steirischer herbst: Fünf Tipps aus dem Programm

September 9, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Teetrinken macht nämlich im Kopf die Grenzen auf

Milo Rau: IIPM – International Institute of Political Murder Empire. Bild: Stefan Bläske

Milo Rau / IIPM – International Institute of Political Murder: Empire. Bild: Stefan Bläske

Am 23. September startet der steirische herbst 2016. Mit „Wir schaffen das“ hat man sich den mittlerweile so berühmten wie berüchtigten Merkel-Spruch als Leitmotiv gewählt – eine gewagte und folgenschwere Aussage, die aber ein Hinweis darauf ist, was der utopische Gehalt von Europa sein könnte: eine Gemeinschaft demokratischer Staaten, die Grundwerte des menschlichen, friedlichen Zusammenlebens garantiert. Und gemeinsam Wege findet, den Herausforderungen dieser Zeit pragmatisch und angstfrei zu begegnen.

Vielleicht ist gerade die aktuelle Situation die Chance, erneut an der Idee von Europa jenseits eines rein ökonomischen Zusammenhangs zu arbeiten, diese Konstruktion ins 21. Jahrhundert zu retten. Welche Werte, welches Menschenbild, welche Modelle von Bildung gilt es, im Dialog mit der Welt zu dekolonialisieren, um sie unter veränderten Vorzeichen neu zu denken? Themen und Fragen wie diese durchziehen das Programm und finden sich auf vielfältigste Weise in künstlerischen und kuratorischen Setzungen wieder. So zeigt der Schweizer Theatermacher Milo Rau am 14. und 15. Oktober im Schauspielhaus Graz in Empire die Geschichten von Menschen, die durch Flucht nach Europa kamen oder an seinen Rändern ihre Heimat haben, und stellt die Frage: Sind Europas uralte Traditionen gefährdet oder ist die Migration nicht gerade eine davon? Die Erzählenden in „Empire“ berichten von Verlust, Gefängnis, Tod und Wiedergeburt, und Rau reizt wie gewohnt streitbar, konsequent,  aber unaufgeregt die Möglichkeiten des Theaters aus, um nicht nur dokumentarisch, sondern höchst politisch aufzutreten. Sicher eine der spannendsten Produktionen in diesem Jahr.

Fünf Tipps aus dem Programm:

Moddi plays Unsongs, 25. September, club panamur: Der norwegische Singer-Songwriter Pål Moddi Knutsen kehrt mit einem besonderen Projekt zum steirischen herbst zurück. Er hat politische Lieder von den schwarzen Listen der Welt gesammelt. Ein Jahr hat er damit verbracht, verbotene Songs aus aller Welt zusammenzutragen, zu übersetzen und neu zu interpretieren. So wurde sein neues Album „Unsongs“ zu einer bewegenden Sammlung politischer Lieder aus Algerien, Libanon, China, Vietnam, Norwegen, Mexico, Chile, USA, Israel, Russland und Großbritannien. Moddi stellt damit Fragen zur Funktionsweise von Zensur, ehrt diejenigen, die diese Lieder schreiben und spielen für ihre Courage und geht mit der Veröffentlichung der Songs selbst das Risiko von Auftrittsverboten und Zensur ein. Im club panamur präsentiert er seine Sammlung live.

Mobile Tea House, ab 29. September, Leibnitz und Leutschach: Rainer Prohaska bringt Ratschengurte und Holzbauprofile nach Leibnitz und Leutschach und ruft zum kollektiven Bau eines Teehauses auf. Ein Plädoyer für Flexibilität und Offenheit. Und eine Einladung zum Dialog aller Kulturen. Im Nahen und Fernen Osten funktionieren Teeräume als Zentren sozialer Interaktion. Länder wie die Türkei, der Iran, Pakistan, Syrien und Libanon kennen das Teetrinken ganz selbstverständlich als Kommunikationsmodus. Japan und China bauen dem Teekonsum gar eigene Bauwerke – eine Inspirationsquelle für Rainer Prohaska. Der gebürtige Kremser wurde schon zu Einzelausstellungen und Vorträgen in zahlreiche Länder eingeladen und hat dabei verschiedene Arten von Teezeremonien kennengelernt. Dadurch angeregt lädt Prohaska nun zum Bau eines „Mobile Tea House“ ein. Durch Beiträge von Gastkünstlerinnen und -künstlern wird das Teehaus zum Dreh- und Angelpunkt für Gespräche, Diskussionen und Plaudereien. Was aber in keinem Fall fehlen darf: Teezeremonien aus den unterschiedlichsten Kulturen der Welt.

