Neu am Volkstheater: Michael Abendroth im Gespräch

August 31, 2016 in Bühne

VON  MICHAELA MOTTINGER

 Er spielt ab 9. September in „Das Narrenschiff“

Michael Abendroth ist ab dieser Saison Ensemblemitglied am Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth ist ab dieser Saison Ensemblemitglied am Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als er vergangene Saison das Publikum in den Bezirken mit Alan Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“ zum Lachen brachte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438) , war er noch Gast am Haus. Ab sofort ist Michael Abendroth fixes Ensemblemitglied des Volkstheaters. Der Charakterschauspieler und Theaterregisseur, dessen Karriere ihn von Bochum übers Berliner Ensemble bis ans Düsseldorfer Schauspielhaus führte, spielt in der Saisoneröffnungspremiere „Das Narrenschiff“. Dušan David Pařízek hat Katherine Anne Porters großen Gesellschaftsroman für die Bühne eingerichtet.

Inspiriert von einer Schiffsreise nach Europa und durch die Lektüre von Sebastian Brants „Narrenschiff“ aus dem Jahr 1494 entwirft die Autorin ihren Mikrokosmos. Es ist das Jahr 1931, und Künstler und Kaufleute, Spanier, Amerikaner und vor allem Deutsche, Juden und Nationalsozialisten wollen von Veracruz nach Bremerhafen gelangen. Die Situationen an Bord eskalieren. Viele der Passagiere haben leidvolle Erfahrungen in der Fremde hinter und eine ungewisse Zukunft in Europa vor sich.

In erotisch wie politisch gereizter Atmosphäre lassen sie voreinander die Masken fallen, freiwillig oder erzwungen. So wird die Überfahrt zum prophetischen Lehrstück darüber, wohin nationalistischer Größenwahn, Fanatismus und Rassenhass führen werden. Premiere ist am 9. September. Michael Abendroth im Gespräch:

MM: In der vergangenen Saison waren Sie am Volkstheater noch Gast, waren in „Nora³“ und „Halbe Wahrheiten“ zu sehen, nun sind Sie fixes Ensemblemitglied. Übersiedlung abgeschlossen?

Michael Abendroth: Sozusagen ja (er lacht), ich lebe schon lange in Wien. Da ich Freiberufler war, habe ich mich vor vier Jahren entschlossen, hierher zu ziehen. Meine Mutter war Wienerin, ich habe also sehr viel Bezug zu dieser Stadt, ich fühle mich an der Donau heimisch. Anna Badora und ich haben die Stücke definiert, in denen ich mitwirken werde. Ich bin inzwischen Pensionist und kann mir aussuchen, was ich mache. Ich möchte einfach nicht nur rumsitzen und mich langweilen.

MM: Da haben Sie sich ja gleich das Richtige ausgesucht, denn „Halbe Wahrheiten“ war eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken. Da sind Sie ganz schön rumgekommen. Wie war’s?

Abendroth: Fantastisch! Das war eines meiner schönsten Theatererlebnisse überhaupt. Jeden Tag woanders sein und dabei immer im gleichen Bett schlafen können, das hat schon was. Doris Weiner hat mir erklärt, in welche U-Bahn ich wohin einsteigen muss – und los ging’s. Das Publikum hat uns großartig aufgenommen. Ich habe mich vorher immer in die Foyers gesetzt und mir die Zuschauer angesehen. Die wussten ja nicht, wer ich bin, also konnte ich sie gut beobachten. Es war rührend und liebenswert. Von Ottakring bis Döbling haben sich alle vergnügt. In Liesing hatten wir zwei Vorstellungen, da bin ich zwischendurch zum Billa gegangen und der halbe Laden war mit unseren Zuschauern voll. Das Volkstheater in den Bezirken ist sehr familiär. Ich mag das.

MM: Mit einem Wort, Sie sind schon auf dem Weg zum Publikumsliebling.

Abendroth: Sagen wir lieber, ich liebe das Publikum. Ich bin Publikumsliebhaber. Ich habe mich sofort für die nächste Tournee angemeldet. Das Wiener Publikum ist ein Genuss, das haben wir auch bei „Nora³“ bemerkt, wo die Aufführungen in Wien eine ganz andere Temperatur als die in Düsseldorf hatten. Hier waren die Reaktionen viel emphatischer. Mag sein, dass die Wiener ein tieferes Verständnis für den Aberwitz der Frau Jelinek haben, aber ich glaube, in erster Linie liegt es daran, dass in dieser Stadt so viele theaterverliebt sind.

MM: Wer Sie noch nicht am Theater gesehen hat und trotzdem meint, Ihr Gesicht zu kennen, dem sagen Sie …

Abendroth: Fernsehen, das mache ich nebenbei, „Wilsberg“ oder „Tatort“ vermutlich, da habe ich acht oder neun gemacht. Ich spiele immer die Anwälte oder Ärzte …

MM: Opfer oder Täter?

