Die TheaterArche versucht es mit Crowdfunding

Juni 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bei „Wir Hungerkünstler“ ist der Titel Programm

Wir Hungerkünstlerinnen. Wir Hungerkünstler. Bild: Jakub Kavin

Wir Hungerkünstlerinnen. Wir Hungerkünstler. Bild: Jakub Kavin

Die TheaterArche beschreitet unkonventionelle Wege, um an Geld zu kommen. Für seine erste Produktion „Wir Hungerkünstlerinnen. Wir Hungerkünstler“ versucht das Theaterkollektiv die fehlende staatliche Subvention durch Crowdfunding zu ersetzen. Im Gegenzug fürs Bare vom Publikum gibt es Karten für die Performance, die am 20. Oktober im Wiener Theater Brett Premiere haben soll.

„Ein Stück über das Künstlerprekariat und über ‚Die Armen von Wien‘, in einem prekären Raum – in einem Theater das akut von der Schließung bedroht ist“, ist Jakub Kavin, dem künstlerischen Leiter der TheaterArche, nur bedingt zum Scherzen zumute. Seit Mai entwickelt er mit mehr als 20 Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedensten Sparten das interdisziplinäre Stück, das von Franz Kafka inspiriert und mit dem Text „hungerkunstschaffen“ von Thyl Hanscho als literarischer Basis verfeinert ist. „Unser Ensemble umfasst zur Zeit Bühnenprofis aus Brasilien, Syrien, Tschechien, Polen, Serbien, der Türkei und Österreich, und wir wünschen uns noch mehr internationale Impulse“, sagt Kavin, der zuletzt bei seinen „Outsiders“ den UNHCR, den Bewährungshilfe-Verein Neustart und das Flüchtlingshilfeprojekt Ute Bock als Kooperationspartner hatte. Die Ensemblestrukturen der TheaterArche sind dabei bei Weitem nicht auf „multikulti“ ausgerichtet, vielmehr will man etablieren, was, so Kavin, „in einigen Jahren hoffentlich auch an Staatstheatern denkbar sein wird“: „Wir wollen gängige und von der Realität überholte Sehgewohnheiten brechen. Bei uns darf Woyzeck im Rollstuhl sitzen, seine Marie eine Person of Color, oder Isolde einen Kopf größer als Tristan sein.“

Auch diesmal gibt es wieder Partner. Mit dem Stimmgewitter Augustin werden sich nicht nur armutsbedrohte Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne wiederfinden, sondern auch Menschen die durch die Armut zur Kunst gefunden haben. Das Theater Delphin, ein Inklusionstheater für behinderte und nichtbehinderte Menschen, ist ebenfalls mit an Bord der TheaterArche. Autor und Journalist Uwe Mauch, dessen Buch „Die Armen von Wien“ im Herbst erscheint, wird als er selbst sein Bühnendebüt geben.

Der Inhalt, soweit schon ausgearbeitet, beruht auf Kafka. Der Künstler Rotpeter erkennt eines Tages das Dilemma, in das er sich gezwungen sieht. Um freie Kunst zu betreiben, braucht er eine finanzielle Basis. Doch um diese zu bekommen, muss er sich selbst ausbeuten, heißt: unfrei machen. Unwillig eines von beiden zu wählen, entschließt er sich die Selbstausbeutung zur Kunst zu machen. Er wird zum Hungerkünstler. Seine Hungerkunst macht ihn schnell berühmt und bald merkt er, dass in seinem Ruhm eine Gefahr lauert. Die Gefahr, selbst nur zu einem weiteren Zahnrad zu werden, das die Maschinerie des Prekariats am Laufen hält. Während Rotpeter dem doppelten Tod durch Hunger und Burnout näher rückt, wird die Hungerkunst immer mehr zu einer Institution … Diesen Plot durchblitzen groteske Szenenbilder. Eines sieht diverse Stimmen aus der Gesellschaft den vermeintlichen Selbstmord einer verarmten Künstlerin kommentieren. An anderer Stelle brechen ärmere Kunstschaffende bei reicheren ein, nicht weil sie Gewinn wollen, sondern weil sie auf Requisitensuche sind. In einem Kursraum des AMS werden arbeitslose Kunstschaffende zur Reintegration trainiert. Und im Kulturamt präsentiert ein junger Mann das kostensparende Ernährungskonzept „Butter mit Reis“.

„Eine Zustandsbeschreibung“ nennt Kavin den geplanten Abend, „radikal und dennoch mit der nötigen Portion Humor. Und die Hoffnung soll und darf ebenfalls nicht auf der Strecke bleiben.“ Am 22. Oktober findet nach der Vorstellung eine Podiumsdiskussion zum Thema Verteilungsgerechtigkeit und Armutsbekämpfung statt. Mit dabei ist Martin Schenk, Direktor der Diakonie Österreich, Mitbegründer der Armutskonferenz und der Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“.  Mehr Infos zur Aufführung und zum Crowdfunding:

www.jakubkavin.com/hungerkuenstler

wemakeit.com/projects/wir-hungerkuenstlerinnen

Wien, 8. 6. 2016