Boualem Sansal: 2084. Das Ende der Welt

August 10, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Grandiose Dystopie einer religiösen Diktatur

bild1„Die Welt von Biyaye, die ich auf diesen Seiten beschreibe, ist ein Werk reiner Erfindung, sie existiert nicht, und es gibt keinen Grund dafür, dass sie in Zukunft existieren wird, so wenig wie die von Meister Orwell vorgestellte Welt des Big Brother, von der er so wunderbar in seinem Weißbuch 1984 erzählt hat, zu seiner Zeit existierte, in unserer existiert und wirklich keinen Grund hat, in Zukunft zu existieren. Schlaft ruhig, brave Leute, alles ist völlig falsch und der Rest ist unter Kontrolle.“ So beginnt Boualem Sansals neues Meisterwerk „2084. Das Ende der Welt“, die Vision einer religiösen Diktatur, dystopischer Horror, den die aktuellen Ereignisse leider schon längst eingeholt haben.

Der Autor zeichnet eine Welt und ein Regime, das auf der religiösen Überhöhung einer Ideologie beruht und sich die Suche des Individuums nach persönlichem Glück auf erschreckende Weise zunutze macht: Das vom System auferlegte Streben nach spiritueller Erleuchtung diktiert das Leben eines jeden Bürgers und wird zum Motor der Gemeinschaft.

Auf knapp 280 Seiten begleitet der Leser den Hauptprotagonisten Ati auf seinem Lebens- und Läuterungsweg. Es beginnt in einem Sanatorium in einem abgelegenen Gebirgsmassiv, weit abseits der Zivilisation, deren es, so wollen es die Herrschenden von Abistan, nur eine gibt. Abistan heißt dieses „Land der Gläubigen“, das in einer unbestimmten Zukunft aus den Trümmern des „Großen Heiligen Krieges“ hervorging und dem allmächtigen Gott Yölah huldigt. Dessen Statthalter auf Erden ist Abi. Zwar hat kein Abistaner diesen „höchsten Führer der Welt“ je gesehen. Doch soll Abi unsterblich sein. Abgeschirmt von der Welt, lebt er angeblich in einem Palast, geschützt von einem brutalen Staatsapparat, der auch über seine Bürger wacht und schon im Keim jede Form der Kritik unterbindet. Individuelles Denken ist abgeschafft. Eine allgegenwärtige Elite unter Führung von Abi steuert das Leben und verhindert abweichendes Handeln. Wer trotzdem „denkt“, droht bei Zirkusspielen hingerichtet zu werden. Denn die drei Leitsätze der Regierung lauten: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit Stärke.

Im Gebirge kuriert der Held sein Lungenleiden aus. Allerdings ist Ati auch ein kritischer Geist (warum, erzählt uns der Autor jedoch nicht). Er nimmt mysteriöse Zeichen wahr, fängt Gespräche auf und beginnt das politische System seiner Welt zu hinterfragen und schließlich in Frage zu stellen. Zwei Jahre dauert seine Genesung bis er schließlich wieder in die Hauptstadt Qodsabad zurückkehren kann. Zuhause geht er wieder seinem alten Leben und seiner Arbeit als Beamter nach – ohne Fragen zu stellen. Die revolutionären Gedanken scheinen vergessen: „Es gibt keine mögliche Revolte in einer geschlossenen Welt, aus der kein Ausweg existiert. Der wahre Glaube liegt in der Hingabe und der Unterwerfung, Yölah ist allgewaltig und Abi ist der unfehlbare Hirte der Herde“, so die Maxime. „Das dichte System von Einschränkungen und Verboten, die Propaganda, Predigten, kulturelle Verpflichtungen, das rasche Aufeinanderfolgen der Zeremonien, die zu entfaltenden persönlichen Initiativen, die so wichtig für die Notierung und Gewährung von Privilegien waren …, all das sorgt dafür, dass die Menschen keine Zeit zu denken hatten.“

Der in seiner Heimat von den religiösen Kreisen heftig angefeindete algerische Autor hat mit „2084. Das Ende der Welt“ ein beklemmendes Porträt einer theokratischen Herrschaft geschrieben, wo Geduld, Gehorsam und Unterwerfung gepredigt werden, Museen, ebenso wie Musik und Literatur verboten sind. Die einzige erlaubte Schrift ist das heilige Buch Gkabul. Wer die Gesetze missachtet, seine Nachbarn nicht ausspioniert oder öffentliche Hinrichtungen schwänzt, wird vom Komitee für Moralische Gesundheit aufs Grausamste bestraft.

