Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch

Juni 23, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Deckname Holec“ zeigt Helmut Zilk als ČSSR-Spion

Franz Novotny, Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm / Dieter Nagl

Der Regisseur und sein Hauptdarsteller auf dem Filmset in Wien: Franz Novotny und Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm / Dieter Nagl

Am 29. Juli kommt mit „Deckname Holec“ der jüngste Film von Franz Novotny in die Kinos. Johannes Zeiler spielt darin Helmut Zilk in seiner Zeit als ORF-Direktor. Rund ums Jahr 1968, als Zilk mit „Stadtgesprächen“ in Prag Furore machte, soll er Informant für den tschechischen Geheimdienst gewesen sein. Von diesen Begebenheiten berichtet jedenfalls der tschechische Filmemacher Jan Němec in seiner Kurzgeschichte „Italská Spojka“, an der sich Novotnys Drehbuch orientiert. Im Film sieht Honza, ein junger tschechischer Regisseur, im Original eben Němec, der gerade die ersten Bilder des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag gefilmt hat, in Zilk die Chance, der Welt von dem Unrecht, das der ČSSR widerfährt, zu berichten.

Der systemkritische Filmemacher, dessen letzter Film von der Zensur verboten wurde, versucht die brisanten Aufnahmen nach Wien zu bringen. Was er nicht weiß: Zilk steht schon längst im Fokus des tschechischen Geheimdienstes. Denn dessen Faible für die aufstrebende Schauspielerin Eva, pikanterweise Honzas Geliebte, ist auch dem Agenten Nahodil nicht entgangen und ein schöner Grund, Zilk zu erpressen. Der soll anstelle realer Tatsachen gefälschtes Propagandamaterial senden und die sowjetische Okkupation im ORF als Befreiung verkaufen … Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch:

MM: Der Film ist spannend wie von John le Carré erfunden. Aber warum zeigen Sie ihn ausgerechnet jetzt?

Franz Novotny: Warum nicht? Man kann zwei pudernde Heuschrecken mit guter Musik als Kinofilm darstellen, sie sind zeitlos. Die Charakterbewegungen und Entwicklungen von Menschen sind auch zeitlos. Wir zeigen keine Geschichte, die 1968 spielt, sondern eine prototypische Charakterhaltung, das ist die Essenz des Films. Ob es tatsächlich so war, wie es bei uns ist, ist letztlich wurscht. Wie sagt Don Quichotte? Tatsachen sind der Feind der Wahrheit. Und die Klitterung der Geschichte ist stärker als eine dokumentarisch akribische Nacherzählung von einstigen Begebenheiten.

Johannes Zeiler: Mit einem Wort: Fiktion von Franz Novotny ist stärker als Realität.

MM: Trotzdem, Sie werden dem Publikum damit doch etwas sagen, ihm etwas mit auf den Weg geben wollen.

Novotny: Es ist nicht meine Aufgabe zu sagen, was der Film sagen soll, aber ich kann es versuchen. Der Film könnte sagen, zur richtigen Zeit muss man das Richtige machen, vor allem, wenn man zuerst das Falsche gemacht hat. Na? Auf uns umgelegt heißt das, Helmut Zilk macht dann doch das Richtige, er verrät nicht den Urheber des Schatzes, Jan Němec, und verbreitet, wiewohl er persönliches Risiko auf sich nimmt, die Wahrheit über den Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei.

MM: Ihre Quelle oder Vorlage ist die Kurzgeschichte von Jan NěmecItalská Spojka  / The Italian Connection“?

Novotny: Richtig, das ist die Basis. Nur haben wir eine österreichische Fassung erstellt. Bei Jan Němec war 20 Prozent Zilk, bei uns, da wir Hauptproduzenten und Österreicher sind, sind jetzt 80 Prozent Zilk. Die andere Quelle ist die wunderbare Geschichte von Herbert Lackner im profil (www.profil.at/home/helmut-zilk-spion-zilk-informant-cssr-geheimdienstes-237065), aus der als Wahrheitsbeweis über die Geschichte hervorgeht, dass sich kaum jemand die Arbeit macht, hunderte Meter von Akten zu fälschen, nur um jemanden zu schaden. Es wäre lebensfremd das anzunehmen. Lebensnah ist eher, dass es war, wie in den Akten dargestellt: dass Zilk sich für nutzlose Informationen bezahlen ließ. Und, dass er sich bei den Tschechen einen Luster bestellt hat.

