Landestheater NÖ: Marie Rötzer im Gespräch

September 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Intendantin über ihre Pläne für das Haus

Marie Rötzer ist die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Marie Rötzer ist beginnend mit dieser Saison die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Am 16. September startet das Landestheater Niederösterreich unter neuer Leitung in die neue Saison. Marie Rötzer hat die Intendanz des Hauses in St. Pölten übernommen und große Pläne. Ein Gespräch über die ersten Premieren, das junge Ensemble – und wie Rötzer das Theater zum Publikum bringen will:

MM: Warum Theater?

Marie Rötzer: Das hat mit der großen Liebe zur Literatur begonnen. Aber erst am Theater wird der Text lebendig. Am Theater haben wir es mit Menschen zu tun. Theater ist hautnah, ein Live-Erlebnis, ein Gemeinschaftserlebnis. Die Geschichte wird durch den Schauspieler greifbar gemacht. Die Darstellung des Menschen, des Menschseins, das finde ich am Theater als Kunstform am faszinierendsten.

MM: Was muss Theater für Sie können? Glauben Sie an Theater als moralische Anstalt?

Rötzer: Für mich ist Theater ganz klar eine politische Kunstform, mit den verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten dessen, was politische Kunst sein kann und soll. Ich glaube, dass man als ein anderer Mensch aus dem Theater hinausgeht, als man hineingegangen ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass Theater den Menschen verändern kann, ihn zu einem besseren Menschen machen kann.

MM: Da Sie von verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten sprechen, welchen Stempel wollen Sie dem Landestheater Niederösterreich aufdrücken? Wie wird Ihre Handschrift sein?

Rötzer: Mir ist sehr daran gelegen, dass wir erneut eine Humanismus-Debatte entfachen, dass wir ganz konkret über Werte nachdenken, über Werte der Aufklärung, Toleranz, Freiheit, Meinungsfreiheit, da möchte ich ganz klar auf heutige Geschehnisse eingehen. Wir leben in einer sehr turbulenten, schwierigen Zeit, einer Umbruchszeit, in der sich in Europa neue Situationen darstellen. Darauf möchte ich mit dem Theater auf jeden Fall reagieren. Auch in dem Sinn, dass man am Theater wie in einer Laborsituation über unterschiedlichste Dinge nachdenken kann. Mein Schlagwort dafür ist „Denk- und Spielraum ohne Grenzen“. Im Kopf und im Herzen. Ich denke nicht, dass wir uns in einem europäischen Schrebergarten einigeln können. Wir müssen uns weiter öffnen.

MM: In diesem Sinne lautet auch Ihr erstes Spielzeitmotto „Die Welt ist groß“?

Rötzer: Richtig. Das hat damit zu tun, dass ich denke, dass uns die Offenheit nur bereichern kann. Auch, wenn viele Fragen ungeklärt sind und man nicht auf alles Antworten geben kann, muss man die Angst überwinden. Wir können einander Geschichten erzählen, die erklären, wie eine Welt ohne Grenzen aussehen könnte. Am Theater kann man die Welt darstellen, nicht wie sie ist, sondern wie sie sein könnte. Man kann über Visionen, Utopien nachdenke.

MM: Sie waren in Ihren beruflichen Anfängen schon einmal am Landestheater, in der Dramaturgie. Ist das jetzt eine Art Heimkommen?

Rötzer: Ich habe während meines Studiums zwei Spielzeiten hier gearbeitet, damals hieß das Haus noch Stadttheater und war ein Vierspartenbetrieb, mittlerweile ist alles auf das Schauspiel fokussiert. Das Haus hat sich sehr verändert, aber ich finde die neue Struktur für mich sehr passend, weil ich ja ursprünglich Schauspieldramaturgin bin.

MM: Diesen wird mitunter angelastet, dass sie für ein kopflastiges Theater stünden.

Rötzer: Kopflastig ist ja nicht unbedingt negativ, sagen wir doch kopfbefreiend oder kopfluftig. Auf jeden Fall geht es mir darum, dass wir über uns selber nachdenken sollten. Was heißt Menschsein? Warum sind wir hier? Was hebt uns übers Normale hinaus? Theater hat die Möglichkeit, dies alles sehr lustvoll zu überlegen, sinnlich zu sein. Ich finde es schön, wenn man am Theater lachen kann, wenn man sich gut unterhält, aber auch, wenn unterschiedlichste Kunstdisziplinen gezeigt werden, wenn Musik, Lichtdramaturgie, Video und anderem gearbeitet wird. Und natürlich mit der Körperlichkeit der Schauspieler.

