Salon5 am Thalhof: Power To Hurt

August 13, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Raphael von Bargen rockt William Shakespeare

Raphael von Bargen. Bild: Andrea Klem

Raphael von Bargen schlüpft in die Rollen von Shakespeares Verliebten und Verbrechern. Bild: Andrea Klem

Der Salon5 hat zum Shakespeare-Jahr seine Produktion „Power To Hurt“ gepimpt und zeigt in seinem Sommerquartier am Thalhof nun eine erweiterte Version. Komponist und Sound-Designer Christian Mair hat gemeinsam mit Schauspieler Raphael von Bargen Texte des britischen Barden vertont. Dunkel-schillernde Bluesballaden und auch ein paar Punkrocksongs sind so entstanden, die die beiden live – Mair an Gitarre, Bass und Keyboard, Bargen als Sänger, mit Saxophon und Klarinette – performen.

Regisseurin Anna Maria Krassnigg fügte dem Abend eine Kinobühnenschau hinzu, im Vorjahr hat sie diese alte Kunstform für „La Pasada“ höchst erfolgreich wiederbelebt, nun zeigt sie traumhafte Bilder von mystischen Orten, die mit den Worten Shakespeares in perfekte Korrespondenz treten. Generell hat das Ganze Gothic Chic.

„Power To Hurt“ bezieht sich auf Sonett Nr. 94 aus „Richard III.“, es ist der Auftakt des Programms, und mit Verbrechern und Verliebten geht es weiter, mit Menschen außerhalb der gesellschaftlichen Norm, mit deren Leid und Lust und Grausamkeit. Bargen singt von der Macht und der Willensstärke sich und andere zu verletzen, von den Dramen Richard II. bis Macbeth bis zu den schönsten Sonetten. Das berühmte „Shall I Compare“ (Nr. 18) ist ebenso dabei wie das doppelbödige „My Name Is Will“ (Nr. 136), Bargens Lieblingsstück, wie er in einem Interview mit Norbert Mayer sagte. Richard II. klagt über „King’s Pain“ und Richard III. über den „Glorious Summer“ des Sohnes – und nicht wie auf Deutsch meist übersetzt der Sonne – Yorks.

Bargens Bühnenpräsenz zieht einem schier den Boden unter den Füßen weg. Mit Rockstar-Attitüde bestreitet er sein Konzert, sein Timbre verwandt dem eines Whitfield Crane. All die verlorenen Seelen Shakespeares scheint er wiedergefunden zu haben, wie er da kreischt und greint und nach Vergeltung ruft und um Gnade winselt, die von ihm gestalteten Figuren sind von allen guten Geistern längst verlassen und von ungezählten bösen gejagt. Dazwischen gibt er sich erotisch-zotig, lässt die Hüften kreisen, und die Gedanken der Zuhörer, wenn er von rotem Licht bestrahlt das frivole „Roses Are Red“ zum besten gibt.

Deutsch gesprochene „Dialoge“ hat Krassnigg dazu neu eingefügt. Shakespeares Fair Boy, die Sonette 1 bis 126 richten sich offensichtlich an einen jungen Mann, in der Tradition Petrarcas die Verkörperung einer übersexuellen, reinen Liebe, und die später als überaus irdische Verführerin eingeführte Dark Lady dürfen auftreten. Als Bargens weißes und schwarzes Handschuhgesicht, sozusagen die rechte Hand Gottes und die linke des Teufels, kommentieren sie das Geschehen, spotten über die Nöte und Zwänge der Shakespeare’schen Charaktere und treten in einen heißen Disput über Wert und Wollen seiner Minnegesänge. So sorgen sie für den heiteren Part des Abends.

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Den das Publikum am Ende endlich heftig akklamiert. Während des Auftritts nämlich hat es sich jede Gefühlsregung verboten, und dass angesichts eines glänzenden Performers auf der Bühne, der dort sein Innerstes nach außen stülpte. Doch es schien fast, als hätten Schlegel-Tieck ihre bildungsbürgerlichen Skelettfinger aus dem Grab erhoben, um das Auditorium zu ermahnen: Du sollst bei Shakespeare weder johlen noch juchzen noch mit den Füßen trampeln noch mit dem Kopf wippen. Wobei das dem wilden Will doch sicher gefallen hätte. Wer also noch aus Fleisch und Blut ist, raus an den Thalhof. Raphael von Bargen rockt das Haus. Cheers, Baby!

Weitere Vorstellungen am 13. und 14. August.

Trailer: vimeo.com/174442456     vimeo.com/174442675     vimeo.com/175189299

Anna Maria Krassnigg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20807

salon5.at

Wien, 13. 8. 2016