Abendroth: Das mischt sich. Ich war vor längerer Zeit auch in „Alarm für Cobra 11“, das ist die erfolgreichste Actionserie weltweit, da habe ich eine zwielichtige Doppelrolle gespielt und wurde am Ende erschossen, und vor drei Wochen haben wir wieder gedreht – und wieder hat’s mich erwischt.

MM: Das heißt, man kann Sie für österreichische TV-Krimis empfehlen. Das Fernsehen hierzulande braucht ja auch Leute, die sich gern meucheln lassen.

Abendroth: Ja, ich lass‘ mich jederzeit um die Ecke bringen, wenn die Rolle davor spannend war. Lustig war’s kürzlich: Ich musste eine Bescheinigung für meine Versicherung beibringen, und der Beamte auf der Behörde, der sie ausstellen sollte, meinte launig, nein, das macht er nicht, weil er habe gestern erst gesehen, dass ich erschossen worden bin. Den Ruf habe ich also weg.

In "Halbe Wahrheiten" mit Doris Weiner und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In „Halbe Wahrheiten“ mit Doris Weiner und Christoph Rothenbuchner … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth in "Halbe Wahrheiten". Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… spielte sich Michael Abendroth als seitenspringendes Schlitzohr Philip in die Zuschauerherzen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Ihre große Liebe gehört allerdings dem Theater. Und da haben Sie bemerkenswerte Stationen hinter sich. Zuletzt, weiß ich, haben Sie in Deutschland mit Michael Gruner in Düsseldorf gearbeitet.

Abendroth: Richtig, das war „Die Gerechten“ von Camus, der Kaljajev war 1968 meine erste Rolle am Theater, und nun habe ich ihn wieder gespielt. Die Idee von Michael Gruner war, es retrospektiv mit alten Schauspielern zu machen, ich war der jüngste Alte. Eine sehr schöne Arbeit, und die Leute mochten es sehr. Ich war lange in Düsseldorf, woher ich auch Anna Badora kenne, davor Frankfurt in den Zeiten der Mitbestimmung unter Neuenfels, Bochum bei Zadek, lange Zeit in Nürnberg bei Hansjörg Utzerath … da ist auch meine ältere Tochter geboren, die im Juni geheiratet hat. Ach, das ist alles schon hundert Jahre her …

MM: Hat sich das Theater verändert?

Abendroth: Ich kenne es autoritär, dann haben wir uns rückwirkend betrachtet oft überflüssig die Mitbestimmung erkämpft. Heute habe ich das Gefühl, die können alle sehr viel – technisch, sie sind sehr versiert, sehr gut ausgebildet, bloß sie denken sehr wenig. Das gilt für Regisseure wie für Kollegen. Heute wird viel darüber nachgedacht, wie man welchen Satz am schönsten sagt, aber seltener warum man ihn sagt. Wobei ich explizit meine beiden jungen Kollegen von der Bezirke-Tour ausnehme. Christoph Rothenbuchner und Evi Kehrstephan, das sind zwei gewissenhafte, engagierte, sehr überlegte Darsteller.

MM: Nun folgt am 9. September „Das Narrenschiff“, Regisseur Dušan David Pařízek erstellt die Bühnenfassung nach Katherine Anne Porters Roman. Haben Sie das Buch je gelesen?

Abendroth: Ich kenne doch den Film, da brauche ich das Buch nicht mehr zu lesen! (Er lacht.) Ich lese ungern Romane, die zu Stückvorlagen werden, man ist dann beeinflusst, beginnt zu selektieren, was „wichtig“ ist und was nicht. Dušan ist ein verlässlicher Mann, ich konzentriere mich auf seine Fassung. Ich freue mich sehr über diese Arbeit. Ich habe Dušan in Düsseldorf für „Nora³“ kennengelernt, nun ist es schön, dass wir wieder etwas zusammen machen.

MM: „Das Narrenschiff“ bietet für einen Darsteller, wie Sie einer sind, eine Vielzahl von Rollen: den Nazi-Verleger Rieber, Freytag mit seiner jüdischen Frau, den Schiffsatzr Dr. Schumann, Professor Hutten mit seiner Bulldogge Bébé … Welche werden Sie spielen?

Abendroth: Wir werden vielleicht wandern, werden verschiedene Rollen spielen. Es ist ja sehr personenreich. Für mich ist wichtig, was und mit wem ich arbeite, welche Rolle es dann konkret ist, ist mir zweitrangig, wobei ich prinzipiell natürlich schon besonders gerne die subtil Bösen spiele. Die Stückwahl ist gut: Kurz vor dem Dritten Reich sind Menschen in verschiedensten Lebenslagen auf engstem Raum zusammengewürfelt. Da kann man schlimmerweise einiges an Parallelitäten sehen. Dušan ist ja kein dummer Mensch, der denkt sich da was zur Zeit, auch, wenn wir mit einem Stück nicht die Welt verändern werden. Diese Fahrt von Amerika nach Europa ist eine gedankliche Konstruktion: man muss in das Land fahren, von dem man sich eigentlich wegbewegen sollte, um selber zu sehen, was vor sich geht. Oder besser gesagt: vor sich gehen wird. Man muss am eigenen Leib erleben, wie sich die Gesellschaft verändert, und sei es in kleinsten Details. Das geht mir in letzter Zeit oft durch den Kopf, diese schrecklichen Entwicklungen und Entstellungen.

