WienDrama: Eisemann – Der Tänzer, der vom Himmel fiel

Juni 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein spannendes Stück Wiener Stadtgeschichte

Gioia Osthoff, Stefan Sterzinger und Patrick Seletzky Bild: © Nela Pichl

Die Eisemanns und ihr teuflischer Einflüsterer: Gioia Osthoff, Stefan Sterzinger und Patrick Seletzky. Bild: © Nela Pichl

Gioia Osthoff, Patrick Seletzky und Stefan Sterzinger. Bild: © Nela Pichl

Bereit für den großen Auftritt: Osthoff und Seletzky versuchen sich auch als Artisten. Bild: © Nela Pichl

Stefan Sterzinger und sein Akkordeon, das sind schon so Momente an diesem Abend. Der Musiker ist Mitspieler, ein Sänger der Moritat, deren Fortgang er selbst verursacht hat. Als Mephisto eines fast faustischen Pakts, der einmal mehr einen Menschen erst aufs Hochseil und danach in den Abgrund trieb. So stellt es zumindest der Wiener Dramatiker Bernd Watzka dar. Er hat für sein jüngstes Stück „Eisemann – Der Tänzer, der vom Himmel fiel“ viel Fantasie über einen tatsächlichen Todesfall gelegt. WienDrama hat den Text nun in der Regie von Markus Kupferblum und mit den Darstellern Gioia Osthoff, Patrick Seletzky und Stefan Sterzinger zur Uraufführung gebracht.

Josef Eisemann war Seiltänzer. Ein „Donauschwabe“, 1911 in Novi Sad geboren und in den 1930-Jahren bereits von Budapest bis Belgrad ein Star. Sogar eine internationale Filmkarriere stand ihm in Aussicht, als er in einigen Harry-Piel-Filmen als Double für den „tollen Harry“ agierte. Watzka nannte wohl mit viel Sinn für Hintersinn die Sterzinger-Figur nach dem politisch beweglichen Publikumsliebling.

Für Eisemann aber folgte mit voller Wucht der Zweite Weltkrieg, er wurde eingezogen, geriet in französische Kriegsgefangenschaft, wurde aus seiner Heimat vertrieben und landete völlig verarmt in Wien. Wo er angesichts der drückenden Not wieder zu trainieren begann. 1949 arbeitete er an seinem Meisterstück, einer Reihe von artistischen Aufführungen, bei denen er den Donaukanal von der Leopoldstadt in Richtung der heutigen Strandbar Hermann überquerte. Tag für Tag zeigte er tollere Kunststücke: „Spaziergang im Polkaschritt“, „Abendessen am Seil“, „Kopfstand am Fahrrad“ oder – besonders gewagt – den „Todessprung“, bei dem er von einem Sessel auf das Seil sprang. Glorreiche Schlussattraktion der Vorstellungen sollte am Abend des 17. Juli eine Kanalüberquerung zu zweit sein: Eisemann mit seiner 16-jährigen Tochter Rosa auf den Schultern. Berichtet wird über vielerlei Verhängnis, was aber passierte, ist bis heute ein Rätsel – die beiden stürzten in den Tod, direkt auf das harte Pflaster des Treppelwegs.

Patrick Seletzky ist ein großartiger Eisemann. Wie sich die Melancholie um seine Augen festgesetzt hat, gestaltet er sowohl die Verbitterung um ein verlorenes Zeitalter, als auch die Verzweiflung über ein verlorenes Leben. Zwar hat er das Seil gegen den Schneiderzwirn getauscht, aber zufrieden ist er damit nicht. Watzka erzählt von Jahren, in denen das Glück in Wien gerade wieder neu erfunden werden und Spektakel deshalb sein musste. Sterzinger lässt das Lied vom diesbezüglich flüchtigen „Vogerl“ anklingen, doch da gibt’s auch subtil angedachte aktuelle Bezüge. Die Erwerbsarmut, ein Flüchtlingsschicksal. So braucht’s nicht allzu viel, um Eisemann wieder zu dem zu überreden, was der Artist „kalkuliertes Risiko“ nennt. Der Künstler wie sein Publikum suchen die Sensation – und „Harry“ ist der Reporter dazu. Seletzky spielt das Spiel mit der Gefahr famos, halb zog sie ihn, halb sank er hin, er ist fast zu intensiv für den kleinen Spielraum im Schwarzberg, in dem die Premiere stattfand. Im Herbst wird er in zwei Produktionen an der Josefstadt zu sehen sein.

Josef Eisemann tanzt über dem Donaukanal. Bild: © Bezirksmuseum Landstraße

Josef Eisemann tanzt über dem Donaukanal. Bild: © Bezirksmuseum Landstraße

Gioia Osthoff spielt Eisemanns Tochter Rosa, im Kontrast zum Vater ist sie die verkörperte Lebenslust. Sie tanzt über die Bühne wie über den Himmel, Osthoff und Seletzky haben sich ein wenig Akrobatik angeeignet, das Artistenblut pulsiert in ihren Adern, und mit unbändiger Freude und dem dazu gehörigen kindlichen Egoismus will sie ihren Traum von Licht und Luft erfüllt wissen. Ihre Bühnenenergie ist die Folie, auf der verdeutlicht wird, wie sehr allein Eisemann mit seinen Selbstzweifeln ist. Mehr Action fordert sein Umfeld beständig, und auch das ist sehr modern. Watzkas Text ist mehr als die Schilderung eines tragischen Ereignisses, voll Ironie und Witz auch eine Analyse jener Kraft, die Künstler immer wieder antreibt. Als wär’s eine Art Selbstbespiegelung angesichts dieser kleinen, feinen Produktion.

Markus Kupferblum hat sein Ensemble einfühlsam und aufmerksam für all diese Zwischentöne angeleitet. Er lässt ihm Raum zu agieren, ohne es in der Historie zu verhaften. Dazu gibt’s den einen oder anderen Gimmick; von Konrad Stania ist ein Visual: die Skyline rund um die Urania verwandelt sich zum Seil über den Kanal. Die Schreckensminute wird schließlich Stefan Sterzinger erzählen, er wird sie aufschreiben für die Nachwelt. Lange erinnerte eine Marmortafel am Donaukanal an Josef und Rosa Eisemann. Was mit ihr geschah, ist ebenso unbekannt wie das weitere Schicksal von Eisemanns Frau und Sohn. Nun hat Bernd Watzka den Artisten ein Denkmal gesetzt. Als spannendes Stück Wiener Stadtgeschichte.

„Eisemann – Der Tänzer, der vom Himmel fiel“ wird bis Mitte Juni an unterschiedlichen Spielorten in ganz Wien aufgeführt; alle Termine:

wiendrama.wordpress.com

Wien, 2. 6. 2016