Belvedere: Sünde und Secession. Franz von Stuck

Juni 22, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Skandalöse Erotikgemälde vom einstigen Shooting Star

Franz von Stuck, Die Sünde, um 1893. Sammlung Galerie Katharina Büttiker, Zürich. Bild: © Galerie Katharina Büttiker, Zürich

Franz von Stuck, Die Sünde, um 1893. Sammlung Galerie Katharina Büttiker, Zürich. Bild: © Galerie Katharina Büttiker, Zürich

Das Belvedere zeigt ab 1. Juli die Schau „Sünde und Secession. Franz von Stuck in Wien“. Stucks skandalöse erotische Gemälde, allen voran „Die Sünde“, waren nicht allein aufgrund der Motivwahl umstritten und populär, auch seine Bildauffassung und seine stringente Gestaltung des Erscheinungsbildes der 1892 gegründeten Münchner Secession setzten Maßstäbe. Letztere wirkte sich vorbildhaft auf die 1897 gegründete Wiener Secession aus. Stucks vielfältige Beziehungen zu Wien wurden nur in wenigen Essays, vorwiegend im Zusammenhang mit Gustav Klimt, berücksichtigt.

Dies ist überraschend, hatte er doch schon 1892 seine erste umfassende monografische Ausstellung eben im Wiener Künstlerhaus. Der Künstler, ein Jahr jünger als Gustav Klimt, war ein Shooting Star seiner Zeit und schon früh mit der bei Gerlach in Wien ab 1882 verlegten Mappe „Allegorien und Embleme“ und den 1886 erschienenen „Karten & Vignetten“ bekannt geworden.

Die Ausstellung bietet nun die Möglichkeit, Franz von Stucks grafisches, malerisches und plastisches Werk sowie die von ihm verwendete Fotografie für sich und ineinander verschränkt zu betrachten, und die vielfachen Wirkungen seines Schaffens auf die Wiener Kunst zu untersuchen.

Damit schließt die Schau eine Lücke und beleuchtet das Fin de Siècle in Wien in neuer Weise mit seiner befruchtenden Verknüpfung zu Münchens Malerfürsten. Franz von Stucks „Sünde“ ist die personifizierte „Femme Fatale“ am Ende des 19. Jahrhunderts. Der Künstler malte nicht in tonigen Farben, in akademisch-klassischer Attitüde: Seine Sünde ist von einem harten Hell-Dunkel-Kontrast gekennzeichnet. Das verlockend erotische Weib und die Schlange als biblische Inkarnation der Sünde fixieren respektlos den Betrachter und ertappen ihn bei der Betrachtung. Diese Distanzlosigkeit, die Stuck nicht nur in dieser Bilderfindung anwendet verschaffte ihm den frühen Ruhm eines Skandalmalers.

Seine opulenten, klassizistischen Rahmen, die Tempelformen aufgreifen, erhöhen die „Skandalbilder“ zum verbotenen heidnischen Sündenbabel. Die zunehmende Buntfarbigkeit seiner Werke und die damit einhergehende Kulissenhaftigkeit seiner Hintergründe wiesen den jungen Künstlern den Weg, der zum Jugendstil führen sollte. Stucks Vorbildfunktion für die späteren Wiener Secessionisten wurde bisher nur in einzelnen Essays, vorrangig zu Gustav Klimt, berücksichtigt. Dabei waren seine vielfältigen Beziehungen zu Wien zentral für seinen künstlerischen Erfolg; so fand 1892 im Wiener Künstlerhaus seine bis dahin umfangreichste monografische Ausstellung statt.

Die Schau, bei der Stuck 35 Ölbilder und 170 Zeichnungen präsentierte, glich einem künstlerischen Paukenschlag. Der Umfang der Ausstellung, die nahezu alle wichtigen Gemälde Stucks zu diesem Zeitpunkt umfasste, lässt Bedeutung und Faszination seines Schaffens erahnen. Stucks ungeheure Wirkung auf die Wiener Kunstszene ist an den zeitgenössischen meinungsbildenden Artikeln von Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr ablesbar.

Mary von Stuck, Studie zu Dissonanz, um 1905, Privatbesitz. Bild: © Belvedere, Wien

Mary von Stuck, Studie zu Dissonanz, um 1905, Privatbesitz. Bild: © Belvedere, Wien

Franz von Stuck, Luzifer, 1890/1891. Bild: © The National Gallery, Sofia

Franz von Stuck, Luzifer, 1890/1891. Bild: © The National Gallery, Sofia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wirkung seines Werks ist in vielfacher Weise bei Wiener Künstlern noch bis ins erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erkennbar. Die künstlerische Ausstrahlung seiner viel beachteten Landschaften führte schließlich zum Ankauf seiner großformatigen Abendlandschaft für die Moderne Galerie in Wien. Jedoch nicht nur die Wiener Maler interessierten sich für Stucks Landschaften: Deutliche Reflexe auf diese finden sich in den Arbeiten von Wiener Fotografen, wie etwa Heinrich Kühn, Hugo Henneberg und Hans Watzek. Stuck blieb im Vergleich zu Klimt jedoch immer dem Klassizismus verbunden, erkennbar beispielsweise an der dorischen Säulenordnung seiner Bildrahmen.

Die Einbeziehung des Bildrahmens und dessen Plastizität lassen sich auch bei der Wiener Secession erkennen, am offensichtlichsten in der Wahl des von Stuck häufig favorisierten quadratische Bildformats. Mit der Ausstellung im Unteren Belvedere wird nun nicht nur ein umfassender Überblick über das Schaffen Stucks mit dem Schwerpunkt auf der Zeit vor 1900 gegeben, erstmals werden auch seine Wiener Bezüge dargelegt.

www.belvedere.at

Wien, 22. 6. 2016