MM: Sie meinen das jetzt in Bezug auf das Jahr 2016?

Abendroth: Ich bin hier Gast, ich möchte mich in Österreich nicht politisch äußern, deshalb sage ich stellvertretend etwas über Deutschland und die AfD und diese grauenhafte Pegida. Da kriegt man nur Angst. Ich bin überzeugter und glücklicher Europäer. Und Sozialdemokrat. Ich bin 1948 geboren und habe keinen Krieg miterlebt. Diese Errungenschaft des vereinten Europa ist doch ein Geschenk. Dass der Europagedanke nun immer weniger wird, ist ein Wahnwitz, in den gewisse Politiker die Menschen treiben. Von Frauke Petry bis Marine Le Pen ist das ein Typus Machtmensch, den wir Demokraten genau im Auge behalten sollten.

Das Narrenschiff-Ensemble: Lukas Holzhausen, Jan Thümer, Rainer Galke, Anja Herden, Seyneb Saleh, Gábor Biedermann, Bettina Ernst, Sebastian Klein, Katharina Klar, Michael Abendroth und Stefanie Reinsperger. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Passagiere auf dem „Narrenschiff“: Lukas Holzhausen, Jan Thümer, Rainer Galke, Anja Herden, Seyneb Saleh, Gábor Biedermann, Bettina Ernst, Sebastian Klein, Katharina Klar, Michael Abendroth und Stefanie Reinsperger. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

MM: Weckt Dušan David Pařízek in Ihnen Qualitäten, entdeckt er darstellerische Seiten, von denen Sie selber nicht gewusst haben, dass sie in Ihnen stecken?

Abendroth: Ja, insofern, als er mit viel Humor bei den Proben zum Spielen anregt und dabei die verrücktesten Sachen sehen will. Er will, dass wir improvisieren, er ermutigt einen, auszuprobieren, und daraus entstehen dann die Dinge.

MM: Heißt, Sie spielen gerne. Ich hätte Sie eher für einen Kopfmenschen gehalten.

Abendroth: Privat Kopf, beruflich Bauch. Darum bin ich ja zum Theater gegangen, ich bin auf der Bühne für jeden Blödsinn zu haben. Ich habe dank der Begegnung mit wunderbaren Regisseuren, Jürgen Gosch möchte ich da nennen, erfahren, dass man den Kopf beim Spielen vergessen kann. Ich war lange Zeit „schwierig“, aber sie haben mich gelehrt „naiv“ zu sein. Egal, ob man der Lear oder der Mephisto oder die Großmutter in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ist, und alle drei Rollen habe ich schon gespielt, was man für unseren Beruf am meisten braucht, ist Humor. Heute bin ich nur noch rabiat, wenn wirklicher inhaltlicher Unfug bei den Proben passiert, sonst versuche ich ein genügsamer, liebenswerter Mensch zu sein. Fragen Sie die Kollegen.

MM: Nun „Das Narrenschiff“ als Vorlage von Sebastian Brandt betrachtet, zu welcher Narretei der Menschheit bekennen Sie sich?

Abendroth: Das ist mir zu privat (er lacht). Ich habe eine Frau in Bulgarien, sie ist Romni, und mit ihr eine kleine Tochter, meine kleine Valencia, das ist doch Narretei genug. Ich kurve mit dem Auto die tausend Kilometer nach Sofia so oft es geht. Unser Plan ist, dass sie nach dem Sommer endlich zu mir nach Wien übersiedeln.

MM: Sie führen auch Regie ...

Abendroth: Ich inszeniere alle drei Jahre bei den Wallensteinfestspielen in Altdorf Schillers „Wallenstein“ mit Laiendarstellern. Das ist mir Regie genug. Ich finde es schwierig, an einem Theater, an dem ich schauspiele auch zu inszenieren. Da wissen die Kollegen dann nie, wie sie einen ansehen sollen, mal als Bühnenpartner, mal als Regisseur. Am Volkstheater muss sich diesbezüglich also niemand fürchten. Das heißt … wenn ich morgen eine Idee hätte, würde ich sie Anna Badora schon vorstellen. Aber eigentlich möchte ich mich aber auf das konzentrieren, das mir Spaß macht, das Spielen.

MM: In diesem Sinne: Was kommt denn noch außer dem „Narrenschiff“?

Abendroth: Ich bin für vier Inszenierungen vorgesehen, eine davon mit Anna Badora als Regisseurin. Kurze Pause. Dafür, dass ich wie gesagt schon Pensionist bin, arbeite ich eigentlich ganz schön viel. (Er lacht.)

www.volkstheater.at

Wien, 31. 8. 2016