehrerin wird ins Unrecht gesetzt, weil der Schulleiter ein Kondom trug und ergo laut Gericht von „Vergewaltigung“ keine Rede sein kann.

Gezeigt werden die Verlierer des modernen chinesischen Wirtschaftssystems, in Szenen wie aus dem Europa des 19. Jahrhunderts, Landflucht in die Industriezentren, und an einer schönsten Stelle, wie eine verbotene Studentendemo mit dem chinesischen Sieg bei den French Open zusammenhängt: „Als Li Na dann den Grand Slam gewann, strömten sie nach draußen, zündeten Ketten von Feuerwerkskörper an, spielten auf Instrumenten und trommelten auf Töpfen und Pfannen herum. ,Greif an, Li Nan!‘, rief jemand, und alle verstanden den Ruf … und die Polizei griff nicht ein.“ Ebenso sehr wie Neid und Spitzelwesen machen bei Ha Jin auch Freundlichkeit gegenüber Fremden und Solidarität untereinander die chinesische Gemeinschaft aus.

Lilian findet ihre Halbschwester Manrong. Ihr Halbbruder ist bei der großen Hungersnot 1961 gestorben. Was sein Vater ahnte, was er aber nie wirklich wissen wollte. Denn mit Gary Shang entwirft Ha Jin eine faszinierend zwiespältige und zwiegespaltene Figur. Einen, der aus einer Gesellschaft kommt, in der das Individuum nichts und das Kollektiv alles ist. Einen, der die US-Freiheit nach und nach genießen lernt, der die amerikanische Sicht auf die Dinge annimmt, und der sich dennoch nicht der Propagandamaschine entziehen kann, die ihm einst den Willen nahm. „Er fühlte sich“, heißt es an einer Stelle, „wohin er auch ging, fehl am Platz wie ein gestrandeter Reisender.“ Gary durchschaut die Lügen und die politischen Ränkespiele, mehr und mehr bearbeitet, um nicht zu sagen: fälscht, er seine Berichte dahingehend, zwischen den USA und China wieder ein positives politisches Klima zu erzeugen. Er will Frieden – auch für seine Seele.

Vor dem US-Gericht wird er am Ende seiner Überzeugung Ausdruck verleihen, beiden Ländern diesbezüglich einen wichtigen Dienst erwiesen, die diplomatischen Beziehungen zwischen ihnen befördert zu haben, weil er eben beide Länder liebe. Dass er dafür nur hämisches Gelächter ernten kann, ist klar. Seine Tochter Lilian hält posthum noch ein flammendes Plädoyer. „Wir müssen uns fragen: Welche Berechtigung hat ein Land, sich über die Bürger zu stellen, die es erschaffen haben? Die Geschichte hat hinlänglich bewiesen, dass ein Land verrückter und bösartiger werden kann als der Durchschnittsmensch“, sagt sie. Und: „Achte darauf, welche Mächte um dich herum wirksam sind, und hinterfrage stets den eigenen Standpunkt.“

Bild: pixabay

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Sätze, mit denen Ha Jin einem Staat jede wie auch immer geartete „moralische Überlegenheit“ abspricht, auch der „Weltproblemlösernation“ USA, und die bei den US-Rezensionen gerade im Vorfeld der Präsidentschaftswahl natürlich für Aufsehen sorgten. Ein Blickwinkel in seinem Buch ist immer der amerikanische. So zeitlos wie zeitgemäß etwa die Stelle von Garys von den Chinesen gesteuerter Rekrutierung durch die CIA im Jahr 1949, und deren siegermächtige Überheblichkeit, mit der ein Einheimischer als Dolmetscher angeheuert wird, ohne dass irgend hinterfragt würde, wie „heimatverbunden“ der wohl eigentlich noch ist …

Garys perfekte Camouflage, sein geliebter american way of live, wird ihm schlussendlich zum Verhängnis. Lilian erfährt, warum China nichts zur Befreiung ihres Vaters unternahm. Er erkrankte an Diabetes. Und das ist in den Augen der Partei eine kapitalistische Wohlstandsseuche. Oder hätte man je gehört, dass Chinesen an der Zuckerkrankheit leiden? Gary wird fallengelassen, man leugnet ihn zu kennen. Wie bitter.

Über den Autor:
Ha Jin, eigentlich Jin Xuefei, wurde 1956 geboren und verließ China 1985, um in den USA zu studieren. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens kehrte er nicht mehr zurück, seit 1997 ist er US-Staatsbürger. Früh begann er auf Englisch zu schreiben, heute zählt er zu den wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Seine Werke wurden unter anderem mit dem National Book Award und dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet. Ha Jin ist Professor für Englische Literatur an der Boston University.

Arche Verlag, Ha Jin: „Verraten“, Roman, 368 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck.

www.arche-verlag.com

Wien, 21. 9. 2016