Salon 5 am Thalhof: Anna Maria Krassnigg im Gespräch

Juni 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie inszeniert Dostojewskijs „Der Idiot“ und Shakespeare-Texte als musikalische Kinobühnenschau

Anna Maria Krassnigg. Bild: Teresa Zötl

Anna Maria Krassnigg. Bild: Teresa Zötl

Der Salon 5 begibt sich demnächst in die Sommerfrische. Bereits zum zweiten Mal bespielt die kreative Truppe rund um dessen Gründerin und künstlerische Leiterin Anna Maria Krassnigg den Thalhof an der Rax. „Jenseits von Gut und Böse“ lautet das diesjährige Motto unter dem die Theatermacherin ein Schauspiel nach Dostojewskijs Roman „Der Idiot“, die musikalische Kinobühnenschau „Power to Hurt“ nach Shakespeare-Texten, Schnitzler und Jelinek und Herrn Grillparzer versammelt. Die Saison startet am 10. August, der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

Anna Maria Krassnigg im Gespräch über ein Gebäude, das Geschichte atmet, ihr Programm inmitten einer beginnenden Zeitenwende, die Wiederentdeckung einer alten Kunst für ein junges Publikum und wie sie diesem zeigen will, was „die schrullige alte Tante Theater“ tatsächlich so kann:

MM: Für Theaterbegeisterte, die es noch nicht wissen: Was ist der Salon 5?

Anna Maria Krassnigg: Der Salon 5 ist ein Theaterlabel, das mit einem sehr zeitgenössischen Blick Ausgrabungen verfolgt. Das heißt, Texte, die sonst am Theater nicht vorkommen, sei es, weil sie zu einer Art verdrängter Literatur gehören, sei es, weil man sie nicht auf der Bühne vermuten möchte, obwohl es hochdramatische Texte sind, zur Aufführung bringt. Davor, danach, manchmal auch mittendrin, gibt es intensiven Austausch mit dem Publikum, den wir Salongespräche nennen. Wir möchten zeigen, dass Theater wie ein Musikclub funktionieren kann: dass man sich darüber austauschen und unterhalten kann, ohne, dass Experten von einem Podium herunter dozieren.

MM: Der Salon 5 geht an verschiedene Spielorte, nun geht er in die Sommerfrische an die Rax. Warum bespielen Sie heuer zum zweiten Mal den Thalhof?

Krassnigg: Wir sind verliebt in verwundete Räume, in Orte, die Geschichte haben, Geschichte erzählen aufgrund der Menschen, die an ihnen jahrhundertelang ein- und ausgegangen sind. Das betrifft die alte Turnhalle im Brick 5, den Nestroyhof, das Metrokino – und ganz stark den Thalhof. Er hat mich nach Reichenau gelockt. Ich bekam vor dreieinhalb Jahren das Angebot, dort etwas zu machen, hab‘ ihn mir angeschaut und bin ihm sofort verfallen. Das Gebäude hat etwas Magisches, eine märchenhafte, mystische Ausstrahlung. Man spürt auf eine merkwürdige Art, dass dort 400 Jahre lang gedacht und gedichtet wurde. Das belegt das berühmte Gästebuch. Die Wiener Bohémiens haben dort den Sommer über geschrieben: Freud einen Teil der „Traumdeutung“, Schnitzler, Grillparzer, Hebbel, Ebner-Eschenbach … Leo Perutz und Felix Salten. Man hat das Gefühl, die großen Geister leben immer noch in diesem Speisesaal. Und obwohl wir wahrlich genug Baustellen habe, sagte ich spontan, in dieser Atmosphäre möchte ich Geschichten erzählen.

MM: Am 10. August startet die zweite Saison nach der höchst erfolgreichen ersten. Wie funktioniert die Nachbarschaft mit den sehr arrivierten Festspielen Reichenau?

Krassnigg: Ich kenne die Festspiele als Zuschauerin und als Beteiligte, ich habe dort schon inszeniert, Daniel Kehlmanns „Ruhm“, das war eine sehr schöne Arbeit. Danach hat sich zwar keine Zusammenarbeit mehr ergeben, aber nun haben wir vergangenen Sommer auf die gute Nachbarschaft getrunken, denn es geht sich beides wunderbar aus. Die Festspiele toben im Juli, wir toben im August. Man kann in Reichenau also von Juli bis September durchgehend Theater, Diskussion, Geist, Lust, Unterhaltung erleben.

