Musiktheatertage Wien 2016: Das Programm

August 17, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Will Selfs „The Butt“ bis zur Smartphone-Oper

Opera of Entropy. Bild: Sascha Osaka

Opera of Entropy. Bild: Sascha Osaka

Ab 30. August finden im Werk X wieder die Musiktheatertage Wien statt. Diesjähriger Themenschwerpunkt ist „Weltflucht“: Sechs Produktionen sollen Tore zur Flucht aus dem Alltag öffnen –  von Oper, interdisziplinärem Markt und instrumentalem Theater bis hin zu einem Smartphone-Projekt.

Die Eröffnungsproduktion „Opera of Entropy“ beleuchtet allgemeine Tendenzen zu immer größerer Unordnung aus verschiedensten Disziplinen, unter Mitwirkung einer Reihe von Wissenschaftlern wie dem Mathematiker Max Hoffmann und Künstlern wie dem Salzburger Multipercussionist David Christopher Panzl und der Cellistin Mela Marie Spaemann. Jorge Sanchez-Chiong ist für die Komposition verantwortlich, Thomas J. Jelinek führt Regie.

Susannah Self und der künstlerische Leiter des Festivals, Regisseur Thomas Desi, werden auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Will Self am 2. September die Oper “ The Butt“ uraufführen. Tom Brozinski, im Urlaub mit seiner Familie, wollte eigentlich nur mit dem Rauchen aufhören. Als er seine letzte Zigarette über den Balkon entsorgt, brennt der Zigarettenstummel dem betagten Nachbarn ein Loch ins Haupthaar. Nicht nur fällt der Alte danach in ein Koma, sondern die exotischen Gesetze des Landes unterstellen dem Urlauber sogar Mordabsichten. Ein kafkaesker Prozess verurteilt Tom zu einer chirurgischen Operation … im Hirn.

Will Selfs Roman ist eine Satire über die westliche Kultur und ihre nicht selten vereinnahmende Haltung gegenüber anderen Kulturen. Angesiedelt in einem nicht näher bezeichneten Land mit kriegerischen Aufständen, von Europa weit entfernt, gelten dort andere Regeln der Traditionen. In „The Butt“ bringen die Widersprüche zwischen westlichem Denken und den moralischen Maßstäben der Einwohner den einfachen Touristen Brodzinski in einen fatalen Konflikt. Die Komponistin Susannah Self verwendet bitonale Elemente, um das Paradoxe dieser Geschichte zu musikalisieren.

Ausnahmemusiker Bertl Mütter kreiert für die Premiere am 3. September unter dem Titel „Operan! Übers Entkommen“ ein „siebenszenisches Musiklaboratorium“ zum Thema, mit dem Tenor: Entkommen ist nicht gleich Entkommen, es kann mit knapper Not geschehen oder Eskapismus sein. Das Maladype Theater Budapest ist ab 8. September mit Laszlo Sárys Oper „Great Sound in the Rush“ zu Gast. Musikalische Spiele und die Parodie auf klassische Opern bieten einen eigenwilligen Austausch zwischen zeitgenössischem Theater und neuer Musik.

Great Sound in the Rush. Bild: Maladype 2015

Great Sound in the Rush. Bild: Maladype 2015

H/A/U/T. Bild: Andreas Kurz

H/A/U/T. Bild: Andreas Kurz

Eine Smartphone-Oper für Publikum ist Thomas Desis für das Festival konzipiertes Werk. Followers aus dem Netz treffen sich für eine reale Performance, die durch eine Smartphone App dirigiert wird. Die „Smartopera“ thematisiert die Frage des „Benehmens im öffentlichen Raum“. Der erste Akt spielt sich ausschließlich im Netz ab, Follower werden eingeladen in sozialen Netzwerken „Handlungsanweisungen im öffentlichen Raum”, zum Beispiel Gebots- und Verbotsschilder, Anweisungen, Aufschriften, Logos, und damit verbundene Erlebnisse und Vorgänge oder Beobachtungen zu dokumentieren. Die werden auf einem Tumblr-Blog gesammelt und in den sozialen Netzwerken am Laufen gehalten. Der zweite Akt ist der Download der iOS/Android-App. Mit dieser wird ab 3. September die reale, etwa einstündige Performance im Werk X als dritter Akt via Smartphone komponiert, dirigiert und inszeniert. Aus Followern sollen so Teilnehmer werden – nach Voranmeldung unter smart@eineartoper.at.

In H/A/U/T schließlich spielen Rose Breuss, Jagoda Szmytka und Phace ab 9. September mit Klängen, Bildern und Geräuschen und nehmen die Körperlichkeit von Klang in den Blick. Begleitet wird das Festival auch diesmal von Talks, Publikumsgesprächen, einem Schauspiel-Workshop unter der Leitung von Zoltán Balázs sowie einem Abend unter dem Motto Escapismus Strand. Als erstes Opernfestival Österreichs stellen die Musiktheatertage Wien komplett auf „Pay as you wish“ um und laden das Publikum damit zu einem kulturpolitischen Akt ein. Damit es nicht zu einer Frage des Geldes wird, dabei sein zu können.

www.mttw.at

Wien, 17. 8. 2016