MM: Das ist nachgewiesener Weise meine Lieblingsszene, wie er dann den Luster von der Decke reißt, weil er überreißt, dass er verwanzt ist. Dagmar Koller sagte nach der Filmvorführung, in der sie war, zu Ihnen, jetzt hätte sie endlich eine Vorstellung, wie dieser Luster, von dem sie so viel gehört hat, ausgeschaut habe.

Novotny: Ja, ich glaube, sie hat den Film adoriert, weil doch ihr Helmut nicht so schlecht wegkommt. Dabei wollte ich über die Person Helmut Zilk hinausgehend die Figur eines werdenden Politikers zeigen, den Werdegang eines aufsteigenden Menschen, der in die Politik kommt, und wie er dorthin kommt. Wie er seine Seilschaften benutzen kann und wie er unter Gewissenskonflikten dann doch das Richtige tut.

Zeiler: Ich fand dieses „Ihr wisst ja gar nicht, was alles möglich ist“ als Motiv dafür, was ihn antreibt, spannend: „Wenn ihr mir das und das gebt, könnt ihr euch gar nicht vorstellen, was ich damit alles machen kann“. Helmut Zilk gehört sicher zu den Menschen, die das maximale aus den Möglichkeiten rausholen, die sich ihnen geboten haben.

Novotny: Und er hat es auch mit Freude gemacht, davon bin ich überzeugt. Was ein wichtiges Element der Politik ist, dass man sie nicht mit Krampf, sondern spielerisch macht. Insofern ist er einer der letzten Männer, die Politik „gemacht“ haben. Er war selbstbestimmt, selbstgesteuert, bis auf die Spionagegeschichte, da war er ferngesteuert; er hat gute Politik gemacht, nachdem er Bürgermeister von Wien wurde, und wichtige Taten gesetzt, sieht man von der Spittelau-Hundertwasser-Behübschung ab. Ich muss den Zeiler loben, er hat den Zilk neu inszeniert. Er hat ihn nicht wie ein Papagei interpretiert, das wäre ja lächerlich, da hätten wir ihm auch noch die Haare färben müssen. Er spielt den Zilk wahrhaftiger, als der Zilk vielleicht war.

MM: Herr Zeiler, Sie sind offenbar der Mann für die Charakterköpfe der Sozialdemokratie. Am Theater waren Sie schon Bruno Kreisky, im Film nun Helmut Zilk. Was prädestiniert Sie für diese Rollen?

Zeiler: Dass diese Männer Machtmenschen sind. Ich habe auch schon den Faust gespielt, wieder ein Machtmensch, in CopStories bin ich der Chef … und das waren Kreisky und Zilk genauso. Dass die beiden Sozialdemokraten sind, ist Zufall. Ich müsste auch lange suchen, um einen weiteren zu finden, der so interessant ist, dass ich ihn spielen könnte.

MM: Ich habe den Eindruck, es ging Ihnen in Ihrem Spiel nicht darum, die Person Helmut Zilk zu imitieren, wiewohl er da sicher viele Anknüpfungspunkte bieten würde, sondern darum einen Typus Mensch zu gestalten. Wie haben Sie sich der Rolle genähert?

Zeiler: Stimmt, ich wollte nicht in ein Nachmachen fallen. Das haben viele vor mir gemacht, Zilk war ja oft Material für Parodien und Imitationen. Letztlich hätte mich das aber eingeengt, denn wenn ich die ganze Zeit nur mit verstopfter Nase gesprochen und gepoltert hätte, das wäre nicht fruchtbar gewesen. Ich wollte nicht von außen nach innen gehen, sondern es lieber umdrehen und mir Interpretationen suchen, die mir wichtig erscheinen. Zum Beispiel, dass er ein Genussmensch war, ein Mann der Tat, aber auch ein Mensch, der unglaublich gern berührt. Im wahrsten Sinn des Wortes: Er hat Leute gerne angegriffen. Ich habe mir viele Dinge nicht abgeschaut, sondern angeschaut. Die ganzen „Stadtgespräche“, das Ombudsmann-Format, obwohl das natürlich immer nur der Show-Zilk, der Theater-Zilk ist. Aber auch da kann man vom Rhythmus eines Menschen, von Vorlieben, Sprechweise bis hin zu persönlichen Charaktereigenschaften vieles erarbeiten.