Blitz Theatre Group: Late Night. Bild: Vassilis Makris

Blitz Theatre Group: Late Night. Bild: Vassilis Makris

El Conde de Torrefiel: Guerrilla. Bild: Titanne Bregentzer

El Conde de Torrefiel: Guerrilla. Bild: Titanne Bregentzer

Blitz Theatre Group: Late Night, ab 30. September, Hugo Wolf Saal Leibnitz: Das Ende der Welt auf Griechisch: Die Blitz Theatre Group tanzt auf den Trümmern Europas einen surrealen Totenwalzer voller schlichter Melancholie und feinem Humor. In einer apokalyptischen Welt sind drei Frauen und drei Männer übriggeblieben, sie scheinen nur noch ihr abgetragenes Festtagsgewand und ihre Erinnerungen zu haben. In Fragmenten erzählen sie von damals, von einem europäischen Krieg, der so surreal wirkt wie die bunte Festbeleuchtung in dem heruntergekommenen Ballsaal, in dem sich die sechs eingefunden haben.

In Gedanken an glücklichere Zeiten ergehen sie sich in einem so atemberaubenden wie bedrückenden Abgesang auf Europa. Und sie tanzen. Derlei beklemmend prophetische Assoziationen eines Europas, das durch Krieg, Terror und Anarchie geprägt ist, haben „Late Night“ zur großen Erfolgsproduktion der Blitz Theatre Group gemacht, mit der die griechische Company nun erstmals in Österreich zu sehen sein wird.

El Conde de Torrefiel: Guerrilla, Uraufführung am 14. Oktober, Orpheum: Was denkt eine junge Generation über das gegenwärtige Europa, welche Fragen und Zukunftsängste beschäftigen sie? Das Performance-Duo El Conde de Torrefiel stellt junge Menschen aus der Steiermark in den Fokus seiner neuesten Bühnenarbeit. In drei monumentalen Choreografien werden bewegte Stillleben des modernen Alltags entwickelt: eine Konferenz, eine Tai-Chi-Stunde und eine Partynacht. Doch diese scheinbar harmonischen Zusammenkünfte einer Gruppe im Herzen Europas suggerieren alles andere als eine heile Welt. Denn über den Bildern schwebt Text, der die Harmonie so humorvoll wie beunruhigend konterkariert. Schon in den Fragen lauert die Gefahr: „Was bedeutet das Wort Feind für Sie?“ oder „Was würden Sie tun, wenn morgen Krieg wäre?“ Mit „Guerrilla“ zeigen El Conde de Torrefiel beim steirischen herbst zum ersten Mal eine ihrer bildstarken Arbeiten in Österreich. Ihre ausgeklügelte Text-Bild-Schere zeigt: Auch mitten in der Komfortzone entstehen die Kriegserklärungen zuerst im Kopf.

Monika M. Kalcsics und Eugene Quinn: Grenzlandgespräche, 15. Oktober, Kniely Haus Leutschach: Österreichs Grenze zu Slowenien kennt viele Geschichten: Einst war sie Kriegsschauplatz, später wurden ihr entlang Wanderwege und kürzlich Zäune errichtet. Es ist ein kontroverses Thema und weil beim Reden die Leut’ z’sammen und beim Essen am besten ins Reden kommen, lädt der steirische herbst zum Social Dining nach Leutschach. Die „Grenzlandgespräche“ von Monika M. Kalcsics und Eugene Quinn sind Blind Dates der besonderen Art. Hier trifft man Menschen, mit denen man sonst wohl nicht so oft essen geht. Personen, die über die gegenwärtige Situation erzählen und darüber, wie es früher mal gewesen ist, im Grenzland. Geladen werden Bürgermeister, Weinbauern, Kunstschaffende und viele andere, um bei einem Dreigangmenü aus regionalen Spezialitäten mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen.

www.steirischerherbst.at

Wien, 9. 9. 2016