Vor der Morgenröte

Mai 31, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Josef Hader beeindruckt als Stefan Zweig

Josef Hader und Aenne Schwarz. Bild: © Filmladen Filmverleih

Der Donauwalzer treibt dem berühmten Österreicher im brasilianischen Exil die Tränen in die Augen: Josef Hader und Aenne Schwarz als Stefan und Lotte Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Großer Bahnhof selbst noch im kleinsten Kaff. Stefan und Lotte Zweig besuchen 1941 eine brasilianische Zuckerrohrplantage, ein Dorfbürgermeister passt sie ab, der Ehrengast entrinnt seiner Ehrung nicht, peinlich ist das, die vor Aufregung schwitzenden Honoratioren mit ihren Ansprachen zum Fremdschämen.

Schon zwinkert Zweig seiner Frau verschwörerisch zu, da schrammelt die Kapelle den windschiefsten Donauwalzer, den man je gehört hat, und der Schriftsteller hat plötzlich Tränen in den Augen. Das ungefähr sind die Temperaturen zwischen denen sich Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“ bewegt. Am 3. Juni läuft er in den österreichischen Kinos an.

Josef Hader spielt Stefan Zweig. Er spielt ruhig, fast erstarrt, schweigsam, fast sprachlos, fremd und verloren und fassungslos, erschöpft von der Welt und der auf ihr herrschenden Zustände. Sonst ein Meister von feinem Spott und beißendem Sarkasmus, hat sich Hader für diese neue Rolle ein völlig neues schauspielerisches Instrumentarium zugelegt. Das heißt, das typische Staunen über den ihn umgebenden Irrsinn, sein Unverständnis über die Unzulänglichkeit des Menschseins, sind schon noch da, doch dazu ist Hader wie unter Zweigs Haut geschlüpft. Er hat sich den Autor quasi angezogen, den Pazifisten und Humanisten, den überzeugten Europäer und den Pessimisten, den schwierigen, vergrübelten, verschlossenen Menschen, der an sich und an den Umständen zerbrach. Nicht nur äußerlich möchte man Ähnlichkeit orten, sondern auch was das Wesen betrifft, eine Seelenverwandtschaft unter Künstlern, ohne die diese brillante Darstellung kaum möglich gewesen wäre. Josef Hader ist einmal mehr großartig.

Regisseurin Schrader erzählt episodisch. In sechs Bilder berichtet sie von Zweig im amerikanischen Exil, wie exemplarisch hat sie dafür einzelne Situationen ausgewählt. Auf dem Höhepunkt seines weltweiten Ruhms wird er in die Emigration getrieben und verzweifelt angesichts des Wissens um den Untergang Europas, den er schon früh voraussieht. „Wer keine Heimat hat, hat keine Zukunft“, lässt Schrader den Schriftsteller sagen. Rio de Janeiro, Buenos Aires, New York, Petrópolis sind vier seiner Stationen, er wird herumgereicht, ohne wirkliche Hilfe zu erfahren, der Star soll sich zur Weltlage äußern und verweigert sich. Zweig glaubte nicht an die Wirkung politischer Statements, an Widerstandsgesten, die aus der sicheren Deckung gegeben zum Selbstlob werden; nur wer sich damit in Gefahr bringt, habe das Recht, das Wort zu ergreifen.

Vom P.E.N.-Kongress 1936, bei dem der von Charly Hübner gespielte Emil Ludwig eine Wutrede gegen das Dritte Reich hält, schreibt Zweig an seine erste Frau Friderike: „…  mit Riesenformat war ich abgebildet, wie ich bei der Rede Ludwigs weinte (!!!). Ja, so stand es mit Riesenlettern – in Wahrheit hatte ich mich so widerlich gefühlt, als man uns als Märtyrer hinstellte, dass ich den Kopf in die Hände stützte, um mich nicht photografieren zu lassen, und gerade das photografierten sie und erfanden den Text dazu. Mich ekelt dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten.“

Josef Hader und Charly Hübner. Bild: © Filmladen Filmverleih

Buenos Aires, P.E.N.-Kongress 1936: Mit Charly Hübner als Emil Ludwig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader, Barbara Sukowa. Bild: © Filmladen Filmverleih

New York 1941: Stefan Zweig trifft sich mit seiner geschiedenen Frau Friderike (Barbara Sukowa). Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader und Matthias Brandt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Petropolis 1941: Mit Matthias Brandt als Ernst Feder. Bild: © Filmladen Filmverleih

