Schikaneder: Die ersten Szenen des neuen Musicals

September 16, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

VBW-Musicalintendant Christian Struppeck im Gespräch

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Koen Schoots, Bild: VBW/Herwig Prammer

Die Hauptdarsteller Milica Jovanovic und Mark Seibert mit dem musikalischen Leiter Koen Schoots. Bild: VBW/Herwig Prammer

Zum ersten Mal präsentierten die Vereinigten Bühnen Wien Freitagvormittag im Raimund Theater Szenenausschnitte aus ihrem neuen Musical „Schikaneder“. Am 30. September hat die von VBW-Musicalintendant Christian Struppeck erdachte und verfasste und von Stephen Schwartz komponierte Liebesgeschichte rund um die Entstehung der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ Weltpremiere.

„Wir wissen über Schikaneder, dass Zeitgenossen ihn einen Charismatiker nannten, seine Frau Eleonore wird als Schönheit mit silbriger Stimme beschrieben. Mal sehen, ob wir das getroffen haben“, scherzt Struppeck. Der Vorhang hebt sich, gibt den Blick frei auf die beiden Hauptdarsteller Mark Seibert und Milica Jovanović. Es ist das Jahr 1775, die erste Begegnung von Emanuel und Eleonore in Innsbruck, da ist er Star der Theatertruppe von Franz Moser, sie die Newcomerin – und es funkt. Die Anziehungskraft der Bühne, sie wirkt auch zwischen den beiden. Im Orchestergraben sitzt das 32-köpfige VBW-Orchester, der musikalische Leiter Koen Schoots hat am Cembalo Platz genommen. Von dort aus begleitet er auch die Rezitative. „Träum groß!“ geht los, der vorprogrammierte Hit der Produktion, ein Duett im schwungvollen Sound des großen, klassischen Musicals.

Charisma getroffen! Seibert und Jovanović sind ein ebenso charmantes wie schelmisches Paar. Seibert spielt einen Schikaneder, der von seinem Genie überzeugt, auch ein bissl selbstverliebt ist, einen liebenswerten Visionär mit großen Plänen und noch größeren Träumen. „Mach‘ dich von den Fesseln der Wirklichkeit los“, singt er. Die deutschsprachigen Texte stammen einmal mehr von Michael Kunze. Sie aber ist nicht weniger selbstbewusst, wird von Jovanović dargestellt als eine, die dem Schikaneder Paroli bieten kann und will. „Warum spiel‘ ich in diesem Stück nicht den Don Juan?“, wird sich der Theatermagier später fragen. A Powerpaar is born.

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble. Bild: VBW/Herwig Prammer

Szene im Ballettsaal mit Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble … Bild: VBW/Herwig Prammer

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble. Bild: VBW/Herwig Prammer

… in der Eleonore und Emanuel versuchen, ihre Liebe geheim zu halten. Bild: VBW/Herwig Prammer

Eine Einschätzung, die ganz im Sinne des Erfinders ist. „Emanuel Schikaneder war der größte Theatermacher im deutschsprachigen Raum, vielleicht sogar in Europa“, sagt Struppeck. „Er war der Sohn zweier Lakaien, und in der damaligen Zeit war es eigentlich unmöglich dorthin zu kommen, wo er hingelangt ist, an die Spitze der Wiener Bühnenlandschaft. Er war ein Magier der Bühne, er hatte Mut zum Experiment, er war als Sänger, Schauspieler, Dichter und Produzent ein Universaltalent, ein Vorgänger Johann Nestroys und Max Reinhardts und, indem er die Wichtigkeit des Schauwerts von Aufführungen erkannt hat, ein Vorreiter des modernen Musicals.“

Worte, die so etwas wie Seelenverwandtschaft vermuten lassen. Seit mehr als fünf Jahren arbeitet das Leading Team an der Produktion, inspiriert hat Struppeck eine Schikaneder-Büste, die er im Salzburger Landestheater gesehen hat. Historisch, sagt er, ist sein Buch „erstaunlich akkurat. Natürlich sind nicht alle Details bekannt, aber die Geschichte ist schon so passiert“. Die Geschichte des Musicals ist die der „Zauberflöte“ minus Mozart. Struppeck: „Schikaneder ist der Kopf dahinter, die ,Zauberflöte‘ ist seine Idee, er hat Mozart engagiert, er hat den Papageno der Uraufführung gespielt. Mit dem Gewinn, den er daraus erzielt hat, hat er das Theater an der Wien gekauft.“ Heute ein Haus der Vereinigten Bühnen.