MM: Ihr Programm passen Sie sozusagen an den Spielort Thalhof an.

Krassnigg: Ja, da bin ich wieder bei den großen Geistern, deren Schätze wir zu heben versuchen. In diesem Sinne haben wir 2015 mit Robert Neumanns „Hochstaplernovelle“ eröffnet, auch er ja ein ehemaliger Thalhofgast und heute ein leider eher unbekannter, nicht ausreichend geschätzter Autor. Dieser Raum schreit nach bestimmten Stoffen, das ist ein austriakischer Speisesaal in all seinem Prunk, der mitten in den Bergen stehend eine stark italienische Ausstrahlung hat. Die Südbahnstrecke Wien-Triest scheint sich in diesem Saal zu treffen. Wir suchen also Stoffe, die dort ihre Wirkung entfalten können, mehr, als es ihnen auf einer Guckkastenbühne gelingen könnte, auch wenn diese Bühne technisch besser ausgestattet ist. Der Genius loci ist die Inspiration für unsere Inszenierungen.

MM: Es gibt zwei Mottos: Für den Salon 5 ist es „In plot we trust“, für die diesjährige Thalhof-Saison „Jenseits von Gut und Böse“. Was wollen Sie damit sagen?

Krassnigg: „In plot we trust“ ist aus einem sehr ernsthaften Scherz entstanden. Wir haben etwas gesucht, an das alle, vom Autor über den Schauspieler bis zum Bühnentechniker, glauben. Da sind wir auf den Plot gekommen, die Narration, weil wir alle der Meinung sind, dass Geschichte und Zeitgeschichte über Geschichten zu erzählen lustvoller, genauer erfassbar und näher am Publikum ist, als wenn man das Erzählen lässt. Wir sind also alle leidenschaftliche Erzähler, aber mit sehr unterschiedlichen ästhetischen Verfahren und einem jeweils anderen Rhythmus. Ich arbeite sehr gerne mit Spielplanklammern, die es allerdings bei mir vor dem Spielplan gibt, nicht erst, wenn die gezeigten Stücke schon feststehen. „Jenseits von Gut und Böse“ ist etwas, das uns im Moment umtreibt. Damit meine ich das Phänomen, dass die Grenzen, die Definitionen diesbezüglich nicht erst seit vergangenem Sommer verschwimmen. Diese moralphilosophischen Fragen nach Gut und Böse und einem jenseits davon, wollen wir anhand des Spielplans abhandeln.

MM: Beispielsweise mit Ihrer großen Produktion, einem Schauspiel nach Dostojewskijs „Der Idiot“. Sie haben die Spielfassung erarbeitet und führen Regie.

Krassnigg: Das ist der klassische Stoff zum Thema, weil er sich an den Fragen „Wer ist der gute Mensch?“ und „Was würde er in der Gesellschaft anrichten, wenn er in Reinkultur wirksam würde?“ abarbeitet. Im Roman ist Fürst Myschkin eine Art wiedergeborener St. Petersburger Jesus, der – flapsig gesagt – die Stadt aufmischt, in Liebesgeschichten und Rivalitäten gerät, und eine unglaubliche Bewegung auslöst, von der Walter Benjamin sagt, sie sei ein „ungeheurer Kratereinsturz“. Das Bemerkenswerte am Roman ist, dass er tatsächlich gut, böse, hell, dunkel auf eine sehr tiefe, existenzielle, radikale Weise abhandelt. „Der Idiot“ ist spannend wie ein Krimi und dabei wahnsinnig komisch. Dazu kommt, dass man diese Menschen kennt; die sind nicht aus der Vergangenheit, die könnten heute aus der Straßenbahn steigen. Das Ganze gipfelt im Sommer in Pawlowsk – da kann der Thalhof dann seine Datscha-Qualitäten ausspielen.