MM: Gab’s jemals eine persönliche Begegnung mit Helmut Zilk?

Zeiler: Leider nein. Ich habe aber von vielen Menschen, die ihn kannten, gehört, dass er eine beeindruckende Erscheinung war. Aber davon musste ich mich befreien, daran zu denken, hätte mir nur Stress gemacht. Ich habe mich anders mit Zilk angereichert.

Novotny: Ich habe, wie viele in diesem Lande, eine Helmut-Zilk-Geschichte, aber die ist im Zusammenhang mit dem Film vernachlässigbar. Ich erzähle sie nur der Vollständigkeit halber: Einerseits hat mich der Zilk einmal berechtigter Weise aus dem ORF hinausgeworfen, wie ich Anfang 20 war. Da hatte ich einen Bericht gemacht über die Akademie am Schillerplatz ohne die Gegenseite zu befragen. Davor hatte ich ein Drehbuch „Johann Strauß – Der Mörder von Mayerling“ geschrieben, das dem Jörg Mauthe sehr gut gefiel, aber Helmut Zilk hat mir stattdessen einen Film über die Wiener Sängerknaben angetragen. Das habe ich in einem bösen Brief mit Empörung zurückgewiesen. Später habe ich ein paar Werbefilme für ihn gemacht, und einmal war ich für ihn tätig, um die bilateralen Beziehungen Kuba-Wien zu vertiefen, in der Form, dass ich für den ORF in Budapest eine Show mit einer wunderschönen Sängerin drehen durfte, wo ich vermute, dass die bilateralen Beziehungen von Herrn Direktor Zilk weiter vertieft wurden.

MM: Nun zeigen Sie ihn tatsächlich in privatesten Momenten und in privatesten Vorlieben. Geht man an Sexszenen schüchterner heran, wenn man weiß, man zeigt eine real existiert habende Person? Und Dagmar Koller schaut im Kino zu …

Zeiler: Schüchtern nicht, aber man hat natürlich Respekt davor. Aber, wenn ich jetzt dran denken würde, was Dagmar Koller oder ehemalige Mitarbeiter oder Zeitgenossen wie Teddy Podgorski über diese Szenen denken, da wäre ich verraten und verkauft.

Vica Kerekes, Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Zilk interessiert sich für die Schauspielerin Eva: Vica Kerekes und Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Zeit im Bild: Zilk-Zeiler persönlich berichtet über den Einmarsch der Russen in Prag. Bild: © Thimfilm

MM: Franz Novotny zeigt eine Figur Zilk, die kurz strauchelt, aber im Moment, in dem es darauf ankommt, das Richtige tut. Ist es das, was Sie recherchiert haben?

Zeiler: Das ist die Drehbuchstory, ich halte es aber für möglich, dass es wirklich so war. Beachtenswert ist die Geschichte, wie er 1943 von der Waffen-SS angeheuert werden sollte, die ganze Schulklasse hat mitgemacht, weil sie’s imposant fand oder sich vor Konsequenzen geängstigt hat, aber er hat sich dagegen entschieden. Ich glaub‘, dass das immer wieder in seinem Leben passiert ist, dass er sich konsequent und in aller Klarheit in seinen Entscheidungen auf die richtige Seite gestellt hat. Letztendlich hat er seine Haltung beinah einmal mit dem Leben bezahlt. Ein kleiner Aspekt ist das Hrdlicka-Denkmal, für das er vehement eingetreten ist: Des machma jetzt, aus, fertig. In dem Sinne war er ein Populist mit den richtigen Grundsätzen.

MM: Ist das ein Mut zu Entscheidungen, der Entscheidungsträgern heute fehlt?

Zeiler: Es war eine mutige Entscheidung von Journalisten damals dieses geschmuggelte Band zu zeigen, als einzige Sendeanstalt in Europa, und damit die Welt über die wahren Geschehnisse in der Tschechoslowakei zu informieren. Solche Durchsetzungskraft und solcher Mut, natürlich fehlen die heute.

MM: Der Film liefert keine Erklärung dafür, warum Helmut Zilk dem tschechischen Geheimdienst zugearbeitet haben soll. Haben Sie sich dazu etwas überlegt?

