Karin Leukefeld: Syrien zwischen Schatten und Licht

August 9, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Land als Spielball der Mächtigen

buch 1Im Mai 1916 haben die beiden Diplomaten François Georges-Picot aus Frankreich und Sir Mark Sykes aus Großbritannien ihr Werk nach einem Jahr Arbeit vollendet. Das gleichnamige Geheimabkommen wird unterzeichnet. Es teilt die bisherigen osmanischen Provinzen Großsyrien oder Syrien-Palästina und Mesopotamien in Mandatsgebiete für Großbritannien und Frankreich auf. Sykes und Picot zogen „Linien im Sand“ von der Hafenstadt Akre bis zur Ölstadt Kirkuk, um ihre Interessen gegeneinander abzustecken. Frankreich wurde Mandatsmacht über Syrien und den Libanon, Großbritannien über die neu entstandenen Länder Irak und Transjordanien. Jerusalem wurde unter internationale Kontrolle gestellt. Die lokale Bevölkerung hatte nichts mitzureden. Sie wurde vor vollendete Tatsachen gestellt.

Großbritannien betrieb jedoch ein doppeltes Spiel: In einem als „Hussein-McMahon-Korrespondenz“ bekannt gewordenen Briefwechsel  aus den Jahren 1915/16 stellte der damalige Hochkommissar Großbritanniens in Kairo, Henry McMahon, dem Führer der Araber im Hejaz und Hüter der Heiligen Stätten von Mekka, dem Sherif Hussein ibn Ali, die Gründung eines unabhängigen arabischen Staates in Aussicht, sollten sie an der Seite der Briten kämpfen. Hussein hielt sein Wort und startete im Juni 1916 die Arabische Offensive gegen das Osmanische Reich, unterstützt vom britischen Offizier und Geheimdienstagenten T. E. Lawrence, Großbritannien nicht. Dafür versprach die Regierung Seiner Majestät in der Balfour-Erklärung der Zionistischen Weltbewegung eine „jüdische Heimstätte in Palästina“.

Die auf das Sykes-Picot-Abkommen basierenden neu entstandenen Nationalstaaten – Irak, Jordanien, Syrien – sollten im Auftrag des Völkerbundes von den beiden Kolonialmächten der damaligen Zeit unter einem Mandat zu Unabhängigkeit geführt werden. Doch anstelle von Freiheit und Demokratie brachte es Gewalt, Terror und Leid. Die Korrespondentin Karin Leukefeld berichtet in ihrem aktuellen Buch „Syrien zwischen Schatten und Licht. Menschen erzählen von ihrem zerrissenen Land“ vom Scheitern dieses Auftrags. Sie erzählt von wiederholten Aufständen und Versuchen der Syrer, ihre Unabhängigkeit zu erreichen und die immer neuen Bestrebungen regionaler und internationaler Akteure, die Entwicklung Syriens nach eigenen Interessen zu formen.

Unzählige Staatsstreiche kennzeichnen seit 1946 die Geschichte des Landes, das einst ein Schmelztiegel der verschiedensten Völker und Religionen, Moslems, Christen, Drusen, Kurden, war, die keine Grenzen kannten und friedlich nebeneinander lebten. Doch ausländische Einmischung und religiöser Fanatismus und Extremismus wie vom Islamischen Staat (IS) ausgeübt haben Syrien heute, 70 Jahre nach seiner Unabhängigkeit, zu einem Trümmerhaufen gemacht. Vom viel gepriesenen Arabischen Frühling  des Jahres 2011 ist nichts geblieben. Die Leidtragenden sind Millionen von Menschen, die auf der Flucht vor Gewalt, Tod und Folter sind. Manche von ihnen wurden bereits mehrmals in ihrem Leben vertrieben, ob von den Israelis, den libanesischen Milizen oder dem Islamischen Staat.

Ganze Landstriche sind verwüstet, die Infrastruktur in weiten Teilen des Landes zerstört. Und ein Ende der Kämpfe scheint nicht in Sicht, ist Leukefeld pessimistisch. Selbst wenn die Kämpfer des IS endgültig besiegt werden sollten, bleibt immer noch das Problem, was mit dem diktatorisch regierenden Assad-Clan, der seit 1970 die Macht in seinen Händen hält – seit 2000 ist Bashar al-Assad Präsident -, geschehen soll. Für die USA und den Westen ist klar: Assad muss weg, anders sieht es der jahrzehntelange Verbündete Russland.

Was Leukefelds Buch zu etwas Besonderen macht: Neben einer umfangreichen Chronologie und Darstellung der historischen Ereignisse der letzten 100 Jahre (das Assad-Regime könnte allerdings kritischer beleuchtet werden, ebenso sollte die Politik Israels als einer der „Main Players“ der Region vielschichtiger dargestellt werden) sowie einem auch für Laien verständlichem Glossar, kommen zwischendurch vor allem die betroffenen Menschen selbst zu Wort.

Etwa Antoun Saadeh, der Gründer der SSNP (Syrische Sozial-Nationalistische Partei), der verraten und 1949 ermordet wurde. Ali Boray, der während des Sechs-Tage-Krieges 1967 mit seiner Familie vertrieben wurde, als die israelische Armee die Golanhöhen besetzte. Die Damaszener Kunsthandwerker wie der Kupferschmied Radwan al-Taween, deren wirtschaftliche Existenz durch die Kampfhandlungen bedroht ist. Oder Gabriele und Schafik Hamzé, die Projekte für Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen haben, und von Kämpfern der Al-Nusra-Front, einer islamischen Kampfgruppe, die 2011 in Syrien entstand, entführt wurden und die für sie Lösegeld forderten. Menschen, die in Frieden gelebt, vertrieben wurden und immer wieder alles verloren haben. Auch wenn die Schicksale unterschiedlich scheinen, eines haben alle gemeinsam: Sie wollen wie die meisten nur in Frieden und Sicherheit leben.

Die von der Autorin in jahrelangen Recherchen zusammengetragenen Zeitzeugenberichte über Leben, Hoffnungen und Scheitern in Syrien zwischen 1916 und 2016 ermöglichen so Einblicke in ein Land, das erneut zu zerbrechen droht, so der wenig hoffnungsvolle Blick der Nahost-Korrespondentin in die Zukunft. Am Ende hat der 28-jährige Safwan das Wort: „Aber eines Tages wird das Chaos vorbei sein, und dann werden es die Frauen sein, die Syrien wieder aufbauen. Die Männer sind tot, im Gefängnis, oder sie haben das Land verlassen. Aber die Frauen sind hier, sie werden Syrien wieder aufbauen.“

Über die Autorin:
Karin Leukefeld, geboren 1954, Studien der Ethnologie, Geschichte, Islam- und Politikwissenschaften. Berichtet seit 2000 als freie Korrespondentin aus dem Nahen Osten für deutschsprachige Tages- und Wochenzeitungen, ARD-Hörfunk und Schweizer Radio. Seit 2010 ist die Journalistin in Syrien akkreditiert.

Rotpunktverlag, Karin Leukefeld: „Syrien zwischen Schatten und Licht“, Sachbuch, 336 Seiten.

www.rotpunktverlag.ch

Wien, 9. 8. 2016