Raphael von Bargen performt "Power to Hurt". Bild: Nora Scheidl

Raphael von Bargen performt „Power to Hurt“. Bild: Nora Scheidl

Der Thalhof. Bild: Christian Mair

Der Thalhof: Im ehemaligen Speise-, heute Theatersaal lebt der Geist seiner berühmten Gäste weiter. Bild: Christian Mair

MM: Eine weitere Premiere ist „Power to Hurt“, eine Weiterentwicklung des Abends, der schon im Brick 5 zu sehen war. Nun wurde aus der Aufführung eine Kinobühnenschau. Diese Form darstellender Kunst haben Sie voriges Jahr mit „Pasada“ wiederentdeckt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Krassnigg: „Power to Hurt“ ist ein Projekt, das vernäht ist zwischen dem Schauspieler/Sänger Raphael von Bargen, dem Musiker/Komponisten Christian Mair und mir als Film- und Theaterregisseurin. Es ist eine extreme Teamarbeit, bei der ich uns eher als Band sehen möchte. Wir wollten es noch einmal genauer, größer und für mehr Publikum machen. Es passt zum Motto, denn Raphael von Bargen singt und spielt die größten Bösewichte der Theaterliteratur, zum anderen ist es auch ein wenig unser Beitrag zum Shakespeare-Jahr. Es ist eine sehr spezielle Bergung von Monologen und Sonetten, die als Kinobühnenschau dargeboten wird, also als Verschmelzung von Bühnen- und Filmelementen mit Musik. Da kommt eine opulente, sinnliche dritte Form heraus. Die Welle aus Musik, Bild, einem Extremschauspieler und dieser unglaublichen Literatur, die auf einen zurollt, ist sehr eigen und sehr traumartig.

MM: Das heißt, es wird nicht mit Live-Kamera gearbeitet, sondern der Film ist ein eigenständiges, vorher gefertigtes Element der Aufführung? Kinobühnenschau ist die Korrespondenz zweier Medien?

Krassnigg: Das drückt es exakt aus. Diese Form des Theaterspielens ist an der Schwelle vom Stummfilm zum Tonfilm entstanden. Da gab es große Schauspieler, begnadete Erzähler, die live zu den Bildern Text gesprochen haben. Das Publikum hat das sehr geliebt. Man hat das dann weitergesponnen und das Live-Element Theater in Verhältnis zum Medium Film gesetzt. Damit wurden bestimmte Ebenen, die sich dafür eignen, Visionen, Träume, Zeitsprünge, Nachtsequenzen, erarbeitet, und dazu gab’s Schauspiel auf der Bühne. Es ist überhaupt nicht zu vergleichen mit Videozuspielungen oder Live-Kamera, weil zwei unabhängige künstlerische Erzählweisen nur durch die Geschichte zusammenkommen. Der große Spaß daran ist die Kunst der Übergänge, wie die Film- und die Bühnenwelt ineinander verschmelzen, damit der Zuschauer sie als zwei Hälften einer ganzen Geschichte sieht. Es gibt auch im „Idiot“ einen gewissen Anteil kinobühnenschauhafter Elemente. Das hat sich inhaltlich aufgedrängt und ist auch optisch sehr stark.

MM: Sie gehören dem Leitungsteam des Max-Reinhardt-Seminars an, Sie unterrichten Regie. Studenten können sich am Thalhof mit einer eigenen Produktion erproben, sind aber auch als Publikum herzlich willkommen. Es gibt U25-Tickets um 2,50 Euro?

Krassnigg: Genau, das ist ein Teil meiner Welt. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, größere Kontexte wie ein Festival programmatisch zu bevölkern, ohne meine Studierenden einzubeziehen. Das ist mir ein Herzensanliegen. Dieses Jahr gibt es eine Sonderkooperation mit der Internationalen Sommerakademie der Universität für Musik und darstellende Kunst. Jens Bluhm beleuchtet das Thema „Jenseits von Gut und Böse“ aus der Geschlechterperspektive, er wird einen unbekannten Schnitzler, „Die Braut“, eine Vorstudie zur „Traumnovelle“, Jelineks „Krankheit oder moderne Frauen“ entgegensetzen. Die Collage wird gespielt von Studenten des Max-Reinhardt-Seminars. Dazu musizieren Studierende des Joseph Haydn Instituts. Das freut mich besonders, weil Kollege Johannes Meissl, der dortige Institutsvorstand und wunderbare Geiger, sie das Thalhof Quartett genannt wird. Was nun das Publikum betrifft, so wollen wir eine Einladung aussprechen an all die Menschen, die Sommerfestivals sonst nicht besuchen – beispielsweise aus Kostengründen. Wir haben eben das U25-Ticket, aber auch weitere Ermäßigungen, Vorteilscards und Abos.

