Wiener Festwochen: Simon McBurneys „The Encounter“

Juni 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die wahren Abenteuer entstehen im Kopf

Bild: Robbie Jack

Simon McBurney entführt die Zuhörer in die wilde Welt des Amazonas. Bild: Robbie Jack

Der Moment, an dem man hätte Mäuschen sein wollen, ist der, an dem Simon McBurney zu seinem Complicite-Theatertechniker sagte: Du, ich hab‘ da eine Idee, ich spiele den ganzen Regenwald und noch ein halbes Dutzend Figuren, wie, denkst du, können wir das umsetzen?, und die Augen seines Gegenüber vermutlich immer größer wurden, bis – die Idee. Der geniale britische Bühnenzauberer ist wieder Gast der Wiener Festwochen.

Im Museumsquartier zeigt er seine umjubelte One-Man-Performance „The Encounter“. Die ist, gleichsam als Weiterentwicklung von weiland Spalding Grays „Swimming to Cambodia“, nichts weniger als eine Neudefinition des Begriffs Theater, eine Neuerfindung der alten Tradition der Geschichtenerzähler, und für das Publikum eine völlig neue Theatererfahrung. Ist man doch diesmal angehalten zuzuhören, statt hinzusehen.

McBurney berichtet auf der Grundlage von Petru Popescus Buch „Amazon Beaming“ über den amerikanischen Fotojournalisten Loren McIntyre, den Mann, der 1971 die Quelle des Amazonas entdeckte. Bevor ihm das glückte, erlebte er allerdings das Abenteuer seines Lebens. Er folgte 1969 wochenlang einem Stamm Mayoruna, dem indigenen Volk der Jaguar, das sich in Berufung auf seinen stolzen Stammvater Gesichtsverzierungen aus Holzstäbchen wie Schnurrhaare durch die Wangen sticht. Damals galten die Mayoruna als „unentdeckt“, denn, wie McIntryre feststellen sollte, sie waren auf der Flucht vor der „Zivilisation“, oder besser deren Auswüchsen. Zu viele ihrer Menschen waren im Kautschukkrieg und wegen der Erdölgier der Weißen getötet worden, nun strebten sie immer weiter dem Herzen des Urwalds zu, ihr Häuptling, von McIntrye Barnacle genannt, auf der Suche nach dem „Anfang“ – und der Fotograf sollte noch herausfinden, ob dieser nicht tatsächlich das Ende einer ganzen Gemeinschaft meinen sollte …

Total mikrofoniert und mit allen Tricks des Soundentwicklers Sennheiser ausgestattet, verlegt McBurney die Geschichte in die Fantasie seiner Zuhörer. Auf der mit weniger Versatzstücken versehenen und im Halbdunkel gehaltenen Bühne gibt es nämlich nicht viel zu erkennen, die Eindrücke sind diesmal akustische. Via Kopfhörer taucht man ein in eine exotische Welt, McBurney nennt sie als McIntyre „mein schönes Gefängnis“, sie ist gefährlich und faszinierend und beunruhigend, voll unbekannter Geräusche und nie gehörter Töne. Ein binauraler Kunstkopf dient sozusagen als Antagonist, über ihn ist ein komplexer Mix aus Livegeschehen und vorher aufgenommenem Sound möglich. Eine Cessna fliegt über die Köpfe der Zuschauer, so laut, dass der Saal vibriert; seinen Marsch über den Dschungelboden markiert McBurney durch Herumtrampeln auf raschelnden VHS-Kassettenbändern; Moskitosurren wird auf dem Kamm geblasen. Atmet er einem über die Schulter, glaubt man das heiße Hauchen im Ohr zu spüren; und wenn der Darsteller von seiner fünfjährigen Tochter bei der Arbeit gestört wird, eine Tür geht auf, Licht fällt herein, eine Kinderstimme klingt hell, schaut man sich unwillkürlich nach dem kleinen Mädchen um. Die Kakophonie im Kopf ist mitunter überwältigend.

Aller Fakt ist Fake, die Illusion dazu perfekt und McBurney ein großer Entertainer. Er hat sichtlich Spaß an seinen Spielereien und spielt mit ihnen virtuos. Als McIntyre – im rechten Mikrofon – hat er sich eine tiefe Stimme mit Yankee-Akzent zugelegt, als Einheimischer Cambio gibt er im linken Mikrofon den Tenor. Solcherart tritt er nicht nur in Dialog mit dem Publikum, das er immer wieder direkt anspricht, sondern auch mit sich selbst. Und da ist mehr. McIntyre kommunizierte mit Barnacle nämlich in einer transzendenten Sprache. Die beiden Männer unterhielten sich im Kopf miteinander, und kamen dort über alle Gegensätze und Unterschiede hinweg zu dem Schluss, Freunde sein zu wollen. McBurney geht es in seiner Arbeit um Bewusstsein und dessen Erweiterung, wobei natürlich auch Naturdrogen eine Rolle spielen, er hinterfragt den Begriff der Zeit und wie die Zivilisierten sich davon treiben lassen, er führt nicht nur durch den Amazonas, sondern auch an seinen Londoner Schreibtisch. Das Projekt und seine Entwicklung verschmelzen auf mehreren Ebenen, und dass das alles funktioniert, zeigt einmal mehr wie großartig dieser unkonventionelle Theatermacher ist.

Bild: Gianmarco Bresadola

Ein binauraler Kunstkopf ist Gegenspieler … Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

… gleichzeitig aber auch der einzige Freund. Bild: Gianmarco Bresadola

Doch bei aller Poesie dieser atemberaubenden Aufführung, McBurney verdeutlicht auch die größeren, die politischen Zusammenhänge. „The Encounter“ ist ein Rousseau’sches Requiem auf die indigenen Völker, ein Dutzend Gespräche hat McBurney in dessen Vorbereitung geführt, er hat den Amazonas selbst bereist und ebenfalls Mayorunas getroffen (siehe die Links „Simon McBurney im Gespräch“ und „Simon McBurneys Amazon Diary, I + II“ unten). Als deren Stellvertreter schildert er nun die Gewalt, die ein Teil der Erde dem anderen in seinem Profitstreben antut, und wenn Barnacles Leute sich am Ende vom „Anfang“ in einer Zeremonie von ihren wenigen Besitztümern trennen, nutzt er das um auf die heutige Überflussgesellschaft und deren Konsumrausch hinzuweisen. Schließlich steht aber wieder seine Tochter im Raum. Sie will eine Gute-Nacht-Geschichte hören und McBurney liest ihr aus Popescus Buch eine Mayoruna-Legende vor. Wie der Amazonas wegen eines dummen Bubenstreichs vom Himmel stürzte und wie die Menschen über das Schicksal ihres Flusses des Lebens weinten, ein Mythos, vergleichbar mit dem christlichen von der Vertreibung aus dem Paradies. Die Mayoruna kämpfen heute mit der Hilfe internationaler Rechtsanwälte um ihr Landrecht und die Erhaltung ihres Lebensraums.

Videoausschnitt „The Encounter“: www.youtube.com/watch?v=vKWv001zJ_Y

Simon McBurney im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=2cxnzcsHuKM&index=2&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7

Simon McBurneys Amazon Diary, I + II: www.youtube.com/watch?v=ZioqgcYWXVQ&feature=youtu.be&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7  www.youtube.com/watch?v=VX2zFnPEj98&feature=youtu.be&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7

www.festwochen.at

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Wien, 3. 6. 2016