Alles Wissen über Zivilisationen, die in einem mehrere Jahrzehnte dauernden „Großen Heiligen Krieg““ vernichtet wurden, ist ausgelöscht. Am Ende des Krieges war der Feind einfach verschwunden. Keine Spuren seines Aufenthalts im Land wurden gefunden. Der Sieg über ihn war „total, endgültig, unwiderruflich“, so die offizielle Lesart. Das Datum 2084, auf „Gedenktafeln nahe den Überresten“ stehend, weiß niemand zu deuten. „Hatte es einen Bezug zum Krieg? Vielleicht. Es war nicht klar, ob es dem Anfang oder dem Ende einer besonderen Epoche des Konflikts entsprach.“ Wie auch immer, 2084 war ein Gründungsdatum für das Land, auch wenn niemand wusste, worauf es verwies. Die Bewohner Abistans sind in eine dumpfe, freudlose Existenz gezwungen worden. Das Land bereisen kann man ausschließlich in einer Pilgerfahrt, streng bewacht. Die Wächter der „Gerechten Brüderlichkeit“ lassen jeden exekutieren, der im Zweifel steht, vom Glaubenspfad abzuweichen.

Offiziell heißt es, die Menschen leben einvernehmlich und im guten Glauben. Doch Ati, hinterfragt die vorgegebenen Direktiven (Ähnlichkeiten mit Orwells Klassiker „1984“ sind unübersehbar und vom Autor auch gewünscht): Er macht sich auf die Suche nach einem Volk von Abtrünnigen, das in einem Ghetto lebt, ohne in der Religion Halt zu suchen. Und Ati ist nicht allein. Er lernt Nas kennen, einen Beamten, der ein bei Ausgrabungen entdecktes völlig intaktes antikes Dorf untersuchen und Antworten auf Fragen finden sollte, die das gesamte Regime in Aufruhr versetzen und die symbolischen Grundlagen von Abistan revolutionieren könnten. Denn wie konnte es dem Großen Heiligen Krieg und den anschließenden Verwüstungen entgehen? Wieso wurde es nicht früher entdeckt? Das hieße aber, dass der Apparat sich geirrt hätte und fehlbar wäre und sich Leute der Rechtsprechung von Yölah entzogen hätten.

In Koa, dem Enkel eines großen verstorbenen Predigers findet er einen Gleichgesinnten, einen Suchenden nach Antworten. Gemeinsam beginnen sie ihre Welt zu erkunden: Ihr Viertel, die Ghettos, das Zentrum der Macht, umsäumt von hohen Mauern und für Normalsterbliche tabu. Vorsichtig, doch mit der Zeit immer mutiger werdend, wollen sie dem Geheimnis Abistans auf die Spur kommen. Denn einmal mit dem Gedanken der Freiheit infiziert, entlarven sie Schritt für Schritt das politische System als riesiges Lügengespinst: Abistans Religion ist Fiktion, ausgedacht von zynischen Clans, die sich in einem erbitterten Machtkampf befinden. Dabei erhalten sie zwar Hilfe von mächtigen „Freunden“, die sie aber nur für ihre eigenen Machtspiele missbrauchen. Das Regime wird erschüttert, aber es stürzt nicht. Am Ende triumphiert die Unwissenheit über das Wissen, das auch nur weiterhin einige wenige besitzen. Doch kann ein Regime/eine Religion sein Volk auf ewig mit Bespitzelung, Terror und religiösem Fanatismus ruhig halten? Ati selbst geht seinen Weg weiter. Er will Antworten und sucht die Grenze seiner Welt, wie im Epilog erzählt wird. Was wird er dahinter finden? Dieser Teil ist allerdings, wie der Autor meint, mit größter Vorsicht zur Kenntnis zu nehmen, „da die Medien von Abistan in erster Linie Instrumente geistiger Manipulation im Dienste der Clans sind.“

Sansals Vision ist faszinierend und beunruhigend zugleich – in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche mahnt sie zu gelebter Brüderlichkeit, toleranter Demokratie und einsichtiger Freiheit. Ein hochbrisantes Buch, das genügend Diskussionsstoff bietet, und auch in seiner Sprache überzeugt. Unbedingt lesenswert.

Über den Autor:
Boualem Sansal, 1949 in Téniet el Had geboren, verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter, ist Ingenieur und Ökonom und war bis zu seiner Entlassung im Frühjahr 2003 Direktor des algerischen Industrieministeriums. In Frankreich, wo Sansal für seine Romane vielfach ausgezeichnet wurde (u.a. Prix du Premier Roman und Prix Louis-Guilloux), gilt er als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller. Im Herbst 2011 wurde Sansal mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Auch wenn er von der algerischen Regierung angefeindet wird, lebt der Autor noch immer in Algerien.
Weitere Lesetipps: „Der Schwur der Barbaren“, „Erzähl mir vom Paradies“, „Rue Darwin“ und „Harraga“.

Merlin, Boualam Sansal: „2084. Das Ende der Welt“, Roman, 288 Seiten. Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky.

www.merlin-verlag.com

Wien, 10. 8. 2016