MM: Sie gehen täglich in ein Haus voller enthusiastischer junger Theaterschaffender. In den Zuschauerräumen ist diese Generation dünn gesät. Woran liegt das? Was läuft da falsch? Das Angebot?

Krassnigg: Die Frage ist sehr gut. Ästhetiken altern halt wie Menschen auch. Meiner Ansicht nach sind drei Dinge wichtig: Es muss eine Preispolitik geben, die für junge Leute erschwinglich ist. Die gibt es vielerorts, daran liegt es nicht hauptsächlich, dennoch ist das wahnsinnig wichtig. Zum zweiten: Es wird überall über Kulturvermittlung gesprochen, aber was diese schrullige alte Tante Theater tatsächlich kann, wird nicht vermittelt. Das muss man jeder neuen Generation neu sagen, das geht nicht von selbst. Dazu darf es ruhig originellere Anstrengungen geben. Und das dritte, das ich an meinen Kindern oder deren Freunden oder auch Studierenden beobachte, ist, dass es letztendlich zu wenige Geschichten gibt. Im Gegensatz zum Kino, wo derzeit eine Menge großartiger Drehbuchautoren intelligentes Storytelling entwerfen. Jugendliche wären also sowohl über ihre Ästhetiken abholbar, als auch mit gut gemachter Narration. Oder anders gesagt: Theater als reine Kunstanstrengung ist für Unter-25 überhaupt nicht interessant.

MM: Eine klare Absage ans L’art pour l’art!

Krassnigg: Ich halte dieses „Wir wissen, wie’s geht, und daher ist es uns schon fad“ für falsch. Wir wissen nie, wie es geht. Große Werke verändern sich mit der Zeit, man liest nach zehn Jahren ein Stück ganz anders, hört ganz andere Stimmen. Die Partitur ist plötzlich wie neu. Damit muss man als Theaterarbeitender umgehen. Man bewegt sich auf dem Grat zwischen Zeitgenossentum, zwischen Frische und dem Das-Heute-Erzählen, und der Werktreue. Es kann beim Inszenieren nicht darum gehen, ein Profipublikum von Theater heute abwärts mit der außergewöhnlichsten Neuverwurschtung eines Klassikers hinter dem Ofen hervorzulocken, weil, gähn, das haben wir ja alles schon x-mal gesehen. Das als einziger Angang an die dreidimensionale Narration eines großen Textes ist sehr, sehr dünn. Damit kann man Berufsbeschäftigte erfreuen und für sich ein gewisses Ranking erzeugen, aber nicht Zuschauer. Die haben ganz andere Sehnsüchte.

MM: Sie bilden einen Gutteil der kommenden Regiegeneration aus. Wenn Sie selbst inszenieren, wie sehr stehen Sie bei Ihren Studierenden auf dem Prüfstand punkto Vermittlung und deren Umsetzung?

Krassnigg: Total! Als ich noch im Ausland inszeniert habe, war mir wohler in meiner Haut, das war gemütlicher. Ich habe es mit den härtesten aller Kritiker zu tun, denn Studierende, das kennen wir von uns selber, reklamieren für sich das Weltwissen. Das ist nicht immer leicht zu ertragen, aber es hat in der Gegenseitigkeit eine große Fairness. Meine Professur ist ein Beruf, den viele gerne hätten. Es ist eine Gnade, etwas, das man liebt, weitergeben zu können, und damit auch noch Geld zu verdienen. Ich hatte Glück dahin zu kommen, da darf man dann auch nicht wehleidig sein und Kritik nicht aushalten. Von meinen Studierenden „begutachtet“ zu werden ist unbequem und anstrengend, aber das hindert mich am Einschlafen.

