Kunstraum NÖ: Crisis as Ideology?

Juni 7, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein künstlerischer Kommentar zu Geld und Geltung

Ferhat Özgür, We Are The Builders, 2013. Bild: © Ferhat Özgür

Ferhat Özgür, We Are The Builders, 2013. Bild: © Ferhat Özgür

Seit dem Zusammenbruch der Kapitalmärkte im Jahr 2008 ängstigen sich die Menschen um ihre Zukunft. Ökonomie, Marktwirtschaft und unser Gesellschaftssystem stecken in der Krise. Steigende Arbeitslosenzahlen, die radikale Umverteilung des Geldes von unten nach oben und die Organisation unserer Arbeitswelt beunruhigen die Menschen.

Immer deutlicher tritt hervor, welch fundamentale Einschnitte unser Gesellschaftssystem infrage stellen. Aktuell zeigen die „Panama Papers“, dass sogar Staatschefs ihre Gelder Offshore parken und damit ihre Beteiligung am Gemeinwohl zurückziehen. Theoretisch betrachtet ist die Krise fixer Bestandteil kapitalistischer Zyklen, wie bereits der Ökonom Joseph Schumpeter angesichts der großen Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre feststellte. Laut ihm ist die Krise Teil des Systems, denn andernfalls wäre ein Aufschwung, der ebenso systemimmanent ist, unmöglich. Der Kunstraum Niederösterreich ist mit der Ausstellung „Crisis as ideology?“ ab 10. Juni Schauplatz für acht internationale künstlerische Positionen, die sich mit dem Phänomen Krise auseinandersetzen: dokumentarisch, melancholisch und humorvoll.

So untersucht etwa Marianne Flotron den Zusammenhang zwischen Ökonomie und menschlichem Verhalten. Sie sucht nach Spuren der Manipulation, die unser Verhalten beeinflussen. In ihrer Videoarbeit „Work“ befragt sie gemeinsam mit dem kolumbianischen Forumtheaterregiseur Hector Aristizabal Angestellte eines großen niederländischen Versicherungsunternehmens zu ihrem Arbeitsalltag, ihren Arbeits- und Kommunikationsbeziehungen. Mit ihrer Arbeit versucht Flotron aufzuzeigen, inwiefern die kapitalistische Ökonomie Verhaltens- und Denkweisen der Menschen beeinflusst.

Ferhat Özgürs dokumentarische Arbeit „We are the Builders“ zeigt Bauarbeiter der türkischen Hauptstadt Ankara, während sie ein vierstöckiges Wohnhaus renovieren. Die Arbeiter verdingen sich unter schwierigen Bedingungen als Taglöhner. Sie sprechen, im Gegensatz zu den Angestellten in Flotrons Arbeit, völlig offen über ihre Arbeitsbedingungen. Özgür verbrachte eine Woche als Arbeiter auf der Baustelle, während der er Interviews und Aufnahmen machte. Er widmet das Video allen Bauarbeitern, die ohne die Sicherheit eines sozialen Netzes arbeiten.

Marianne Flotron, Work, The Play, Multi channel installation, 201. Bild: © Marianne Flotron

Marianne Flotron, Work, The Play, Multi channel installation, 201. Bild: © Marianne Flotron

Dejan Kaludjerovićs Arbeit „Mikado“ lässt wiederum Kinder aus Österreich zu verschieden Themen zu Wort kommen: Träume, Sorgen, Politik oder Tagesgeschehen – und wie Elternhaus oder Medien ihre Sicht darauf beeinflusst haben. „Wie entstehen Werte?“, lautet auch die Frage, mit der sich Markus Proschek in seiner Arbeit „The Gift – The Abolition of Economy“ beschäftigt. Dazu untersucht er den Potlatch, das „Fest des Schenkens“, ein Ritual nordamerikanischer Indianerstämme, das im Extremfall bis zum Ruin des Häuptlings und seines Stammes führen konnte.

www.kunstraum.net

Wien, 7. 6. 2016