Wiener Festwochen: Dugne / Nachtasyl

Mai 25, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Einladung zum Letzten Abendmahl des Theaters

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Pennerphilosophie von Satin und dem Baron: Darius Meskauskas und Dainius Gavenonis. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Beim Nachhausefahren in der U-Bahn genau so ein Typ, mit Bierdose, der Vierersitz bis auf seinen Platz leer, denn wer will schon … nicht einmal rüberschauen am besten. Das geht beim Oskaras Koršunovas Theater aus Vilnius nicht. Der litauische Regisseur und seine Truppe zeigen bei den Wiener Festwochen Maxim Gorkis „Dugne / Nachtasyl“. Das heißt, es ist nur der vierte Akt, der im brut dargeboten wird.

Da ist Luka schon gegangen, Anna tot, und Pepel und Wassilissa sind in Untersuchungshaft. Was bleibt, ist eine Inszenierung auf kurze Distanz, so sehr Aug‘-in-Aug‘, dass man hinsehen muss. Koršunovas heischt nicht um Verständnis für irgendjemandes Verhängnis. Schonungs- und mitleidlos zeigt er zunehmend aggressiver werdende Asoziale, der Mensch, wie er ist, wenn ihm Eigendefinition und -verantwortung ausgehen, das ist bedrückend, eindrücklich und schwer auszuhalten.

Wobei Gorki weder etwas hinzugefügt, noch von ihm weggelassen wird. Im Hintergrund gleiten dessen Sätze vorbei. „Man muss jeden Menschen respektieren!“ und „Tritt keinem Menschen zu nahe!“ und der liebste „Wenn Arbeit erzwungen ist, dann wird Leben zur elenden Sklaverei!“ Das Wort ist Leuchtschrift geworden und ist unter uns gelaufen. Dazu Dias von der litauischen Landschaft als ein letztes bisschen Frieden. Auch die Schauspieler werden diese Sätze noch sprechen, aber aus ihrem Mund werden sie anders klingen, nach „arbeitsscheu“ und den üblichen tagtäglichen Beschimpfungen. Sandler, Owezahrer, Strolch. Vorurteile? Ein Grausen? Nicht doch! Da sitzen sie so lieb lächelnd an der weißgedeckten Tafel, die zweite Gruft in Tuchfühlung, und teilen ihren Wodka und die salzigen Kekse mit dem Publikum. Gramm um Gramm rinnt die Kehlen runter, und das Wort wird weitergereicht. Rasa Samuolytė als Prostituierte Nastja hat sich schon beim Reinkommen einen jungen Mann in der ersten Reihe ausgeguckt. Er ist Student, Johannes heißt er, und am Ende wird sie ihm ihre Telefonnummer zustecken – man weiß ja nie, die Hoffnung auf ein besseres Leben in Österreich soll keiner aufgeben müssen. Und natürlich wird gebettelt. Eine Million Euro, das ist für reiche Westeuropäer doch nichts!

Die Gesichter des vermeintlich vereinten Europas, und wie wenig man dem anderen in seines zu schauen vermag, und wie Unkenntnis zu Unverständnis führt. Oskaras Koršunovas sagt das alles, ohne etwas explizit zu sagen. Derweil entwickelt sich unter den Darstellern eine Diskussion um die Wahrheit und ihren Wert, an diesem Tisch ohne den Tischler beraten hochphilosophische Penner darüber, ob Wahrheit nicht eigentlich eine Glaubensfrage ist. „Der Gott des freien Menschen“, wie Dainius Gavenonis als Satin sagt. Der Wort- und Rädelsführer hat die arbeitslosen Apostel um sich versammelt, um Lukas Gleichnisse an die Gemeinde weiterzugeben. Wie Hostien teilt er nun die Kekse aus, wirft sie unter das Zuschauervolk, trinkt Bruderschaft da und dort, die, die so gut wie nichts haben, teilen noch das wenige, und mit der Promillezahl steigt die Großzügigkeit. Einer auf dem Nebenplatz flüstert: „Müssen die morgen nicht ihren Rausch ausschlafen?“ Es ist ein Verdienst dieser seltsam naturalistischen Aufführung, dass einem solche Dinge durch den Kopf und nahe gehen.

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Das Ensemble versammelt sich zum Letzten Abendmahl des Theaters. In der Mitte: Rasa Samuolyte als Nastja. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Die Witwe Kwaschnja (Nele Savicenko) schimpft auf die Männer. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Wo der Mensch ist, wird Geschirr zerschlagen werden. Im Wortsinn, Nastja wirft mit Tellern um sich. Sie fühlt sich beleidigt, weil die Männer über ihre Kitschromane lachen. Samuolytė, dieses rothaarige Gorki-Geschöpf, ist eines der Highlights des Abends. Überhaupt sind die Schauspieler ganz großartig: Julius Žalakevičius als selig volltrunkener Mützenmacher Bubnow, Darius Meškauskas als resignativer Baron, Jonas Verseckas als um Ruhe bemühter Kleschtsch oder Rytis Saladžius als Polizist Medwedew. Giedrius Savickas steigt als Aljoschka den zum Tänzchen gebetenen Zuschauerinnen auf die Zehen.

Nelė Savičenko warnt als Witwe Kwaschnja eine anwesende Ehefrau: „Schlägt er dich? – Nein? – Na, das wird schon noch kommen!“ Und inmitten von  Lärm und Musik kniet Tomas Žaibus als der Tartar und betet zu Allah. Auch das keine Erfindung des Ensembles, sondern original Gorki. Es folgen Streit, Standesdünkel und Eifersüchteleien. Und die Gewaltspirale dreht sich, es wird gesoffen, geschrien und geschlagen, und selbst der gutmütigste Gutbürgerliche hat mittlerweile Fluchtgedanken. Raus aus diesem Raum, ein Glück, das geht einen alles nichts an, weil man ist ja auf der sicheren Seite der Gesellschaft.

Doch da kommt die Kultur. Sie ist gestorben, sie ist ein Gespenst. Der Schauspieler – Darius Gumauskas mit einer beklemmenden Performance stiller Verzweiflung – hat sich erhängt, und sein Geist rezitiert Hamlet. Sein oder Nichtsein? In solchen Verhältnissen ist Schluss mit „Show“. Lichter aus, Vorhang zu. Oskaras Koršunovas sagt, in Litauen sei es aufgrund der jetzigen Theaterfinanzierung nicht mehr möglich eine „normale“ Inszenierung zu machen. Und man versteht, dieses Grenzerlebnis war eine Einladung zum Letzten Abendmahl, eine über seine sozialen Metaphern hinausreichende Totenfeier des Theaters. Jetzt ist das Hochkulturblabla als Bluff enttarnt, denn mit schönen Worten lässt sich kein Schauspielermagen füllen, nun wird die Kulturpolitik auf die Bühne gebeten. Eine gute Entscheidung von Festwochen-Schauspielchefin Marina Davydova diese Produktion auch nach Wien einzuladen. Sie ist ein kleiner Abend, der einem kluge Gedanken mit auf den Weg gibt.

Video: www.youtube.com/watch?v=vBHLNZEII4A

www.festwochen.at

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Wien, 25. 5. 2016