Deckname Holec

Juni 23, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Franz Novotny zeigt Helmut Zilk als ČSSR-Spion

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler als Helmut Zilk: Im ORF wird beraten, wie man über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag berichten soll. Bild: © Thimfilm

Dass ein Filmemacher wie Franz Novotny einen Stoff wie diesen nicht links liegen lassen konnte, versteht sich. Vielmehr fragt sich, was ihn so lange aufgehalten hat, bis er ihn endlich für die Leinwand adaptierte. „Deckname Holec“ heißt sein nun ab 29. Juli in den heimischen Kinos zu sehender Film, und er erzählt eine Geschichte, die so fantastisch ist, dermaßen zu gut, um frei erfunden zu sein, dass sie nur … Ja, dies Hintertürchen lässt sich Novotny offen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt er schelmisch: „Tatsachen sind der Feind der Wahrheit. Und die Klitterung der Geschichte ist stärker als eine dokumentarisch akribische Nacherzählung von einstigen Begebenheiten.“

Von diesen Begebenheiten berichtet jedenfalls der tschechische Filmemacher Jan Němec in seiner Kurzgeschichte „Italská Spojka“, an der sich Novotnys Drehbuch orientiert: Helmut Zilk, damals allerdings weder Unterrichtsminister noch Wiener Bürgermeister, sondern ORF-Direktor, soll jahrelang Informant des ČSSR-Geheimdiensts gewesen sein. Herbert Lackner schrieb 2009 im profil darüber: www.profil.at/home/helmut-zilk-spion-zilk-informant-cssr-geheimdienstes-237065. Wie es dazu kam, erklärt Novotny nicht; er ergeht sich erfrischend nicht in Spekulationen über Beweggründe oder Motivationen, er stellt das wenige dar, das bekannt scheint. Eine „Akte Zilk“ gibt es nämlich nicht. Im Film weht sie am Ende der Wind mit dem Wienfluss auf und davon.

Keine Angst, Novotny tut Zilk nicht weh. Der sonst nie um einen Skandal verlegen gewesene Regisseur hält sich an eine „Halb zogen sie ihn, halb sank er hin“-Version. Er malt das Bild eines kurz strauchelnden Helden, der aber im Moment der weltgeschichtlichen Wahrheit sofort wieder das Richtige tut. Auf mehr kommt’s im Leben bekanntlich nicht an; etwas anderes darzustellen wäre für einen Wiener Film wohl auch nicht möglich gewesen.

So begibt man sich auf eine Zeitreise nach Wien und Prag im Jahr 1968. Ein junger tschechischer Regisseur, in der Realität eben Jan Němec, der gerade die ersten Bilder des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag gefilmt hat, sieht in ORF-Direktor Zilk die Chance, der Welt von dem Unrecht, das der ČSSR widerfährt, zu berichten. Mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Eva, versucht der systemkritische und ergo von der Zensur beäugte Honza, die brisanten Aufnahmen nach Wien zu bringen. Den smarten Zilk, Initiator der „Prager Stadtgespräche“, haben sie bei einer gemeinsamen Livesendung des tschechischen und österreichischen Fernsehens kennengelernt. Eva danach sogar sehr intim, doch das weiß Honza natürlich nicht.

Was die beiden sonst noch nicht wissen, ist, dass Zilk längst im Fokus des kommunistischen Geheimdienstes steht. Er wurde unter dem Decknamen Holec angeworben, um Geheimnisse aus SPÖ-Kreisen weiterzuleiten, etwa die Haltung Bruno Kreiskys zu Alexander Dubček, doch sind das Angelegenheiten, in die er gar keinen Einblick hat. Und so speist er die Tschechen mit uninteressantem Material ab. Doch nun steht’s Spitz auf Knopf. Zilk wird mit dem Wohl und Wehe seiner damaligen Ehefrau Helga erpresst, die entführt und festgehalten wird. Um ihr Leben zu retten, soll er im ORF statt Honzas Film gefälschtes Propagandamaterial senden und die Okkupation als sowjetische Befreiung verkaufen …

Krystof Hádek, Jenovéfa Boková. Bild: © Thimfilm

Honza riskiert sein Leben, als er die Russen filmt: Krystof Hádek mit Jenovéfa Boková. Bild: © Thimfilm

Ondřej Brzobohatý, Vica Kerekes. Bild: © Thimfilm

Währenddessen wirft Zilk ein Auge auf Honazs Geliebte Eva: Vica Kerekes mit Ondřej Brzobohatý. Bild: © Thimfilm

Der Rest ist Fernseh/Geschichte. Und was hier wie ein Agententhriller à la John le Carré klingt, sieht auch so aus. Novotny hat eine miefige 1960er-Jahre Atmosphäre neu erfunden und mit liebevollen Details wie Zilks güldenem Weltkugelzigarettenspender ausgestattet. In Prag war das ehemalige Parteibonzen-Hotel International ein perfekter Drehort, fürs Fehlende sorgt fabelhaftes CGI. Ein bedrohlich rotierender Deckenventilator durchschneidet die einzelnen Szenen.