Es sind Szenen, wie diese, im Szenenbild von Silke Fischer und durch die Kamera von Wolfgang Thaler akribisch nachgestellt, mit denen Schrader ihren Film auf die nächste, eine abstraktere Ebene hebt, weg von Zweig hin zu der generellen Frage, ob und wenn ja welche Verantwortung der öffentliche Mensch für eine Gesellschaft trägt, ob „Prominenz“ zur Aussage gleichsam verpflichtet oder ob, wie Zweig die internationalen Journalisten höflich, aber bestimmt abblitzen lässt, allein über das Werk Wirkung anzustreben ist.

Doch nicht nur dieses Ausstellen einer Bekenntnisunkultur holt der Film ans Heute heran. Eindrücklich auch ein Moment von Barbara Sukowa als Friderike Zweig, in dem sie erzählt, wie sie mit tausenden anderen Menschen, die alle vor Krieg und Verfolgung flüchten wollten, am Quai von Marseille stand, Gedränge und Geschiebe, Angst und Panik, jeder will auf ein Schiff. Wie sich die Bilder gleichen, wenn dieser Tage auf der anderen Seite des Mittelmeers Menschen mit ähnlichen Motiven ihr Leben riskieren. Ein Europa, das Niemals Vergessen! wollte, hat vieles aus seiner Erinnerung getilgt …

Hader spricht im Film sechs Sprachen, es wird nicht synchronisiert, auch damit macht man klar, was es heißt, ein Leben ohne Verwurzelung zu führen. Maria Schrader zeigt, wie es ist, wenn – Zitat Zweig – „ein halber Kontinent auf einen anderen flüchten möchte“. Das „Wem helfen?“ betrifft auch den Autor, bei dem täglich Bittbriefe von Freunden und Nicht-einmal-Bekannten eingehen. Dabei ist „Vor der Morgenröte“ ein spröder, unaufgeregter Film. Beinah emotionslos, wie beiläufig schildert er die Haltepunkte einer Reise ins Nirgendwo, und wie die Menschen keine Ahnung haben von der Existenz des jeweils anderen. Wie die Brasilianer keine Vorstellung vom Grauen in Europa finden, so sieht Zweig die Armut und die Ausbeutung der Arbeiter in seinem Gastland nicht. Als hätten Folklore, Freundlichkeit und die für ihn zweifellos faszinierende Tatsache, dass die Brasilianer ohne Rassenkonflikte nebeneinander leben können, seinen Blick auf größere Zusammenhänge verblendet. Das aus dieser Sicht entstandene Buch „Brasilien – Land der Zukunft“ wurde von den linken Intellektuellen des Landes entsprechend heftig kritisiert.

Neben Barbara Sukowa und Charly Hübner hat Hader weitere hervorragende Schauspielkollegen an seiner Seite. Burgtheatermimin Aenne Schwarz spielt seine zweite Frau Lotte, Sarah Viktoria Frick Friderickes Tochter Suse. Als Ernst Feder ist Matthias Brandt zu sehen; mit ihm übt Zweig in Petrópolis so viel Schachspiel, wie er’s fürs Schreiben seiner „Schachnovelle“ braucht. Die erdrückende Ruhe des im Film alles Nicht-Gesagten und Zweigs Melancholie des Verlorenseins endet im Selbstmord 1942. Diese letzte Szene ist ohne Schnitt an einem Stück und mit nahezu unbewegter Kamera gefilmt.

Das ist Maria Schraders letztes Bild von Stefan Zweig: Zusammen mit Lotte liegt er wie schlafend auf dem Bett, kurz ermittelt die Polizei, knapp telefoniert sie der Dienststelle durch, was passiert ist. Der Hund Pucky bellt, ein kleiner Terrier, den ihm sein brasilianischer Verleger Abrahão Koogan gerade erst zum Geburtstag geschenkt hat, die Haushälterin schluchzt. Man hat es gewusst und ist doch nicht weniger schockiert und erschrocken als die Zeitgenossen. Zweig wollte „in der Welt voller Hassgeschrei, feindlicher Absperrung und brutalisierender Angst, die uns heute umgibt, nicht fortleben“, schrieb Thomas Mann später. Aus dem Abschiedsbrief ergibt sich der Filmtitel: „Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus!“

Josef Hader im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20252

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z1RAT0c9mwc

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

Wien, 31. 5. 2016