Ingeborg Bachmann schrieb eine Radio-Soap

März 1, 2013 in Bühne

Das Volkstheater spielt „Die Radiofamilie“

Im Herbst des Jahres 1951 betrat eine „kettenrauchende Meerfrau mit Engelhaar, die mehr flüsterte als sprach“ (so die Beschreibung eines US-Redakteurs) die Hörspielabteilung des amerikanischen Besatzungssenders Rot-Weiß-Rot in Wien. Ingeborg Bachmann heißt sie und sorgte von nun ab für zwei Jahre für das Unterhaltungsprogramm. Mit der Radiofamilie Floriani, der bekanntesten und beliebtesten Sendung der Nachkriegszeit. 14 Folgen von etwas, das man heute wohl Seifenoper nennen würde, entfleuchten ihrer Schreibmaschine. Das perfekte Sittenbild einer gutbürgerlichen Wiener Familie, die statt in der Floriani-, in der fiktiven Taubengasse wohnte. Hans Thimig, Vilma Degischer, Guido Wieland, Alfred Böhm verliehen den Figuren ihre Stimme. Walter Davy führte Regie.

Die liebe Familie.

Dass Bachmann, diese Dichterin des Schmerzes und der Einsamkeit, zwischen all dem Witzigsein Entnazifizierung, Kalten Krieg, Wiederaufbau verhandelte, dass sie subtil zu Liberalität und Demokratie erziehen wollte, interessierte weniger. Wer will beim Zuhören schon zwischen den Zeilen lesen? Vielleicht hat sie sich deshalb später von dieser Arbeit distanziert. 2011 brachte Suhrkamp „Die Radiofamilie“ als Buch heraus.

Die Radiofamilie von Ingeborg Bachmann

Wolf Dähne, Doris Weiner, Tania Golden, Herbert Prikopa, Günter Tolar
Bild: Lalo Jodlbauer

Nun will das Volkstheater in den Bezirken das Hörspiel auf die Bühne(n) stellen. Eine Uraufführung. Am 6. März. Regisseur Andy Hallwaxx hat aus den Texten eine Theaterfassung erarbeitet, die dem Goldenen Wiener Herzerl ausreichend Raum zum Schlagen geben will. Apropos, Herz: Das der Familie, den hochanständigen, pflichtbewussten Oberlandesgerichtsrat Hans, spielt Herbert Prikopa. Da denkt man ans Ö1-Kabarett „Guglhupf“ und an „Auch Spaß muss sein“. Und damit dieser nicht zu kurz kommt, stellt ihm Hallwaxx Günter Tolar als Bruder Guido zur Seite. Der war „ein bisserl“ Nazi, wie’s halt so war, wie’s auch Bachmanns Vater war, ist nun aber durchaus bereit, sich den neuen Zeiten anzupassen. Das muss sowieso auch Hans‘ Frau Vilma, dargestellt von Doris Weiner, Tochter eines Generals aus dem Ersten Weltkrieg und dementsprechend nicht ganz frei von Standesdünkel.

Günter Tolar gibt auch Guidos – also seine eigene Ehefrau: die Tante Liesl. Da könnten zwei Komödianten in drei Rollen ein lang in der Schublade schimmelndes Kleinod zum Kabinettstück machen. Ob die Fünfziger-Jahre-Story im 21. Jahrhundert noch von Belang ist, weiß man Mitte nächster Woche.

www.volkstheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 1. 3. 2013