Kunsthaus Graz: Bittersüße Transformation

Mai 25, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Todes-Trieb und die Lust am Leib

Kateřina Vincourová, "From Inside Out", 2006, Courtesy der Künstlerin und Fait Gallery, Bild: Martin Polák

Kateřina Vincourová, „From Inside Out“, 2006, Courtesy der Künstlerin und Fait Gallery, Bild: Martin Polák

Es sieht aus, wie ein gequälter, weil überdehnter Leib und entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als mit Bällen gefüllte Korsagenskulptur. Eine Stehlampe leuchtet aus den Lippen, eine Torsohaut wird zur kaputten Hängematte. Es sind seltsame Objekte, die beim Presserundgang im Kunsthaus Graz zu entdecken sind.

Ab 26. Mai treten in der Ausstellung „Bittersüße Transformation“ drei Bildhauerinnen über Generationen hinweg in einen Dialog über den Körper als Material, die schaffende Hand und das darin eingebrannte historische und gesellschaftliche Erbe. Ausgangspunkt ist das Schaffen der Polin Alina Szapocznikow, die als eine der wegweisenden Bildhauerinnen der Nachkriegszeit gilt. Ihre experimentellen Plastiken aus unterschiedlichen Materialien stehen im Dialog mit den Werken einer jüngeren Künstlerinnen-Generation: Die aus Frankreich stammende Camille Henrot – seit der Verleihung des Silbernen Löwen der Biennale von Venedig 2013 einem größeren Publikum bekannt – widmet sich in ihren filmischen und grafischen Arbeiten dem von eifriger Neugier getriebenen Menschen des digitalen Zeitalters. Kateřina Vincourová aus Prag wiederum ist bekannt für ihre vom Feminismus inspirierten Arbeiten, die in einer forschenden Auseinandersetzung mit einer kapitalistischen Konsumhaltung entstehen.

Camille Henrot, "Faciathérapie (Mina Hebbaz)", aus: "Sculptures Massées", 2011, Courtesy der Künstlerin und kamel mennour, Pairs, © ADAGP Camille Henrot / Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Fabrice Seixas

Camille Henrot, „Faciathérapie (Mina Hebbaz)“, aus: „Sculptures Massées“, 2011, Courtesy der Künstlerin und kamel mennour, Pairs, © ADAGP Camille Henrot / Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Fabrice Seixas

Alina Szapocznikow, "Lampe-bouche" [Illuminated Lips], 1966, Privatsammlung Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow / Piotr Stanisławski / Galerie Loevenbruck, Paris, © Bildrecht, Wien, 2016, Bild: Fabrice Gousset

Alina Szapocznikow, „Lampe-bouche“ [Illuminated Lips], 1966, Privatsammlung Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow / Piotr Stanisławski / Galerie Loevenbruck, Paris, © Bildrecht, Wien, 2016, Bild: Fabrice Gousset

Allen Arbeiten gemeinsam ist eine seltsame Erotik, sie wirken auf den Betrachter, als wäre der Todes-Trieb der Höhepunkt menschlicher Lust. Das verstört und lädt gerade deshalb zum näheren Hinschauen ein. Eine bemerkenswerte Schau. Eine Empfehlung.

www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz

Wien, 25. 5. 2016