Leonardo Padura: Neun Nächte mit Violeta

September 19, 2016 in Buch

RUDOLF MOTTINGER

Kubanische Sehnsüchte ohne Salsa-Seligkeit

bildBerühmt wurde Leonardo Padura mit der Krimireihe „Das Havanna Quartett“. Es folgten zahlreiche Meisterwerke wie „Der Mann, der Hunde liebte“ oder „Ketzer“. Nun liegt mit „Neun Nächte mit Violeta“ ein 256 Seiten starker Erzählband vor, der in kurzen und längeren Geschichten – zwischen 1985 und 2001 geschrieben, aber erst 2015 im Original erschienen – berührende, aber auch humorvolle Einblicke in die Sorgen, Probleme, Hoffnungen und Niederlagen der „kleinen“ Menschen auf der karibischen Insel gibt.

Einmal mehr erweist sich der in Kuba lebende Autor als großer Literat und auch als Meister der sogenannten „kleinen Form“. 13 Geschichten, von der kürzesten, nur achtseitigen „Der glückliche Tod der Alborada Almanza“, bis zur 36 Seiten langen Erzählung „Die Puerta de Alcala“, machen aus Alltagsszenen kurze, dichte Erzählungen, die die Tragik eines ganzen Menschenlebens erfassen. Dreh- und Angelpunkt der Geschichten ist Paduras Havanna, wo er auch 1955 geboren wurde.

Alles, was man aus seinen späteren Romanen kennt, findet sich auch in diesen Erzählungen: Der Bolero, die Hitze der Stadt, die Bars, wo am Weihnachtsabend der Rum ausgeht, die zu kleinen Wohnungen mit den Wasserflecken an der Decke und der ständigen Einsturzgefahr, die Baseballleidenschaft der Menschen, aber auch die Schattenseiten des Lebens: vergangene Liebe, Resignation, Hoffnungslosigkeit, unerfüllte Träume …

Padura berührt aber auch einen heiklen Punkt der kubanischen Geschichte: Zwei Erzählungen kreisen um das Engagement in Angola. Jenem südwestafrikanischen Staat, in dem nach der Unabhängigkeit von Portugal 1975 die Befreiungsbewegungen FNLA, MPLA und UNITA gegeneinander einen blutigen Bürgerkrieg führten und die linksgerichtete MPLA gegen die von Südafrika, Zaire und den USA unterstützte UNITA am Ende die Oberhand behielt, allerdings nur Dank der sowjetischen und kubanischen Hilfe – zivil wie militärisch. Zahlreiche Kubaner verrichteten dort „freiwillig“ ihren Dienst, um nach ihrer Rückkehr auf die Karibik-Insel in den Genuss von Privilegien zu gelangen – eine größere Wohnung, ein besser bezahlter Job etc. So auch Mauricio, der am Schluss seines Einsatzes einmal in Spanien im Prado eine Diego Velasquez-Ausstellung besichtigen will. Doch gerade an diesem Tag ist die Ausstellung geschlossen, dafür trifft er einen Freund aus alten Schultagen wieder. Dieser war einst nach der Machtübernahme der Castros, wie viele andere, von der Zuckerinsel geflüchtet. Alte Erinnerungen werden wach, aber auch zwei unterschiedliche Welten prallen aufeinander.

Bild: pixabay

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Mit wenigen Sätzen und präzisen Dialogen, die oft mehr verschweigen, als dass sie aussprechen, entwickelt der Autor eine Welt, der Gedanken und Gefühle. Wenn etwa der Erzähler in „Weiße Weihnacht“ am 24. Dezember allein in einer Bar seinen fünften doppelten Rum ohne Eis hinunterkippt, und er wie in einem Weihnachtsmärchen eine längst aus den Augen verlorene Frau, Zoilita, wieder trifft, mit der er in nur wenigen Stunden alle sexuellen Höhenflüge erlebt. Das große Glück bleibt ihm allerdings verwehrt, wie den meisten Protagonisten Paduras. Für Winner hat der kubanische Autor nichts übrig, wahrscheinlich würde das auch an der oft tristen Realität des Landes vorbeigehen. Zoilita geht mit ihrem Freund nach Miami, der Erzähler bleibt zurück, allerdings mit dem Vorsatz „die Meerenge von Florida zu durchschwimmen“ und sich sogar „gegen die Haie durchzubeißen“. Ein Vorsatz, der jedoch ein Traum bleiben wird. Leonardo Padura präsentiert ein Kuba-Bild, das wenig mit der üblichen Salsa-Romantik und Rum-Seligkeit zu tun hat.

Wie auch in der letzten Erzählung „Der Jäger“, in der der Protagonist seinem Liebhaber nachtrauert und spät abends auf die Suche/Jagd nach einer neuen Liebe geht. Wird er sie finden, oder doch nur einen „One Night Stand“ abbekommen? Am Ende wird er einen Entschluss gegen seine Einsamkeit fassen, doch ihn auszuführen, dazu ist noch an einem anderen Tag Zeit. Und bis dahin bleibt alles beim Alten. Und wieder einmal bestätigt sich der Satz: Wer Kuba und seine Menschen verstehen will, muss Padura lesen.

Über den Autor:
Eigentlich hatte der 1955 in Havanna geborene Leonardo Padura seine Karriere als Journalist begonnen: Nach dem Abschluss des Lateinamerikanistik-Studiums in Havanna schrieb er zunächst für die Zeitschrift „El Caimán Barbudo“. Drei Jahre später wurde er wegen „ideologischer Probleme“zur Zeitung „Juventud Rebelde“ strafversetzt. Bald gehörten seine Reportagen zu den meistgelesenen in Kuba, vielleicht auch deshalb, weil er sich nicht scheute, auch entlegene und unbequeme Themen aufzugreifen. Nach 1989 folgten sechs Jahre als Chefredakteur bei der Kulturzeitschrift „La Gaceta de Cuba“. Die Kriminalromane seines „Havanna-Quartetts“ sind für Leonardo Padura denn auch nur ein Vorwand, um von der kubanischen Gesellschaft zu erzählen, und das Gewissen seiner Generation einer Prüfung zu unterziehen.

Nebst dem „Havanna-Quartett“, das ihn international bekannt machte, veröffentlichte Padura mehrere Romane sowie Bücher mit gesammelten Erzählungen und Reportagen. Für seine Werke wurde er in Kuba und auch international vielfach ausgezeichnet, unter anderem mehrmals mit dem spanischen Premio Hammett sowie 2012 mit dem kubanischen Staatspreis Premio Nacional de Literatura de Cuba. Im Juni 2015 erhielt er den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur. Leonardo Padura lebt in Kuba.

Unionsverlag, Leonardo Padura: „Neun Nächte mit Violeta“, Erzählungen, 256 Seiten. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein.

LESETIPPS: „Die Palme und der Stern“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14342), „Ketzer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10225) und „Der Mann, der Hunde liebte“.

www.unionsverlag.ch

Wien, 19. 9. 2016