Lou Andreas-Salomé

September 8, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frau, die über Nietzsche die Peitsche schwang

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

„Stellen Sie sich vor, ich sei ein Mann.“ Mit diesem Satz nahm Lou Andreas-Salomé Verehrern den Wind aus den Segeln. Deren hatte die Schöne viele. Paul Rée, Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Gerhart Hauptmann gehörten dazu, später sogar Sigmund Freud. Rilke widmete ihr Gedicht um Gedicht, Wedekind nannte angeblich sein Werk „Lulu“ nach ihr, mit Rée und Nietzsche ging sie kurzfristig eine geistige ménage à trois ein, geistig, weil sich Lou Andreas-Salomé der Körperlichkeit entzog.

Eine selbst auferlegte Askese, war sie doch überzeugt davon, nur der Zölibat schaffe ihr als Frau den nötigen Freiraum, in den Armen eines Mannes aber würde sie sich selbst zum Hausmütterchen degradieren … Es entstand das berühmte Dreierfoto, die Denker vor ihren Karren gespannt, sie mit der Peitsche in der Hand, und man fragt sich, ob in dieser Szene Nietzsches späterer Ausspruch vom Lederriemen und dem Weibe begründet liegt. Der sexuell abgewiesene, der über die Angebetete erst formulierte „Lou ist scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe“, nannte sie dann nämlich die „dürre, schmutzige, übelriechende Äffin mit ihren falschen Brüsten“. Männer! Und unter ihnen so viele Hysteriker, es verwundert nicht, dass Freud folgen musste.

Lou Andreas-Salomé war Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, geboren 1861 in St. Petersburg, gestorben 1937 in Göttingen, war sie eine der gelehrtesten und wissenschaftlich produktivsten Frauen ihrer Generation. Die Berliner Autorin und Regisseurin Cordula Kablitz-Post holt in ihrem Spielfilmdebüt „Lou Andreas-Salomé“, das ab 9. September im Kino zu sehen ist, dieses bewegte Leben aus der Vergessenheit. Entstanden ist ein faszinierendes Frauenporträt, das mit leisem Humor den Weg einer starrköpfigen Streiterin für mehr Rechte, für, wie sie es nannte, mehr „Raum für die Entwicklung der Frau“ nachgeht. Andreas-Salomé lebte die Emanzipation, wiewohl sie es stets weit von sich wies, eine, wie man heute sagen würde, Feministin zu sein.

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit "Mutter" Petra Morzé. Bild: Polyfilm

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit „Mutter“ Petra Morzé. Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als "Ernst Pfeiffer". Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als Ernst Pfeiffer. Bild: Polyfilm

Das Biopic ist bis in kleinste Rollen exzellent besetzt, mit dabei viele Burgtheaterschauspieler, Petra Morzé und Peter Simonischek spielen die Eltern Salomé, Philipp Hauß den Paul Rée. Merab Ninidze brilliert als Friedrich Carl Andreas, der Orientalist, der sich endlich als einziger auf eine sexlose Ehe mit Lou einließ, in seiner Not aber eine lebenslange Zweitliebe mit der Haushälterin einging. Alexander Scheer ist als Nietzsche augenrollend bedrohlicher und ergo skurriler wie Paulus Manker als Almas Kokoschka, Julius Feldmeier als Rilke ein weinerliches Bündel Mensch.

Man muss es sagen, der feinnervige Lyriker verliert in diesem Film deutlich an Boden, so raunzert ist das Bild, das Kablitz-Post von ihm entwirft. Lou Andreas-Salomé hatte ein Händchen dafür, Elegiebürscherln um sich zu sammeln, geknickte Männlichkeiten aufzurichten und künstlerische Karrieren in Schwung zu bringen. Sie war Inspiration, Muse, später auch Mäzenin. Doch so stark und bei messerscharfen Verstand, wie sie war, wirken die Herren der Schöpfung rund um sie wie schwache Männlein.

Diesen Eindruck verdichtet freilich die Darstellung von Katharina Lorenz und Nicole Heesters. Kablitz-Post hat die Figur der Andreas-Salomé in verschiedenen Lebensaltern auf die beiden formidablen Schauspielerinnen aufgeteilt, erstere gestaltet sie angespannt wie eine Feder, zweitere altersweise und ein wenig verschmitzt, die Lorenz ist von strenger Schönheit, die Heesters in überragender Spiellaune. Liv Lisa Fries spielt Andreas-Salomé als 16-Jährige, der Film bewegt sich zwischen den drei Zeiten hin und her, erzählt nicht chronologisch, sondern springt in den Ereignissen als wären’s die Erinnerungen der älteren an ihre gewesenen Ichs. Dies auch ein inhaltlicher Kniff der Filmemacherin, denn so kann sie friktionsfrei die später geschönte Biografie Andreas-Salomés mit anderen, ihr widersprechenden Quellen verknüpfen.

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Ein Gutteil der Dokumente stammt aus dem Archiv von Ernst Pfeiffer, im Film verkörpert ihn Matthias Lier, Andreas-Salomés letzter Psychotherapiepatient und späterer Nachlassverwalter. Der rettete maßgebliche Teile ihres Werks vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. Denn im Dritten Reich war man höchst erbost über diese Frau, die sich in den „jüdischen“ Disziplinen des Denkens übte. Und so beginnt der Film denn auch mit einer Bücherverbrennung …

„Lou Andreas-Salomé“ ist ein filmisches Beispiel dafür, dass ein Widerspruchsgeist zu sein und ein Freigeist sein zu wollen zu allererst des Geistes bedingt. Andreas-Salomé hatte alles davon, und im Übermaß. Sie war eine Kämpferin gegen Konventionen, dass sie für das Wegsperren ihrer Gefühle aber auch einen hohen Preis bezahlte, dass sie die nie versiegende Sehnsucht nach einem eigenen Kind schließlich zu einer ganz besonderen Tat verleitet hat, wird der Film am Ende erklären.

Er schließt mit einem Zitat, das die großartige Heesters vorträgt: „Die Welt, sie wird dich schlecht begaben. Glaube mir’s. Sofern du willst ein Leben haben, raube dir’s.“

 

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0qyQgSsi920

Wien, 8. 9. 2016