Kunstforum Wien – Martin Kippenberger: XYZ

September 5, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Schonungslos dem ZeitUngeist auf der Spur

Martin Kippenberger: Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken, 1984. Bild: Friedrich Christian Flick Collection © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Martin Kippenberger: Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken, 1984. Bild: Friedrich Christian Flick Collection © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

„Jeder Künstler ist ein Mensch“ – Martin Kippenberger verdrehte Joseph Beuys’ berühmtes Diktum „Jeder Mensch ist ein Künstler“ und er selbst war tatsächlich vieles: Maler, Zeichner, Fotograf, Schriftsteller, Performer, Schauspieler, Musiker, Objekt- und Installationskünstler, Sammler und Kurator. Und auch: Lebemann, Mau-Mau-Spieler, Enfant Terrible, eine Kerze, die von beiden Seiten brannte. Nicht zuletzt aufgrund seiner permanenten, teilweise auch perfid-subversiven Selbstinszenierungen in seinem Werk, eilte ihm ein zweifelhafter Ruf voraus.

Zu Lebzeiten wurden Kippenberger lediglich die Ehre zuteil, in zwei Museen mit Einzelausstellungen gewürdigt zu werden. Fast 20 Jahre nach seinem Tod in Wien hat sich für den „Kunst-Punk“ und „Bürgerschreck“ vieles geändert – Kippenbergers Kunst ist weltweit in den Museen angekommen und wird im großen Stil international rezipiert:

Nach den Kippenberger-Retrospektiven in der Londoner Tate 2006, dem New Yorker MoMA 2009 und dem Hamburger Bahnhof in Berlin 2013 , widmet sich ab 8. September das Bank Austria Kunstforum Wien mit der Schau „Martin Kippenberger: XYZ“ seinem Werk. Und zwar erstmals dem Einzelaspekt der Sprache – des Künstlers durchgängig bevorzugtes Medium. Als Text im Bild, Bildtitel, Witz, Comic, Slogan, Reim, Logo, in Form von Plakaten, Büchern, Gedichten und Songs fungiert sie ihm in geschriebener, gesprochener oder gelesener Form als eine Art Fugenkitt fürs Zwischenmenschliche.

Kippenbergers Kunst involviert alles und jeden und sucht die Tuchfühlung mit Fans und Gegnern gleichermaßen. Im Spannungsfeld von Aktion und Reaktion garantiert die Sprache ein unmittelbares Herankommen an seine Inhalte. Charakteristisch  ist ein enorm freier und höchst kreativer Umgang mit diesem Material – der ihn als legitimen Nachfolger von Dadaismus und Konkreter Poesie zu erkennen gibt. Kippenberger führt sämtliche Plattitüden von Künstlersein und Kunstbetrieb an der Nase herum, er hat ein untrügliches Gespür für die Aufdeckung zeitgeistiger Widersprüche, und das bricht sich vorrangig via Sprache Bahn. Humorvoll und schonungslos nimmt er dabei Geniekult, „Maler-Heroen“ und Kunstkritik in die Mangel.

Martin Kippenberger: Zuerst die Füße, 1990. Sammlung Stolitzka, Graz © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne. Bild: Helga Krobath, Wien

Martin Kippenberger: Zuerst die Füße, 1990. Sammlung Stolitzka, Graz © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne. Bild: Helga Krobath, Wien

Martin Kippenberger: Martin, ab in die Ecke und schäm Dich, 1990. Privatsammlung, Courtesy Hauser & Wirth © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne. Bild: Stefan Altenburger Photography, Zürich

Martin Kippenberger: Martin, ab in die Ecke und schäm Dich, 1990. Privatsammlung, Courtesy Hauser & Wirth © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne. Bild: Stefan Altenburger Photography, Zürich

Das Betriebssystem Kunst war immer Kippenbergers Lieblingsthema: Ob es um Bezugnahmen auf die „Väter der Moderne“ wie Joseph Beuys oder Pablo Picasso ging, die kritische Auseinandersetzung mit Minimal Art und Konzeptkunst, der Kippenberger 1991 mit der raumgreifenden Installation „Ohne Titel (Weisse Bilder)“ begegnete, die im großen Saal des Kunstforum Wien erstmals in Österreich gezeigt wird, das schwere deutsch-deutsche Erbe von Romantik und Nationalsozialismus inklusive Political Correctness-Diskurs oder die christliche Ikonografie: Kippenberger machte vor nichts und niemandem halt, aktivierte sein Umfeld, arbeitete wo er nur konnte spartenübergreifend – und im größtmöglichen Format. In seiner gut 20 Jahre dauernden Künstlerkarriere entstand ein  heterogenes Werk, das dennoch eine unverkennbare Handschrift trägt und sich in Rückblende als Netzwerk zeigt, dessen Fäden Kippenberger wie der Superheld Spiderman, als der er sich auf einem späten Ausstellungsplakat auch selbst darstellt, spinnt.

Martin Kippenberger gehört aktuell zu den am höchsten gehandelten Gegenwartskünstlern am Kunstmarkt, ein 1988 entstandenes Selbstporträt wurde 2014 bei Christie’s um mehr als 18 Millionen US-Dollar verkauft. Sein Werk ist in seiner Direktheit und Schlagfertigkeit, aber auch in seiner Präzision und Ernsthaftigkeit Vorbild für eine ganze Generation junger Künstlerinnen und Künstler.

www.kunstforumwien.at

Wien, 5. 9. 2016