Auch eine berühmt-berüchtigte Anekdote wird vorkommen, nämlich, „dass Schikaneder das Federkostüm schon für ein anderes Stück hatte, aber dann doch nicht verwenden konnte. Er wollte das teure Teil aber nicht verschwenden, indem er’s weggeworfen hätte – und so wurde aus Papageno ein Vogelhändler.“ Was Struppeck bezüglich Plot jedoch viel mehr interessierte als solcherart Histörchen, war, dass Schikaneder alle Unternehmungen gemeinsam mit Eleonore vornahm. „Sie haben die Stoffe gemeinsam entwickelt und umgesetzt, das ist unser Blickwinkel im Stück: Schikaneders Ehe mit dieser besonderen Frau, über die man bis dato so wenig wusste.“

Milica Jovanovic und Mark Seibert. Bild: VBW/Rolf Bock

Milica Jovanovic und Mark Seibert. Bild: VBW/Rolf Bock

Franziska Schuster, Armin, Kahl, Katie Hall, Florian Peters und Katja Reichert. Bild: VBW/Rolf Bock

Franziska Schuster, Armin, Kahl, Katie Hall, Florian Peters und Katja Reichert. Bild: VBW/Rolf Bock

Auf der Bühne sind die Darsteller bereit für die zweite Szene. In „Irgendwas passiert“ tratschen sich die Theaterkollegen im Ballettsaal den Mund über die Liebesaffäre zwischen Emanuel und Eleonore in Fransen. Ein Ausschnitt, der beweist, dass bei all den großen Gefühlen auch das Komödiantische nicht zu kurz kommen wird. So wie Hardy Rudolz, als Franz Moser mit überdimensionaler Perücke und Ballettmeisters Stock ausgestattet, da versucht seine Mimen bei und an der Stange zu halten, wird’s witzig. Auch bei den unzähligen Kostümen zeigt sich die Liebe zum Detail zweier Tony-Preisträger – Regisseur Sir Trevor Nunn und Ausstatter Anthony Ward. Weil die Kostüme optisch der Zeit angepasst sein sollten, wurden sie aus historischen Beständen gefertigt, Schmucksteine, Pailletten sind tatsächlich aus anno dazumal, die Knöpfe wurden aus alten Bordüren oder Spitzenbesätzen gepresst.

Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seiber und Sir Trevor Nunn. Bild: VBW/Rolf Bock

Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seiber und Sir Trevor Nunn. Bild: VBW/Rolf Bock

Struppeck freut sich, dass es immer wieder möglich ist, die Superstars unter den Musicalmachern nach Wien zu holen. Obwohl: „Das internationale Team ist eine logistische Herausforderung, man muss gut vorbereiten, wo man wann mit wem arbeitet. Denn ein Musical kann man nicht am Schreibtisch entwickeln, das muss man immer wieder ansehen und anhören.“ Sein Gemütszustand nun, so knapp vor der Uraufführung?

Er lacht. „Sagen wir: Die nächsten 14 Tage werden turbulent, das macht aber auch sehr viel Spaß.“ Turbulent wird es mittlerweile auch auf der Bühne. Finale des 1. Akts. Schikaneder und Eleonore sind zu Seitenspringern geworden. Sie geht mit Johann Friedl nach Wien, er bekennt sich öffentlich zu seinem Pantscherl mit Maria Anna Miller, das Ensemble glaubt sich ob dieser Trennung erledigt. Mit Seibert und Jovanović treten in dieser Szene auch Florian Peters und Katie Hall als Solisten auf. Und, ja, da denkt man sie zu hören: Zauberflöten-Zitate! Zumindest sind’s deutliche „dramatische“ Opernklänge, die Stephen Schwartz da aufs Notenblatt gebannt hat. Hunderte echte Kerzen sorgen für ein stimmiges Lichtdesign. Das lässt sich über „Schikaneder“ jetzt schon sagen: Es wird bestimmt bombastisch. Der erste Eindruck ist jedenfalls hinreißend.

Was Komponist Stephen Schwartz über „Schikaneder“ sagt: www.mottingers-meinung.at/?p=19731

www.musicalvienna.at

Wien, 16. 9. 2016