Das Leitungsteam des Salon5 am Thalhof: Christian Mair und Anna Maria Krassnigg. Bild:Martin Schwanda

Das Leitungsteam des Salon 5 bereitet die aktuelle Thalhof-Saison vor: Christian Mair und Anna Maria Krassnigg. Bild: Martin Schwanda

MM: Sprechen wir über die Menschen, die dieses Jahr den Thalhof bevölkern werden …

Krassigg: Die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg hat einmal auf die Frage, warum sie beim damals sehr kleinen Einaudi Verlag bleibt, geantwortet, er sei eine Familie, mit der man arbeitet. Sie meinte damit nicht, dass man gemeinsam Eierspeis‘ kocht, sondern, dass sehr unterschiedliche Menschen eine enthusiastische thematische Verbundenheit für ein Produkt haben. So ist das bei uns auch. Der Salon 5 besteht aus zum Teil sehr gegensätzlichen Menschen. Ganz wichtig ist da Christian Mair, einer der besten Komponisten, die ich kenne, der, weil Musiker auch oft Zahlengenies sind, „so nebenbei“ auch noch unser kaufmännischer Leiter ist. Er ist der ruhende Pol in unserem Wanderzirkus. Lydia Hofmann ist ein Faun, eine der größten Bildbegabungen dieser Tage, eine noch junge Bühnenbildnerin aus der Wonder-Klasse, außerdem Malerin, Skulpteurin, die es immer noch mit uns aushält, obwohl unser Budget viel zu klein ist für das, was sie eigentlich könnte. Sie prägt die Ästhetik des Salon von unseren berühmt-berüchtigten Foyers mit den Lampenschirmen bis zur Bühne. Und Antoaneta Stereva ist eine Designerin, die ihren sensiblen und exzentrischen Stil jahrelang in Theater und Film sowie der internationalen Mode geschliffen hat.

MM: Dann gibt es alte Wegbegleiter …

Krassnigg: … wie eben Raphael von Bargen oder Daniel F. Kamen, der mein Myschkin sein wird. Er ist in Österreich viel zu wenig bekannt, ein einmaliger Darsteller, zutiefst dramatisch und dabei extrem komödiantisch. Dazu laden wir gern Gäste ein, wie Maxi Blaha, die mit ihren eigenwilligen Projekten nicht in den Mainstream gehört. Heuer zeigt sie ein Doppelporträt Bachmann/Jelinek, „Es gibt mich nur im Spiegelbild“, darauf freue ich mich schon sehr. Eine Neuentdeckung ist Michaela Saba. Von ihr wird man ganz viel hören. Sie ist eines der eigenartigsten, schönsten und begabtesten Wesen, die das Reinhardt-Seminar in den vergangenen Jahren ausgespuckt hat.

MM: Werden all Ihre Bemühungen auch von den Subventionsgebern gewürdigt?

Krassnigg: Wie kann ich das formulieren, ohne zu klagen? Denn es gibt in dem Sinn nichts zu klagen, weil wir erstaunlicherweise, obwohl Geld überall knapper wird, doch arbeiten können. Wir entwickeln Konzepte weiter, wir erforschen neue Formen. Wir wollen nicht nur – hoffentlich – ein Publikum beschenken, sondern uns ganz ernsthaft fragen: Was geht mit dieser Kunst? Uns interessiert dieses Laborhafte. Die Anerkennung dafür differenziert. Der Bund fördert unsere Arbeit konsequent nicht – so geht es vielen geschätzten Kolleginnen und Kollegen. Wir werden subventioniert von der Stadt Wien und vom Land Niederösterreich, da ist es sehr schön, dass es kein Topferldenken, keine Bundeslandgrenzen mehr gibt. So können Produktion, wie „Pasada“ vom Thalhof ins Metro Kinokulturhaus wandern. Das Publikum ging da sehr mit, es wollte sehen, was der neue Raum mit der Produktion macht – und das ist ja auch etwas, das uns interessiert.

MM: Apropos, wandern: Eine kleine Herbstvorschau?

Krassnigg: Anna Poloni wird ihre über „Camera Clara“, „Carambolage“ und „Pasada“ geführte Tetralogie mit „Albergo Dante“ beenden. Das wird eine Art von höllischem Hotel, in dem eine Untersuchung von privat und politisch stattfinden wird, die großen Kämpfe im Kleinen – und die falschen Leute werden sie austragen. Und es wird der Spielfilm von „La Pasada“ herauskommen. Wir sind gerade im Endtonschnitt, jetzt gilt es Dinge wie, welcher Verleih, welches Festival zu entscheiden.

salon5.at

Wien, 15. 6. 2016