Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

August 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

 Eine Satire als Plädoyer gegen den Krieg

bild 1„Hört mal her: Billy Pilgrim hat sich aus dem Lauf der Zeit gelöst.“ So beginnt die Geschichte und sprunghafte Zeitreise von Billy Pilgrim. Kurt Vonneguts Roman „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“, einer der wichtigsten Antikriegsromane der Weltliteratur und Meisterwerk der amerikanischen Postmoderne, 1969 erstmals veröffentlicht, ist nun endlich in neuer Übersetzung von Gregor Hens bei Hoffmann und Campe erschienen. Ein Antikriegsbuch mit jeder Menge Science Fiction, autobiografisch und eine Satire über die USA, streckenweise sehr traurig und doch komisch. Was macht der Krieg mit einem Menschen? Was machen die Bilder und Erinnerungen? fragt das Buch, das ein Kaleidoskop des Irrsinns und des Absurden entwirft und nicht nur die Zerstörung einer Stadt, sondern auch die eines Menschen beschreibt.

Auf 240 Seiten folgt man dem abenteuerlichen Leben Billy Pilgrims, der durch alle Phasen und Episoden seines Lebens driftet. Er hat als US-Soldat die Ardennenoffensive und als deutscher Kriegsgefangener das Bombeninferno von Dresden 1945 in einem ehemaligen Schlachthof (Nummer 5) überlebt. Zurück in seiner Heimat fällt er aus der Zeit, er bewegt sich zwischen den verschiedenen Episoden seiner Biographie: der Hochzeitsnacht und dem Kriegsgefangenenlager, einer Nervenheilanstalt und einem ehemaligen Schlachthof in Dresden, einer behäbigen Existenz als Optiker und einem Zoogehege auf dem Planeten Tralfamador, wo Billy Pilgrim als Spezies Mensch ausgestellt wird. „Wie das so ist.“ Ein Satz, der den Leser das ganze Buch hindurch begleitet.

Als Soldat ist Billy völlig ungeeignet, trotzdem schlägt er sich als wahrhaft reiner Tor durch die Gräuel und Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges, während andere Kameraden sterben, etwa Edgar Derby, der am Schluss wegen Plünderung verurteilt und erschossen wird, oder Roland Weary, der Billy mehrmals das Leben rettete. Und dann gibt es noch das Schlüsselerlebnis: die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 durch die Alliierten. Ein Ereignis, das weder Billy noch Autor Vonnegut je wieder loslässt. „Der Himmel war schwarz vor Rauch. Die Sonne war ein winziger, grimmiger Knopf. Dresden glich einer Mondlandschaft, die Stadt bestand nur noch aus Mineralien. Die Steine waren heiß. Alle Bewohner des Viertels waren tot. Wie das so ist … Der Zweck des Ganzen war, den Krieg schneller zu beenden.“ Bei der Bombardierung der Stadt und dem nachfolgenden Inferno kamen mindestens 25.000 Menschen ums Leben, zum Großteil Zivilisten. Für viele US-Militärs ist diese Episode des Zweiten Weltkrieges immer noch tabu, umso bemerkenswerter, dass Vonnegut sie aufgriffen und zu einem wichtigen Teil seines Romans gemacht hat.

„Schlachthof 5“ ist ein Plädoyer gegen den Krieg, in dem die Soldaten, viele kaum dem Kindesalter entwachsen, ihre Unschuld verloren haben – ob im Zweiten Weltkrieg oder in Vietnam oder im Kinderkreuzzug von 1212, als Tausende von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Deutschland und Frankreich unter der Leitung visionärer Knaben zu einem unbewaffneten Kreuzzug ins Heilige Land aufbrachen. Viele starben beim Marsch über die Alpen oder ertranken bei Schiffbrüchen, andere wurden in Nordafrika als Sklaven verkauft. Palästina erreichte niemand. Nur wenige kehrten wieder in ihre Heimat zurück. Vonneguts Sprache ist voller lebendiger Bilder, manchmal grausam und schockierend, aber auch witzig. Der Vietnamkrieg – das Buch wurde wie gesagt knapp vor 1969 geschrieben – hinterließ seine Spuren.

Zwischen seinen Kriegserlebnissen reist Pilgrim immer wieder in seinem Leben vor und zurück, auch ins Jahr 1967, als ihn die fliegende Untertasse aus Tralfamador verschleppte. Eine Entführung von Außerirdischen, die ihm allerdings niemand abkauft. Er schildert eine Zivilisation, die sich ebenfalls zwischen den Zeiten bewegt und ihr eigenes Ende kennt, indem sie das gesamte Universum in die Luft fliegen lässt. An manchen Tagen haben sie Frieden, an manchen Tagen Kriege. „Wir können nichts gegen sie ausrichten, deshalb vermeiden wir einfach, sie anzusehen. Wir ignorieren sie. Wir bringen eine Ewigkeit damit zu, die angenehmen Augenblicke zu betrachten“, erklärt ein Wärter Billy. Wie das so ist!

Am Schluss des Buches besucht der Autor – im Roman trifft er in deutscher Gefangenschaft in der Stadt auf Billy – mit einem ehemaligen Kameraden noch einmal Dresden, viele Jahre nach dem Krieg. Auch Billy Pilgrim kehrte in die Stadt zurück. Aber nicht in die Gegenwart, sondern in das Dresden, zwei Tage nach der Zerstörung 1945. Auf den letzten Seiten des Romans schildert Vonnegut aus Billys Sicht in erschütternden Bildern, eine einst blühende barocke Metropole, die nun „einer Mondlandschaft gleicht“. „Nichts rührte sich dort draußen, es gab keinerlei Verkehr. Nur ein einziges Fahrzeug stand da, ein zurückgelassener Karren mit zwei Pferden. Der Karren war grün und sargförmig. Vögel zwitscherten. Ein Vogel sagte zu Billy Pilgrim ,Tschilp-tschilp?‘“

Über den Autor:
Kurt Vonnegut wurde 1922 in Indianapolis geboren, seine Vorfahren stammen aus dem westfälischen Münsterland. Anfang 1943 meldete er sich als Freiwilliger zur US Armee und geriet während der Ardennenoffensive in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Bombardierung Dresdens erlebte er im Keller eines früheren Schlachthofs, eine Erfahrung, die in seinen Roman „Schlachthof 5“, der ihn 1969 weltbekannt machte, einfloss. An Kurt Vonneguts Haustür in New York hing bis zu seinem Tod 2007 ein Schild mit der Aufschrift: „Sei, verdammt noch mal, freundlich.“

Hoffmann und Campe, Kurt Vonnegut: „Schlachthaus 5 oder Der Kinderkreuzzug“, Roman, 240 Seiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Hens.

www.hoffmann-und-campe.de

Wien, 11. 8. 2016