MM: Wenn wir nun schon bei Ästhetiken sind: Warum haben Sie das Haus violett gebrandet? Eine aufregende Farbe …

Rötzer: Wir wollten unseren Neustart mit einer prägnanten Farbe kenntlich machen. Violett hat sehr schöne Assoziationen, es steht für Spiritualität, Frieden, Schönheit. Das sind alles Dinge, die gut mit dem Theater in Einklang zu bringen sind.

MM: Lassen Sie uns über die Dinge sprechen, die neu werden. Erstens: das Ensemble.

Rötzer: Als künstlerische Leiterin wollte ich natürlich Menschen mitbringen, mit denen ich schon gearbeitet habe und die ich gut kenne. Außerdem wollten sich viele, die hier waren, verändern. Ich habe ein Drittel des bisherigen Ensembles übernommen, Michael Scherff, Lukas Spisser, Helmut Wiesinger und Othmar Schratt. Dazu kommen nun unter anderem Kollegen von Graz bis Mainz. Katharina Knap kommt aus Stuttgart, sie wurde von Theater heute 2014 zur besten Nachwuchsschauspielerin gewählt. Bettina Kerl kommt aus Düsseldorf, die kennt man, weil sie schon bei Andreas Beck am Schauspielhaus Wien gearbeitet hat. Tim Breyvogel, der in der Wiener Off-Szene sehr bekannt ist, kommt zu uns; er war zuletzt im Werk X in der „Proleten Passion 2015ff.“ zu sehen. Und dann Stanislaus Dick, ein Abgänger vom Konservatorium Wien, der für mich ein Phänomen ist, weil er mehrere Instrumente spielt. Wie überhaupt das Ensemble mit Musik sehr vertraut ist, singen kann und ein gutes Rhythmusgefühl. Außerdem haben wir noch Tobias Artner, Vidina Popov und Zeynep Bozbay, drei Mozarteum-Absolventen engagiert.

MM: Und Sie bringen Johannes Silberschneider, der mir noch in Graz gesagt hat, niemals, niemals nach Wien.

Rötzer: Jaha (sie lacht). Es macht ihm Spaß bei uns, er ist gerade mitten in den Proben mit Sandy Lopičić. Johannes Silberschneider ist ein wunderbarer Schauspieler.

Erste Premiere: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Erste Premiere: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: "Das goldene Vlies" mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: „Das goldene Vlies“ mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

MM: Womit wir bei der ersten Produktion sind: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ nach dem Bestseller-Roman von Ilija Trojanow, Premiere am 16. September. Siehe Spielzeitmotto: Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Rötzer: Für mich ist Ilija Trojanow einer der Schriftsteller, der ganz explizit auch ein politischer Autor ist, der auch Texte und Essays über politische Themen verfasst. In seinen Romanen geht es immer um die Vielfalt der Welt, da gibt es ein großartiges Zitat, in dem er sagt, wie in der Natur die Vielfalt zur Entwicklung notwendig ist, so auch in der Gesellschaft. Diese Neugier auf fremde Kulturen, auf Menschen, die aus anderen Zusammenhängen kommen, diese Begegnung zwischen dem anderen und dem eigenen, das ist für ihn ein dramaturgischer Faden. Und das alles findet auch in „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ statt.

MM: Worum geht’s?

Rötzer: Um eine Fluchtgeschichte, die auch biografisch ist. Er erzählt sehr fantasievoll die Flucht, die er gemeinsam mit seinen Eltern aus dem kommunistischen System Bulgariens in den Westen geschafft hat, und erzählt aber auch sehr schonungslos von einer Desillusionierung. Dieser Traum, den man von einem besseren Leben geträumt hat, erfüllt sich für sein Alter Ego erstmal nicht, doch dann greift für ihn die Kraft der Poesie, indem er diesem Jugendlichen einen Paten aus dem fernen Bulgarien schickt – und so machen sich die beiden auf die ganze Welt zu erobern. Auf dieser Reise emanzipiert sich dieser Junge und merkt, wie bunt und aufregend das Leben sein kann. Er verliert Ängste und Depressionen, die er vorher hatte, er reist zu seinen Wurzeln und darüber findet er seine Identität. Mit einem Wort, ein modernes Märchen.