Zeiler: Für mich ist diese Spionagegeschichte überhaupt nichts außergewöhnliches, sondern logisch mit der Geschichte verbunden. Da hat er eine Situation falsch eingeschätzt, oder sich überschätzt, wenn es so war. Ich habe mir zusammengereimt, dass einer, der es liebt in Machtpositionen zu sitzen und daher gar nicht ohne Seilschaften auskommt, sich da eine weitere gesucht hat. Im Prinzip ist es ein Geben und Nehmen in Spionagekreisen. Nur hat er sich da ein bisserl verhoben. Wenn man sieht, mit welcher Freude und Inbrunst er dieses Format in Tschechien gemacht hat, als erster hinter dem Eisernen Vorhang eine der ersten Talkshowformen realisiert hat, und vielleicht schon überlegt hat, dort und da könnte es auch gehen, also rede ich mit denen und gebe ihnen ein bisschen, was sie wollen – na, dann macht er das natürlich.

MM: Für mich ist die Quintessenz der Figur der Satz, den der wunderbare Heribert Sasse als Polizeichef Fuchs spricht: Bist du so naiv oder ganz deppert? Ist es das?

Novotny: Das ist einer der Sätze, der das kennzeichnet, was wir mit dem Film sagen wollen. Viele dieser Sätze gehen in eine bestimmte Richtung, die wir gefühlsmäßig vom Bauch analysiert haben, ohne groß eine Botschaft zu verpacken. Man zeigt einfach den Lebensweg eines interessanten Menschen, der wie gesagt, einer der letzten Männer war.

MM: Wie und wo waren die Dreharbeiten? Das Set ist bestechend 1960er-Jahre-miefig …

Novotny: Wir haben in Prag und Wien gedreht, teilweise sind die Hintergründe digitalisiert. Das Setting ist wunderbar und orientiert sich an der Zeit selbst noch in kleinsten Details. Mein liebstes ist Zilks goldene Zigarettenweltkugel, die das Kolorit der Zeit perfekt darstellt. Auch, dass die Leute dauernd tschicken, ist ein Motiv der Zeit, heute undenkbar. So haben wir versucht, die 1960er-Jahre einzufangen.

Zeiler: Ich hatte herrliche Erlebnisse. Mit einem Fünfziger-Jahre-Mercedes durch Prag zu fahren, das ist schon eine G’schichte. Dann das Hotel International in Prag …

Novotny: .. das zu finden war ein wunderbarer Griff. Es ist ein ehemaliges Militärhotel, das in den 1950er-Jahren gebaut wurde …

Zeiler: … und dort mit unzähligen Statisten zu drehen, mit einer Karel-Gott-ähnlichen Musik beschallt, und du bist als Zilk hinter einer tollen Frau her, da braucht man sich als Schauspieler nur noch treiben lassen. Ja, es waren sehr viele schöne Sachen dabei. Wenn man einen Genussmenschen spielt, kommt man auch zu Genüssen.

MM: Im Film kommt Zilks Ehefrau Helga in die Fänge des tschechischen Geheimdienstes. Diese Entführungsgeschichte ist aber ausgedacht?

Novotny: Der ganze Film ist ausgedacht. Gehen wir davon aus: Alles Denkbare ist möglich. Im Sinne der Quantenphysik.

MM: Ganz gerne hätte man gewusst, wie es mit dem realen Jan Němec weiterging, nachdem er die Bänder übergeben hatte.

Novotny: Er ist zurückgegangen nach Prag, wurde aber unterdrückt, in der Husák-Diktatur hatte er nichts zum Husten. „Oratorio for Prague“ wurde zum Dokumentarfilm der Niederschlagung des Prager Frühlings, sogar Philip Kaufman baute 1988 Originalmaterial in seine Milan-Kundera-Verfilmung „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ein. 1974 hat Němec die Tschechoslowakei Richtung USA verlassen. Später, nach der Befreiung, hat er wieder Filme in Prag gemacht. Er ist heuer im März erst gestorben. Aber er ist bis zum Schluss ein Freigeist geblieben. 2014 hat er die tschechische Verdienstmedaille aus Protest gegen Präsident Miloš Zeman zurückgegeben.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=F0rHupmFA0Y

www.decknameholec.at

Wien, 1. 7. 2016