Durch diese Welt, optisch von gestern, was Politik betrifft sehr von heute, bewegt sich Johannes Zeiler als Helmut Zilk. Das heißt, er bringt keine, was leicht gewesen wäre, polternde, näselnde Imitation des stadtbekannten Selbstdarstellers auf die Leinwand, er hebt seine Figur über den Rahmen Zilk hinaus und gestaltet das Porträt eines prototypischen Genuss- und Machtmenschen. Sein Zilk will Karriere um fast jeden Preis machen, Österreich-geschult glaubt er ans Prinzip des gegenseitigen Händewaschens, auch erliegt er seiner Eitelkeit wegen der ihm zugedachten Wichtigkeit, aber als er erkennt, in welche Falle er da getappt ist, rappelt’s in der Kiste. Wunderbar die Szene, in der Zeiler-Zilk in seiner Wiener Wohnung einen böhmischen Kristallluster – damals funktionierten Naturalien als Bestechungsgeschenke noch – von der Decke schleudert, weil er erkennt, dass er verwanzt ist.

Bei Damen ist er Connaisseur und Charmeur, inklusive Sexszenen, die privateste Vorlieben offenbaren, und so ist es kein Wunder, dass er seinen persönlichen Sozialismus mit dem menschlichen Antlitz von Schauspielerin Eva, gespielt von Vica Kerekes, auslebt. Das folgende Duell Lebemann vs Idealist, das er mit Honza Němec austrägt, der tschechische Schauspieler Kryštof Hádek schlüpft in diese Rolle und ist darin Zeiler ein ebenbürtiger Gegner, gehört zu den spannendsten ideologisch aufgeladenen Momenten in Novotnys Arbeit. Tatsächlich nimmt der Film erst durch die Konfrontation dieser beiden Männer so richtig Fahrt auf.

David Novotný, Heribert Sasse. Bild: © Thimfilm

Ein alter Fuchs: Heribert Sasse macht als Wiener Polizeichef Spion David Novotný das Leben schwer. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Und am Ende verweht der Wien die verfängliche Akte Zilk mit dem Wienfluss auf und davon. Bild: © Thimfilm

Doch nicht nur Zeiler und Hádek agieren fantastisch. Eva Spreitzhofer ist eine wunderbar zickige Helga, David Novotný ein sinistrer Geheimagent Nahodil, Michael Fuith ein ob des zweimaligen Sinneswandels seines Chefs ratloser ORF-Mitarbeiter Popp. Er wird schließlich den Film-Fake der Russen erkennen und Zilks Entscheidung maßgeblich in die korrekte Richtung lenken. Zu Zilks Leuten gehört auch Polizeichef Fuchs, ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann. Heribert Sasse gestaltet ihn ganz großartig als Kabinettstückchen eines Wiener Kiberers mit Herz und Hirn. Sein „Bist du so naiv oder ganz deppert?“-Satz zu Zilk ist gleichsam das Leitmotiv des Films. Er wird dem Helmerl nicht nur den A**llerwertesten retten, sondern ihm bleibt mit dem Austricksen Nahodils auch der Schlussgag vorbehalten.

Welch ein Film über Zeiten, als der Krieg zwar kalt, aber kommende Politiker heiß waren. In diesem Sinne ist „Deckname Holec“ ein Plädoyer für Zivilcourage auch in ausweglos erscheinenden Situationen. Oder wie Franz Novotny sagt: „Zur richtigen Zeit muss man das Richtige machen, vor allem, wenn man zuerst das Falsche gemacht hat.“ Dann wird auch aus dem Agent in eigener Sache ein bedeutender Ombudsmann. Dafür einen Smiley.

Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21047

Trailer: www.youtube.com/watch?v=F0rHupmFA0Y

www.decknameholec.at

Wien, 8. 7. 2016