MM: Und eine schöne erste Gelegenheit, für einen Großteil des neuen Ensembles, sich dem Publikum vorzustellen.

Rötzer: Da es die Welt repräsentiert, ja, zwei Drittel des Ensembles sind in dieser Produktion und eben Johannes Silberschneider. Außerdem sind vier Musiker auf der Bühne, die Strottern, Matthias Loibner, der Drehleierspieler, und Maria Petrova, eine bulgarische Percussionistin, weil jede Station anders musikalisch erzählt werden wird.

MM: Trojanow wohnt ja in Wien. War er schon schauen?

Rötzer: Noch nicht, aber er wird auf jeden Fall zur Premiere kommen.

MM: Worauf freuen Sie sich sonst noch?

Rötzer: Jedes Projekt dieser Spielzeit ist für mich ein Herzensanliegen. Wir haben zwei Themenbereiche, die bereits angesprochene Achse Heimat und Fremde; der zweite Teil ist ein Nachdenken über Utopien, alternative Lebensformen, das Sichüberlebthaben des Kapitalismus, und da gibt es zwei besondere Produktionen: Shakespeares „Wie es euch gefällt“, bei der Regisseur Gottfried Breitfuß die in den Wald verbannte Hofgesellschaft als eine Art Hippiekommune zeigen wird, der es um die Freiheit der Liebe und der Rede geht, um eine emanzipierte Gesellschaft ohne Druck und Repressalien. Die andere wird in der Theaterwerkstatt sein, für die Dramaturgin Julia Engelmayer eine Idee darüber entwickelt hat, wie Leben auch anders funktionieren kann.

MM: Und wird heißen?

Rötzer: Sie heißt „Utopia“ und ist eine Anlehnung an das Werk von Thomas Morus, der bereits im 16. Jahrhundert über Werte wie Gleichheit der Menschen gearbeitet hat. Das wird die Grundlage für ein Projekt, mit dem wir aus dem Landestheater nach Niederösterreich hinausgehen wollen, das Theater sozusagen direkt zu den Menschen bringen wollen. Wir wollen vor Ort mit Menschen Interviews machen, die schon nach den Gedanken Thomas Morus‘ leben und dies in das Stück einfließen lassen. Es geht mir sehr darum, dass wir aus dem Theater treten, den Menschen entgegengehen, die Schwellenangst nehmen … Damit die Menschen nicht immer zu uns kommen müssen, sondern wir auch zu den Menschen gehen. Wir sind ein Teil von Niederösterreich und wollen die Niederösterreicher mit unserem Theatervirus begeistern.

MM: Dies gedacht als Maßnahmen, um ein neues, ein junges Publikum zum Theater zu holen?

Rötzer: Genau. Meine Vorstellung ist schon, dass sich Theater nicht nur hinter Mauern versteckt, sondern mitten im Leben stattfinden muss. Wir wollen mit einem möglichst großen Publikum in Kontakt kommen. Wir wollen Theater für alle machen.

MM: Das Landestheater Niederösterreich hat ja bereits eine große Tradition bei Publikumsbeteiligungsformaten. Nun führen Sie zwei neue ein: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ und „Außer der Reihe“. Was wird das sein?

Rötzer: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ entspricht dem Gedanken, den ich eingangs erwähnt habe, nämlich dass Theater eine Form des Dialogs ist. Wir laden die Menschen ein, über ihre Themen, Sorgen und Nöte zu sprechen, und dazu bitten wir „Fachleute“, Philosophen bis Politiker, ihre Haltung zu vertreten. „Außer der Reihe“ werden Monologe, Liederabende, Kabarettistisches …, die wir in Kaffeehäusern, Wirtshäusern, Wohnzimmern zeigen wollen.

MM: Sie machen alle Schubladen auf: Landestheater goes Off.

Rötzer: Landestheater goes on and goes outside. Ja, das sind alles ambitionierte Pläne, wir werden sehen, wie sich das alles wird umsetzen lassen. Aber Theater ist ja work in progress, wir wollen experimentieren und die Menschen auf diesen Weg mitnehmen.

MM: Erfolgsdruck, oder: wann wird für Sie Erfolg sein?

Rötzer: Natürlich wünsche ich mir, dass gleich unsere erste Premiere gut angenommen werden wird. Es kann nur miteinander gehen, ich kann nur ermöglichen und helfen, das sehe ich als meine Aufgabe als Intendantin.

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=20180

www.landestheater.net

Wien, 5. 9. 2016